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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-03-06 · Heft 10 (6.3.1883) · p. Seite 161

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 10 (6.3.1883)
Date
1883-03-06
Page
Seite 161 (sequence 13)
Language
German
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er sich hohes Ansehen erworben, so daß seine Urtheile der! Beachtung wohl Werth sind. Gregorovius nahm seinen Weg| nicht durch die beschwerliche sinaitische Halbinsel, durch die Wüste, und das Land Edom's in dem Süden Judas, sondern benutzte die Eisenbahn und die Dampfer durch den Suez- Canal und über das Meer nach Jaffa. Da noch dazu das Meer, selbst um die Felsenriffe von Jaffa, spiegelglatt war, so ging seine Reise bequem und behaglich vor sich. Bon Jaffa nach Jerusalem benutzte er einen Wagen mit schnellen j Rossen bespannt, und wenn die Straße auch nicht überall in! gutem Zustande sich befindet, so ist sie doch immerhin fahrbar! und der Weg bis Jerusalem auf diese Weise in einem Tage zurückzulegen. Man sieht, eine Wallfahrt nach Jerusalem ist gegenwärtig ohne alle Beschwerde und selbst mit keinen außergewöhnlichen Kosten verbunden. Wir lassen nun einige Notizen, die uns hier interessiren, folgen. Der Verfasser fährt auf der Eisenbahn von Kairo nach dem Suez-Canal. „Am Süßwaffercanal fahre ich weiter durch die Landschaft Gosen biblischen Angedenkens. Hier ist Israel zum Volk geworden; in den Jahrhunderten seines Aufenthaltes in der ägyptischen Knechtschaft ist das Haus Jakob's zu einer halben Million streitbarer Menschen hcrangewachsen. Gosen muß damals ein nahrhaftes Land gewesen sein; der große Sesostris oder Ramses II. hatte durch daffelbe einen Süßwaffercanal vom Nil nach den Bitterseen gezogen, und die Hebräer leisteten! ihm dabei Frohndienste, wie beim Bau seiner Städte Pithom! und Ramses. Erst ihr wunderbarer Auszug von dort unter! Moses hat sie in die Weltgeschichte eingeführt; seither haben j sie Palästina und durch ihre Religion die Welt erobert. Der Name und die Werke ihres Bedrückers, jenes großen Pharao,! sind verschollen; aber David und Salomo nennt noch mit Ehrfurcht selbst der arabische Beduine, welcher durch diese! Wüsten zwischen dem Nil und dem Rothen Meere wandert, j Nur noch als ein schmaler grüner Streif begleitet das Culturland den gegenwärtigen Süßwaffercanal: den Nachfolger jenes des Ramses. Der Pflanzenwuchs kämpft mit dem Sande der gierigen Wüste, welcher die Aecker scharf begrenzt. Die Charaktervögel des Delta, die zierlichen Wiedehopfe und die kleinen weißen Reiher (Ibisse der Touristen nennt sie Schweinfurth), verschwinden. Wir halten in Ramses. Eine kleine Eisenbahnstation trägt jetzt, an Stelle der alten Pharaonenstadt, den Namen des größesten aller Herrscher Aegyptens. Alles hat die Wüste verschlungen, die Pharaonen, ihren Ruhm, ihre göttergleichc Herrlichkeit. Bor wenig Tagen sah ich Ramses II., von deffen Kriegsthaten noch heute Felsensculpturen bei Beirut Kunde geben, kläglich hingestürzt im Schutt des alten Memphis; dort liegt fein verstümmelter Granitkoloß in der Waldeinsamkeit, und die stolze Inschrift sagt: „Ramses Mianiun, König Sonne". Ringsum ist Wildniß mit feierlich stillen Palmenhainen." Gregorovius besteigt in Port Said den russischen Dampfer Rostoff, der ihn nach Jaffa führen soll. Es sind Paffagiere aller Nationen und Stände auf dem Schiffe. Er erzählt: „Ich mache die Bekanntschaft eines deutschen Juden, eines jungen geistreichen Mannes, in deffen Person mir die brennende Semitenfrage hier vor den Thoren Jerusalems entgegentritt. Er will von Jaffa nach Askalon und Gaza reisen, um ein Stück Land zu suchen, wo seine unglücklichen, aus Rußland vertriebenen Glaubensgenoffen eine Colonie gründen könnten. Tie Vorstellung tritt uns nahe, die semitische Frage beim Zerfall des türkischen Reiches aus Europa zu schaffen und in Palästina abzulagern, wo man das jüdische Königreich etwa unter einer Dynastie Rothschild wieder aufrichten könnte. Leider ist dieser schöne Plan unausführbar, selbst wenn man den Juden gestattete, neben der Omarmoschee auf Moriah den Tempel neu aufzubauen; denn Jerusalem kann nie mehr die ausschließliche Hauptstadt der Juden sein; sie ist zum allgemeinen Heiligthum für die drei großen Religionen gel worden, die im Semitenthum wurzeln, und dem Moslem! gerade so ehrwürdig wie dem Christen. Die hebräische Sprache ist als lebendige Nationalsprache untergegangen; die Juden i in der Diaspora sprechen die fremden Landessprachen, in Aegypten und Syrien arabisch. Würden sich die Hebräer selbst aus Europa verbannen, den Geldmarkt dort und alle andere in der Oekonomie des Staates und dem Culturleben von ihnen eroberte Macht aufgeben wollen, um sich den messianischen Propheten zu Liebe in der Wüste Kanaans wie in ihrem großen geschichtlichen Ghetto einsperrcn zu lasten. Die Völker und Pharaonen Europas erdrücken Israel nicht mehr, wenn sich auch heute wieder der alte Judenhaß im Pöbel regt. Und hat nicht eben erst einer von den Sephardim das Weltreich England regiert, wie vor ihm Joseph das Aegypterland?" — Es zeigt sich auch hier, wie oft selbst durch die hellsten Köpfe sonderbare Gedanken gehen! Von Jaffa aus besucht der Reisende die vier Colonien | bcr Württembergs „Heiligen", die auf den Trümmern einer! amerikanischen Colonie errichtet worden. Bei allem Fleiße i und aller Mäßigkeit dieser halbkommunistischcn Ansiedelungen kann er ihnen eine lange Dauer nicht zuschreiben, besonders auch wegen der Sterblichkeit der Kinder und dem immer geringer werdenden Zuzug aus Deutschland. Bei der Weiterfahrt zeigt man ihm auch eine Reihe von Hausern auf einem Hügel als die von der Alliance israelite gegründete Ackerbau schule. Daß Juden sich bereits in die Industrie des h. Landes einführen, erfährt er daraus, daß die Juden und Armenier den Eingeborenen als Fuhrleute Konkurrenz machen und dadurch dem Reisenden manche Bortheile verschaffen. So steht am Eingang des Wadi-Ali, zur. letzten Rast vor

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