Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1883)
- Date
- 1883-03-20
- Page
- Seite 183 (sequence 3)
- Language
- German
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I V 183 Lande, das er sich mit den Waffen in der Hand als dauernden Auflösung und Zersetzung zu verhindern und dies nicht allein Wohnsitz zu erobern hatte. Von da ab war es genöthigt, in seiner durch die Uebung der Satzungen, sondern indem zugleich der ersten Periode von einem ganzen Jahrtausend sich in seiner Anstoß zu einer Geistesthätigkeit, zu einem besonderen und gesonderten Existenz gegen die feindseligen Nachbarn zu vertheidigen und zu erhalten und in sich die Gotteslehre zu entwickeln und zum vollen Siege in seinem eigenen Schoße zu führen. Jetzt, wo er mit den großen weltbeherrschenden Dynastien und Völkern in Berührung trat, stellte sich seine Ausgabe dahin, immerfort Colonien in das Ausland zu entsenden, diese fest zu gestalten, von ihnen aus sich den übrigen Nationen bekannt zu geben. Hatte er so schon in Babylonien einen großen Theil seiner Söhne zurückgelaffen, so begann die bald erzwungene, bald freiwillige Emigration schon vier Jahrhunderte vor dem zweiten Falle Jerusalems. Aber überall schufen sich die Emigrirten festgegliederte Gemeinden, schützten sich mehr oder weniger vor der Invasion fremder geistiger Elemente und Sitten und traten doch zugleich mit diesen in einen Wechselverkehr, wie die griechische Uebersetzung der h. Schrift und die jüdisch-griechische Lrteratur erweisen. Zuerst! vielleicht, um sich gegen Angriffe und Vorurtheile zu vertheij digen, liefen diese literarischen Versuche zuletzt doch auch auf j Propaganda für Lehre und Gesetz hinaus. So war in früher | Zeit das Vorbild gegeben für die große Diaspora, welcher! der ganze Stamm anheimfiel. Bevor er diese antrat, ging j aus seinem Schoße und durch seine eigenen Söhne hinaus-! getragen und verbreitet, das Christenthum hervor und trug wesentliche Grundzüge seiner Gotteslehre und seines Sittengesetzes in die abendländische Welt hinaus, während sechs Jahrhunderte später aus des Judenthums Wurzel für das Morgenland der Islam aufsproßte. Aber da beide Religionen, um unter zahllosen, sehr verschiedenartigen Völkern Boden und Herrschaft zu gewinnen, die dem Judenthum entnommenen Elemente mit den Anschauungen und Sitten dieser verquicken und verschmelzen mußten, und dadurch mit dem eigentlichen Inhalte des Judenthums mannigfach in Opposition traten^ mußte für das letztere seine Mission erst halb erfüllt sein und eine neue Periode derselben beginnen. Wir sehen hier die beiden Richtungen, welche der jüdische Stamm bisher hauptsächlich zu verfolgen hatte, abermals sich bethätigen. Es ist nicht zufällig, sondern ging aus den innersten Instinkten . des Volkes hervor, daß mit dem Beginn jener Emigrationen! auch eine neue Entwickelung, gewöhnlich die traditionelle gei nannt, auhob und mit der anwachsenden Diaspora immer kräftiger aufblühte, und ihre intensiveste Ausgestaltung im Auslande selbst (Babylonien) erreichte. Es galt, den überkommenen Lehrschatz des Judenthums durch Ausarbeitung und Festigung der Lebensnormen, das Gesetz durch die Umzäunung von Satzungen zu sichern, und hiermit zugleich die Fortexistenz des Stammes inmitten unzähliger, auf den verschiedensten Culturstufen stehender Völker zu ermöglichen, die energischen Geistesleben dargeboten wurde, welches die Lebenskraft des Stammes auch in Zeiten allgemeiner Verfinsterung und unter den ungünstigsten Bedingungen zu erhalten vermochte. Dies war der bewußte und unbewußte Zweck des traditionellen oder besser des talmudischen über sieben Jahrhunderte sich ausdehnenden Werkes. So war das Judenthum geeignet, so waren seine Bekenner befähigt, in die allgemeine Menschenwelt hinouszutreten, und in der Opposition gegen die herrschenden Weltreligionen zu bestehen, die, aus ihm selbst entsprungen, sich gedrungen fühlten, es mit allen Mitteln zu bekämpfen. Diese Existenz des jüdischen Stammes beschränkte sich jetzt nicht mehr auf die engen Grenzen eines kleinen Binnenlandes und neben diesem auf etliche Colonien im Auslande, sondern in einer nie dagewesenen Zersplitterung, in überall hin ausgestreuten größeren und kleineren Gruppen, dehnte sie sich von den Ufern des atlantischen Oceans bis zu den Küsten der indischen und chinesischen Meere aus. Ueberall aber traf ihn dasselbe Loos, dieselbe Aufgabe, mit Anschauungen, Bräuchen und Cultus von den herrschenden Nationen weit abzuweichen, im Kerne seiner Lehre über dieselben in eine weite Zukunft hinauszureichen, von ihnen deshalb bekämpft und gedrängt zu werden, aber in diesem Kampfe zu beharren und nicht zu unterliegen. Ja, zugleich konnte er durch die Verbreitung seines eigenen ererbten Schriftthums, durch die Bibel, deren Uebertragung in die verschiedensten Sprachen eine stille Propaganda machen, welche die bedeutendsten Elemente seiner geistigen Cultur in der allgemeinen menschlichen Gesellschaft immer weiteren und festeren Boden; gewinnen ließ. Denn es ist nicht zu vergessen, daß die Juden es waren, welche die Uebertragungen der h. Schrift in griechischer, aramäischer, arabischer rc. Sprache unternahmen und stets geneigt waren, die Gelehrten der anderen Nationen mit der Sprache des Urtextes bekannt zu machen, so daß z. B. auch die Vulgata von jüdischen Lehrern inspirirt ward. Dies war durch lange Jahrhunderte hindurch die Mission der Juden und sie haben sie treulich erfüllt. Ging doch, um nur die stille, aber sichere Wirksamkeit des jüdischen Stammes an einem Beispiel zu vergegenwärtigen, die Reformation vorzugsweise aus der Kenntniß und dem Studium der heil. Schrift in der Ursprache hervor. — So lehrt die Geschichte durch alle Thatsachen. wie der jüdische Stamm seinen Gedankenschatz geschaffen, entwickelt und davon | der allgemeinen Menschenwelt durch Christenthum und Islam j einerseits, durch sein Schriftthum und seine Wirksamkeit andererseits abgegeben hat; so daß tiefgehende Ideen von ihm! in einen großen Theil der Menschenwelt übergingen und hier I ein wesentliches Culturelement wurden, daß er aber auch 12*