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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-03-13 · Heft 11 (13.3.1883) · p. Seite 170

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 11 (13.3.1883)
Date
1883-03-13
Page
Seite 170 (sequence 6)
Language
German
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170 versellen Gotte auch die von einem Stammesgotte enthalten sei, der Israel als sein auserwähltes Volk vor allen anderen Nationen begünstige. Daher holt er die Waffen zu dem provocirten Kampfe aus modernen jüdisch - religiösen Schriften, die von orthodoxer wie von reformatorischer Seite veröffentlicht worden. Er schöpft seine widerlegenden Beweise aus jüdischen Religionsbüchern und Katechismen für Schulen, aus gedruckten Predigten und anderen derartigen Werken. Wahrscheinlich geht er hierbei von dem Gesichtspunkte aus, daß jede Religion entwickelungsfähig und jedes Zeitalter berechtigt ist, sein Schcrflein zu dieser Entwickelung beizutragen. In seinen Augen müssen die prophetischen Bücher, der Talmud und die späteren rabbinischen Schriften nur Entwickelungsphasen des jüoischen Glaubens bezeichnen und die neuere Zeit eine der alten gleiche Berechtigung haben, den Ban der Religion nach Bedürfniß weiter zu führen und nach dem ihr innewohnenden Geiste die Bibel zu interpretiren. Sein Hauptaugenmerk richtet Herr M. auf den Borwurf, daß das Judenthum nicht bestrebt sei, sich auch unter die anderen Völker zu verbreiten. Seine diesbezügliche Widerlegung gipfelt in dem Satze, das Judenthum wolle nicht durch Ueberredung, sondern durch die ihm innewohnende Kraft der Wahrheit siegen; es öffne seine Pforten allen Menschen ohne Unterschied der Geburt, nehme gern Proselyten auf, mache aber keine Proselyten. Es sei durchaus keine Racenreligion, sondern eine allgemeine und verdiene nach seinem in der Einleitung festgestellten Begriffe von Stammesreligion diese Bezeichnung selbst dann nicht, wenn, wie die Orthodoxie behauptet, das jüdisch-religiöse, rationale Ceremonial ewig bindend für Israel wäre. Der Verfaffer spricht dann noch über die Zukunft des Judenthums und präcifirt nach dieser Seite hin die Hoffnungen der Orthodoxen und die der Reformer. Die letzteren ermahnt er hierbei, ihre Reformbestrebungen nicht zu überstürzen, nicht mit den Traditionen und dem Leben der Vergangenheit zu brechen. Die Religion müsse in ihrer äußeren Erscheinung eine specifisch jüdische bleiben, aber ohne daß irgend ein Reformprincip geopfert werde; denn in ihr soll das Gepräge einer mehr als zweitausendjährigen geschichtlichen Entwickelung mit dem des neunzehnten Jahrhunderts sich verbinden. Es sei. schließt Herr M., sehr zweifelhaft, ob die Reformer, welche seine Ansichten theilen, im Stande sein werden, sie weiter zu verbreiten. Der Jndifferentismus habe auf re. formatorischer Seite zu großen Raum gewonnen; allerdings dürfe man nicht gleich den Orthodoxen diese religiöse Gleichgültigkeit als Folge der reformatorischen Doctrinen betrachten, obgleich sie mehr in den Reihen der Reformer als in den der Orthodoxen gefunden werde. Wie unter solchen Verhältnissen die Zukunft des Judenthums sich gestalten werde, könne man nicht voraussehen. Diejenigen Juden, welche es für unmöglich halten, daß das orthodoxe Judenthum irgend eine wichtige Rolle in der religiösen Entwickelung der Welt zu spielen vermöge, dürften nur mit Mißmuth an jene Zukunft denken. Wenn sie jedoch glauben, daß das Judenthum in Wirklichkeit eine heilige Mission zu erfüllen habe, werden sie unverzagt weiter arbeiten, wenn sie auch nicht von der Hoffnung beseelt sein können, sich selbst dereinst an dem Anblicke der Früchte ihrer Arbeit zu laben. In der ganzen Abhandlung documcntirt der Verfasser eine reiche Belesenheit in der modernen jüdisch-religiösen Literatur und ein reifliches Nachdenken über das Judcnthum, in den Schlußworten aber ein warm fühlendes Herz für den Glauben seiner Väter. Möge seine Mahnung nicht verhallen, der Jndifferentismus aus Israel schwinden und dem Judenthume bald die Stellung gegönnt sein, welche ihm unsere alten Propheten geweissazt haben. Landsberger. Eine Viscusfion im preußischen Ädgeordnetenhause. „Mit dem Amte kommt der Verstand", sagt ein altes satirisches Sprichwort. In unsrer Zeit kommt einem Jeden, der durch die Mehrheit irgends eines Bezirkes zum Volksvertreter gewählt worden, mit dieser Wahl zugleich die Einsicht und das Urtheil über alle möglichen und unmöglichen Dinge, und es existirt unter und über dem Monde nichts, was nicht dem Raisonnement eines Volksvertreters und der Tiscussion in einem parlamentarischen Hause unterworfen wird. Giebt es nun in einem solchen, und es giebt deren immer Männer, welche, wie Birchow von Stöcker sagt, das Bedürfniß fühlen, auf das parlamentarische Roß zu steigen und ein großes Tournier einzuleiten, so ist nichts so sicher und verborgen, daß es nicht auf die Rednerbühne hinaufgezerrt wird, Nun tönt aber die Stimme des parlamentarischen Redners vermittelst der Stenographie und der Presse sehr weit, über das ganze Land hin, ja über dessen Grenzen hinaus; viele Hunderttausende lesen das gesprochene Wort; und so wird es oft zur Pflicht, solchen Verhandlungen eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Dies ist der Fall mit der Verhandlung vom 26. Februar im preußischen Abgeordneten-Hause. Wir haben da ein Redetournier, an welchem Stöcker, Birchow, Windthorst und der Cultusminister von Goßler sich betheiligten. Vom letzteren, der sehr einsichtsvoll und klar gesprochen, können wir hier absehen. Stöcker brachte noch einmal die Zustimmung des Prof. Dubois - Reymond zum Darwinismus in dem vor der Akademie der Wissenschaften gesprochenen Nekrologe zur Sprache. In der That waren die Ausdrücke des gedachten Naturforschers sehr stark, da er die Lehre Darwins dem Copernikanischen Welssystem an die Seite stellte, er, der noch vor nicht langer Zeit in

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