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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-03-20 · Heft 12 (20.3.1883) · p. Seite 190

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 12 (20.3.1883)
Date
1883-03-20
Page
Seite 190 (sequence 10)
Language
German
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190 berathung im österreichischen Abgeordnetenhause so eben beantragte, von der Civilliste des Kaisers eine Million Gulden zu streichen, und damit — ganz allein blieb, abgesehen von einem Ordnungsrufe des Präsidenten. Redakt. d. A. Z. d. I.) Die „N. fr. Pr.'" bringt in ihrer Morgennummer vom 6. d. folgenden Bericht: „Die Redner des Abends hatten sich, wie zu erwarten war, nicht mit dem künstlerischen Wirken Wagner's allein beschäftigt, sondern auch mit seiner nationalen Gesinnung. Die Worte von der Tribüne gaben immer prononcirter und leidenschaftlicher dem deutsch-nationalen Standpunkte Ausdruck; dazwischen gab es auch grobkörnige antisemitische Auslastungen. Zwei Redner, Professor Polzer und ein Student, wurden vom landesfürstlichen Commistar unterbrochen, welcher den Präses aufforderte, die Sprecher zur Mäßigung zu mahnen. Dieser that es mit den Worten: „Der Herr Regierungsvertreter will, daß ich Sie zur Mäßigung mahne." Das zumeist studentische Publikum, welches den Rednern demonstrativen Beifall gespendet hatte, nahm diese Mahnungen ironisch auf. Nachdem der erwähnte Student seine Rede beendet hatte, theilte der Präses mit: „Der Herr Regierungsvertreter hat untersagt, daß noch ein Redner spreche." Tosender Lärm folgte dieser Ankündigung. Nun geschah Folgendes. Der Abgeordnete Schönerer, der als Gast anwesend war und früher wiederholte Rufe: „Sprechen!" unerfüllt gelassen hatte, betrat jetzt raschen Schrittes die Tribüne und hielt, entgegen dem Aufträge des Kommissars, eine Ansprache an die Versammlung. Obwohl er mit Stentorstimme sprach, war er doch, wohl durch seine Aufregung, kaum zu verstehen; er sprach, daß man so viel nicht dulden dürfe, daß ihm auch im Abgeordnetenhause das Wort entzogen worden u. s. w. Auf Befehl des Kommissars begab sich der Präses zu Herrn von Schönerer, um ihn zum Abtreten zu bewegen. Schönerer schwang das Bierglas weiter und beachtete ihn gar nicht. Nach einigen Minuten erschien der Kommissar in Begleitung des Präses und stellte sich neben den Redner. Dieser sprach noch einige Worte und entfernte sich dann. Nunmehr trat der Commistar vor die Brüstung. Er konnte in Folge des Tosens im Saale lange nicht sprechen; endlich erklärte er: „Wenn nicht Ruhe eintritt, werde ich die Versammlung schließen!" Mit der Drohung: „Ich treibe Sie auseinander!" verließ er die Tribüne. Nach einigen Momenten anhaltenden Lärmes verkündete der Präses, der Herr Regierungsvertreter gestatte, daß der Salamander gerieben werde. Diese Meldung rief Gelächter hervor. Schließlich wurde der Trauer-Salamander ordnungsmäßig gerieben, worauf die Versammlung sich um 12l •> Uhr nach Mitternacht in Ruhe auflöste." Jedenfalls ist eine solche Haltung bei einer Todtenfeier kein Zeugniß von Würde und Anstand! Wien, 8. März. Der Rektor der Universität hat eine Bekanntmachung am schwarzen Brette der Universität anschlagen lassen, worin er seine Entrüstung über die Vorgänge auf dem Wagnercommers ausdrückt und die Verhängung von Disciplinarmaßregeln in Aussicht stellt. Wien, 10. März. Nach einer Meldung des Wiener Tageblatts erstattete die Polizeidirection gegen den deutschnationalen Reichsrathsabgeordneten Schönerer wegen seiner im Verkehr mit den Studenten beobachteten Haltung Anzeige beim Landgerichte in Strafsachen. In der vor wenigen Tagen stattgefundenen Plenarversammlung des Wiener medicinischen Unterstützungsvereins vollzog sich die Parteibildung nach den Schlagworten des — Antisemitismus, als ob es für Mediciner, für angehende Naturforscher keinen höheren Standpuntt giebt als eben diesen. Wien, 10. März. Der vor wenigen Monaten gegründete Verein „deutsche Studenten" ist anläßlich der Vorgänge bei dem Richard Wagner-Commers von der Behörde aufgelöst worden. Von der Donau, 8. März. (Privatmitth.) Die Leser d. Zt. werden sich des Rezessower sensationellen Processes erinnern, der mit der Verurtheilung des Moses Ritter und dessen Frau endete. Vor einiger Zeit hat nun ein galizischer Bauer den Juden Jossel Leib Braun erschlagen, der Gerichtshof sprach den Mörder frei. In der gegen dieses freisprechende Urtheil ergriffenen Nichttgkeitsbeschwerde konnte der Staatsanwalt von Zloczow nicht umhin, sich über die Jury in folgender Weise zu äußern: „Wer die Akten dieses Straffalles durchlieft, muß zu der Ueberzeugung gelangen, daß an Jossel Braun ein gräßlicher Mord begangen wurde, und kann auch über die Schuld des Mörders keinen Zweifel hegen. Die Verneinung der auf Mord gerichteten Hauptfrage bildet einen traurigen Beleg dafür, daß die Geschworenen sich von antisemitischen Tendenzen leiten oder doch von der jetzigen antisemitischen Strömung beeinflußen ließen." Die Nichtigkeitsbeschwerde des Staatsanwaltes wurde zurückgewiesen und das freisprechende Urtheil bestätigt. Pest, 4. März. (Privatmitth.) Dem heute ausgetheilten Jahresberichte der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde entnehmen wir folgende auch weitere Kreise interesfirende Details: Im hiesigen Israeliten - Spital wurden im abgelaufenen Jahre 771 liegende und 5789 ambulante Kranke behandelt ohne Unterschied der Confessionen. Von den Armen- Aerzten wurden behandelt 1032 liegende und 2732 ambulante Patienten. Im Spital und von den Armen-Aerzten wurden insgesammt 11.104 Patienten behandelt. Im Spital wurden unentgeltlich verpflegt 597 Personen. Sämmtliche Patienten nahmen 14.554 Pflegetage in Anspruch und die durchschnittliche; Zahl der Kranken beträgt täglich 40. Von den Spitals-Ausgaben entfallen auf einen Patienten 22 fl. 71 kr., auf einen Pflegetag 1 fl. 20 kr. — Das Knaben-Waisenhaus hatte zu Ende des Jahres 1881 43 Zöglinge; im Jahre 1862 wur-

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