Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1883)
- Date
- 1883-03-20
- Page
- Seite 192 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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192 für die russischen Flüchtlinge aufforderte und sich mit 1000 Frcs. an die Spitze stellte. Dasselbe Blatt bringt alle Samstage eine „Chronique israelite“, die von der wohlwollendsten Gesinnung inspirirt ist. — Die schwedische Academie der Wissenschaften zu Stockholm hat die seit 1856 nicht er» theilte große goldene Medaille unserem Glaubensgenossen vr. Marburg, Bibliothekar des Museums zu Gothenburg, für seinen „Literarischen und geschichtlichen Essay über das Leben und die Schriften Olafs von Dalin" bestimmt. — Für die Provinz Neu-Süd-Wales in Australien wurde Herr Cohen aus Sidney zum Justizminister ernannt. — Auch in Aegypten ist augenblicklich eine englische Gesellschaft mit Ausgrabungen beschäftigt; sie hat sich zum Ziel gesteckt, das Land Gosen zu suchen und die verschiedenen Städte, in denen die Juden gewohnt haben, aufzudecken, in der Hoffnung, auf diese Weise über den Auszug der Juden aus Aegypten und die sonstigen damit zusammenhängenden Fragen genauere Auskunft zu erhalten. Zunächst hat man mit Ausgrabungen bei Tell-el-Maschuta begonnen und zwar, wie es scheint, mit Erfolg. — Herr Camille Lyon, bis jetzt Requtztemeister am französischen Staatsrathe, ist zum Director des Cabinets des Ministeriums des Innern und der Culte ernannt worden. Iseuil Eine Fahrt «ach Amerika. Es war ein trüber Herbsttag, noch früh am Morgen. Ueber der Stadt Hamburg lag dichter gelber Nebel, und ein weißer über dem breiten Elbstrande. Die Sonne mochte wohl eben ihre ersten Strahlen zur Erde gesandt haben; aber! diese drangen durch Wolken und Dunst nicht hindurch, kaum daß es dämmerte. Ein junger Mann, fest in seinen Mantel gehüllt, schritt die noch stillen Straßen nach dem Hafen hinunter. Ihn begleitete weder Verwandter noch Freund; nur ein Mann mit einem Schubkarren, auf dem das Reisegepäck sich befand, folgte ihm. Der Fremde hatte wohl Nie» manden in der großen Handelsstadt, der ihm bei seinem Scheiden aus dem Baterlande das Geleite gäbe. Jndeß schien er sich hierüber keine Gedanken zu machen, denn er schritt kräftig und entschieden dem Hafen zu, ohne daß in seinem geist- und charaktervollen Gesichte sentimentale Regungen sich verriethen; eher konnte mitn an ihm die Abstammung aus dem uralten Geschlechte der Söhne Israels erkennen. Am Hasen angelangt, bestieg er ein Boot und ließ sich nach einem großen Seedampfer fahren, der in der Mitte des Stromes lag und auf welchem ein reges Gewühl, sowie der aus den Rauchfängen aufsteigende Rauch anzeigten, daß er sich zur Abfahrt anschicke. Der junge Mann, nachdem er sich bei den Beamten des Dampfers ausgewiesen hatte, ging nach der für ihn bestimmten Cabine, wo er sich sofort mit dem Unterbringen seines Gepäckes und mit der nöthigen Einrichtung für eine vierzehntägige Fahrt über den Ocean beschäftigte. Einige Zeit darauf fühlte man an der Bewegung des Schisses, daß es seine Fahrt angetreten. Wir brauchen unsren Lesern aus der Person dessen, mit dem wir uns beschäftigen, kein Geheimniß zu machen. Einziger Sohn einer Wittwe, die ihren Gatten kurze Zeit nach der Geburt des Knaben verloren hatte, lernte er frühzeitig den Ernst und den Kampf des Lebens kennen und strebte nach den Kräften und Fähigkeiten, um jedem Geschicke Stand zu halten. Er hatte das Gymnasium und die Universität zurückgelegt lelon. und die Prüfungen als Doctor der Medicin, sowie die Staatsexamina bestanden. Die Mutter hatte alle Opfer gebracht, um ihm dies zu ermöglichen. Aber nicht so glückte es ihm, recht bald eine ergiebige Praxis zu erhalten. Sowohl in seiner Vaterstadt als an einem anderen Platze wollte es ihm nicht gelingen, und da hierüber seine von ihm heißgeliebte Mutter, die er niemals verlassen hätte, hinstarb, und seine Mittel völlig zu Ende gingen, erschien es ihm wie ein Ruf des Schicksals, als ein wohlhabender Oheim, der in Philadelphia ansässig war, ihn aufforderte, zu ihm zu kommen, und ihm verhieß, daß er dort als wohlstudirter deutscher Arzt nicht lange auf eine angemessene und ergiebige Thätig keit zu warten haben würde. So konnte er allerdings die alte Heimath, an die ihn nur noch einige Gräber fesselten, ohne ttefe Gefühlserregung verlassen und der neuen Welt mit einigen Hoffnungen zusteuern, die er in seinem ruhigen und festen Charakter als wahrscheinlich, nicht aber als sicher bettachtete. Einige Stunden später stieg er auf das Verdeck hinauf. Die Scenerie hatte sich verändert. Die Sonne hatte den Nebel verscheucht, der Himmel wölbte sich in lichtem Blau, der Fluß schimmerte von den goldenen Sonnenstrahlen; die grünen Ufer wichen zu beiden Seiten immer weiter zurück, denn das Schiff eilte der Mündung des Sttomes zu. Auf dem Verdeck war es sehr lebendig. Zwar hatte die Mannschaft schon längst Alles in die nöthige Ordnung gebracht und Jedermann von ihr befand sich an dem Posten, auf welchem er thatig zu sein hatte. Die nach Hunderten zäh» lenden Passagiere aber waren fast sämmtlich auf das Verdeck gekommen, theils um diesen ihren Aufenthaltsort für die nächsten Wochen zu besichtigen und sich ein Plätzchen auszusuchen, das sie einzunehmen pflegen könnten, theils um sich ihre Mitteisenden anzuschauen, ob sie vielleicht darunter Personen fänden, denen sie sich für die Dauer der Fahrt anschließen möchten. Unser Bekannter hatte kaum einige Schritte durch das Gedränge gethan, um an die Balustrade des Ber»