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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-03-13 · Heft 11 (13.3.1883) · p. Seite 171

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 11 (13.3.1883)
Date
1883-03-13
Page
Seite 171 (sequence 7)
Language
German
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171 seiner Rede vor der Naturforscher - Versammlung in Leipzig' dem Darwinismus nur den Werth einer Hypothese zugej sprochen, und für die menschliche Forschung das Ignoramus > und Ignorabimus in Anspruch genommen hat. Jedermann wird aber einsehen, daß es durchaus nicht angemessen ist, den Darwinismus und dessen Gegensatz zur Kirchenlehre auf die; parlamentarische Rednerbühne zu bringen, wo es schließlich > doch nur gilt, einige Schlagwörter loszulafsen, aber an eine * tiefere und gründlichere Behandlung eines solchen Gegen-, standes nicht zu denken ist. Stöcker spitzte seine Anklage zu einem Angriff auf die Lehrfreiheit, namentlich auf Universitäten zu. Ihm antwortete Virchow in einer sehr langen Rede, in welcher er sich nicht beschränkte, Stöcker in die ihm zukommenden Grenzen zurückzuweisen, sondern sich auf das Verhältniß der Natnrwisienschast zur Kirchenlehre und Religion überhaupt und auf noch viele andere Dinge einließ. Allerdings meinte auch er, daß Dubois „in seiner Werthschätzung des Darwinismus zu weit geht", daß dieser nur eine subjective Ansicht kundgegeben, daß es ein Gebiet giebt, auf dem die Wissenschaft ihre Versuche machen kann und ein großes Gebiet, in dem die Wissenschaft nichts zu suchen hat — unter der Hand aber begiebt er sich selbst auf dieses Gebiet, spricht über die mosaischen Schöpfungstage, über das Hohelied, über die assyrischen Funde, über Bibelkritik, über das, was die christliche Theologie fallen lassen solle und dergleichen mehr. Windthorst hingegen sprach, wenn man den Standpunkt berücksichtigt, den er einnimmt, in sehr würdiger und concinner Weise. Er meinte: „Wo die mosaische Schöpfung geleugnet wird, da ist auch kein Christenthum mehr, da es dann nicht mehr fest steht, daß der Mensch das nach Gottesebenbild geschaffene geistige Wesen ist, nur für den Weg des Lebens mit irdischer Hülle bekleidet." Selbstverständlich will er, daß nicht die Kirche vor der Wissenschaft, sondern diese vor der Kirche sich beuge.-Was wir hierbei, ohne in das Detail dieser immer doch nur verworrenen Discusfion einzugehen, zu bemerken haben, ist einerseits, daß hier doch nur die extremen Gegensätze zum Ausdruck kamen, die sich nun einmal in den letzten Jahrzehnten herausgebildet haben, und die nach beiden Seiten hin zu überwinden, jetzt bereits eine große Anzahl besonnener Geister arbeiten, ohne schon zu einem bestimmten Ziele gekommen zu sein. Dies ist auch sehr erklärlich, denn in einer Zeit völliger Freiheit in Wort und Schrift und einer starken Geistesbewegung ist es viel leichter, einen exttemen Gegensatz aufzustellen und die entgegengesetzte Meinung zu verdonnern, als in ruhiger, besonnener, die Geschichte und Entwicklung verfolgender Weise sich auf dem Wege gründlicher Forschung zu erhalten und den sich drängenden Hypothesen nur den Werth solcher beizulegeu. Daß in dieser Discusfion eben nur die beiden Gegensätze zum Ausdruck kamen, wird au« der zweiten Bemerkung ersichtlich, die wir zu machen haben. Beide, Stöcker und Windthorst auf der einen und Virchow auf der anderen Seite, halten sich nur hinsichtlich der Schrift an den Buchst oben glauben. Von dem strenggläubigen Protestanten und Katholiken ist dies selbstverständlich. Die Gegner aber machen sich den Angriff stets dadurch leicht, daß sie sich ganz ebenso wie jene an den Buchstaben halten, weil ihnen diesen zu bekämpfen nicht schwer wird, während sie den Lehr- und Gedankeninhalt bei Seite lassen, mit dem sie fertig zu werden nicht hoffen können. So erklärt Virchow die sieben Schöpfungstage für absurd und thut, als ob er mit der mosaischen Schöpfungsgeschichte nun fertig sei. Die Talmudisten haben für die Schriftauslegung ganz andere Grundsätze. Sie sagen nicht blos: „Die Lehre wurde nicht den Engeln gegeben", sondern den Menschen (Berach. 25,2.), sondern noch mehr: „Die h. Schrift bedient sich der Sprachweise der Menschen" «Berach 31, 2.). So bedient sich, wie Maimonides (Mor. Neb. 1,26.) auseinandersetzt, die h. Schrift der Anthropomorphismen und Authropopathismen von Gott, weil die Menge der Menschen abstracte Begriffe nicht zu fassen vermögen, und diese auch nur sehr mangelhaft mit Worten ausgedrückt tverden können. Die mosaische Schöpfungsgeschichte enthält als Lehre und Gedanken, daß das Universum von Gott nach seiner Allweisheit und Allgüte iu j zweckmäßiger Ordnung und Gesetzmäßigkeit geschaffen sei und jber Mensch eine gottebenbildliche Seele erhalten habe. Dies ist die einfache Lehre, die ewige Wahrheit, die das Juden- >thum durch alle seine Phasen hindurch gelehrt hat. und der; man entweder zustimmen, oder sie ableugnen muß. Daß diese Lehre in den sieben Schöpfungstagen nur ein äußerliches Gewand hat, um mit „ der Sprache der Menschen" zu reden, ist der Lehre nicht widersprechend. Wenn Virchow an die Diener der Kirche die Mahnung richtet, die „Außenwerke fallen zu lassen", so müssen wir ihn ermahnen, dasi selbe zu thun, und nicht zu glauben, die großen Lehren der Religion niedergeworfen zu haben, wenn er meint, in einem ' Außenwerk eine Bresche gelegt zu haben. Er mag sich daher zuruckhalten, mit „Absurditäten" um sich zu werfen. Wir i halten es sogar für einen schwereren Fehlgriff, anerkannte er- ' habene Lehren, als einzelne Menschen zu denunziren. Wenn; er auf Ähnlichkeiten in den assyrischen Inschriften mit der ' mosaischen Schöpfungsgeschichte hinweist und daraus die Bi belkritik rechtferttgt, so begiebt er sich auf ein Gebiet, von welchem er gerade so viel versieht, wie Stöcker von den Naturwissenschaften, und er kann nur oberflächlich Gehörtes nachsprechen. Ueber die Richtigkeit dessen, was die Assyriologen aus den Keilinschriften übersetzen, ist der Streit noch! lange nicht entschieden, und ob die mosaische Schöpfungsge-; schichte nicht ein viel höheres Alter als jene assyrischen In I schriften hat, ist nur deu biblischen Hyper-Kritikern ftaglich.

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