Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1883)
- Date
- 1883-03-20
- Page
- Seite 184 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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184 treu und fest die Totalität seiner Gedankenwelt bewahrte, | theils um ihn stets als ein Ferment für den Fortschritt der Cnltnr verwendbar zu machen, theils um ihn für die Zukunft der Menschheit zu erhalten. Dies spricht die Geschichte klar aus, und anders ist ein Berständniß derselben gar nicht möglich. Drittens. Und nun in der Gegenwart? Hat etwa die Menschheit einen Wendepunkt überhaupt oder den Wendepunkt erreicht, an welchem die Religion Israels zu ihrem Endziele gelangt und ihre Mission erledigt ist? Bestehen nicht die alten Kirchen noch heute wie früher auf ihren Standpunkten und Glaubenssätzen, auf welchen das Judenthum zu ihnen die Opposition aufrecht erhalten mußte, denen gegenüber es die reine Gotteslehre für die Zukunft der Menschheit zu bewahren hat? Ist nicht gerade in der Gegenwart eine Verwirrung der Begriffe in religiöser und ethischer Beziehung eingetreten, wie sie kaum jemals stärker gewesen? Haben nicht der Pessimismus, der Monismus, der Darwinismus, der Materialismus, der Atheismus, überhaupt die Anschauung des Universums als einerein mechanischen Aufbaus ihre Standarten aufgepflanzt und zahllose Schaaren um sie gesammelt? Thut diesen allen gegenüber nicht um so mehr eine feste religiöse Ueberzeugung noth, die dem Verstände wie dem Herzen entspricht und auf dem Boden der ganzen menschengeschlechtlichen Entwickelung feststeht? Ist etwa in der jüngsten Periode selbst die civilifirte Welt schon ganz aus der Barbarei herausgekommen und hat das Gebiet des Friedens und des Rechtes befchritten, auf welches der Kerngedanke des Judenthums sie versetzen will, auf welches es die Fülle seiner Hoffnungen und Verheißungen gerichtet hat? Und diese Zukunft verheißen, heißt sie lehren, heißt sie als Ziel aller Entwickelung hinstellen! Wir brauchen nur einen Blick auf die immer wachsende Bewaffnung aller Völker zu werfen, auf die Befestigungen, mit denen jeder Staat sich umgürtet, auf die Stellung der Nationen zu einander, um dieses Ziel noch in weite Ferne gerückt zu sehen. Oder ist etwa die politische und soziale Entwickelung bis zu irgend welcher Festigkeit und Stabilität gekommen? Ist nicht Alles noch schwankend und verworren, daß jeder Tag neue Wünsche, neue Bedürfniffe und Bestrebungen bringt? Hat sich nicht vor unsren Augen der Sturm des Sozialismus und der Anarchie erhoben, der, so wüst und verworren, ohne einen greifbaren und ausführbaren Gedanken, er dahin braust, doch jedenfalls bedeutet, daß die Gesellschaft in eine neue Entwickelungsphase einlenkt? Fürwahr, da ist es von höchster Nothwendigkeit, daß inmitten dieser brandenden Wogen das Judenthum mit seiner unveränderlichen Gotteslehre, mit seinen festen ethischen und socialen Principien, welche die Entwickelung der Menschheit nicht verhindern und eindämmen, wohl aber der Strömung ihre einzuschlagende Richtung vorzeichnen, wie ein Fels dastehe, von welchem die aufgeregten Wellen abprallen? — So gewiß wie trotz allen Ableugnens das Judenthum die religiöse und sittliche Entwickelung durch die vergangenen Jahrhunderte hindurch gelenkt hat, und die Geschichte hierfür den unumstößlichen Beweis führt: so gewiß hat es auch fernerhin auf die Zukunft der Menschheit einzuwirken und muß deshalb in seinem Bestände inmitten der Nationen beharren, und müffen seine Bekenner, wie es auch trotz Allem in ihnen lebt, ihm treu anhangen, sowohl um desscnwillen, daß es allein ihrer Ueberzeugung zu genügen vermag, als auch um der Culturmission willen, die ihm einwohnt. Und geben hierfür nicht täglich seine bittersten Gegner das zutreffendste Zeugniß? Ihre Hauptklage geht dahin, daß das Judenthum die civilifirte Welt immer mehr durchdringe und erfülle, und daß die Juden ein Ansehen und einen Einfluß üben, die ihnen nicht zugestanden werden dürften. Wir wissen sehr wohl, wie übertrieben dies Alles ist. Aber die Bedeutung, die man dem Judenthume und den Juden überall beilegt, daß man von ihnen Tag für Tag spricht und schreibt, aller Orten ihnen eine Aufmerksamkeit schenkt, für welche sie an sich gar keinen genügenden Stoff bieten, daß man ihrem Thun und Lassen nachspürt, wie bei keiner anderen Volksklaffe, das spricht doch dafür, daß jene in der Gesammtheit der Menschenwelt eine wirksame Stellung einnehmen, und daß sic also Elemente in sich tragen, die für die Gesammtheit wichtig sind. — Wir kennen auch den Einwand, den man erhebt, und der in unsrem eigenen Schoße Anklang gefunden, daß durch das Eingehen und die Aufnahme in das allgemeine Culturleben den Juden die Verpflichtung aufcrlegt fei, in die Völker aufzugehen, ihre Jndividualit gänzlich aufzugeben, und so sich mit allen anderen Nationen zu verschmelzen. Es ist nur der Radikalismus, der seine Forderungen so hoch spannt, aber gerade an diesem Radikalismus den Juden gegenüber nehmen sehr Biele Antheil, die sonst durchaus nicht radikal find, z. B. Alle, welche für eine Nationalität fanatisch gestimmt find. Auch mögen alle Diejenigen Recht haben, welche glauben, daß so lange die Juden exiftiren, sie von Angriffen, ja auch von Verfolgungen nicht verschont fein werden. Aber mit demselben Rechte hätten schon die Alexandriner, die Syrer, die Römer, die Araber, und selbst die Tartaren und Mongolen eine solche Forderung stellen können, und was wäre dann aus dem Judenthum geworden, und wie hätten Christenthum und Islam aus ihm entstehen können? Es ist ja eben nur die Sache der höheren Entwickelung des wahren Begriffes der Freiheit, jedem Individuum die treue und gewissenhafte Wahrung aller wirklichen Interessen der Gesammtheit, der cs angehört, als unbedingte Pflicht aufznerlegen, dann aber seiner Individualität fteie Bahn zu lassen und namentlich auf dem Gebiete, auf welchem das Individuum sich allein angehört, auf dem der religiös sittlichen Ueberzeugung. Hier ist die Grenze zwischen