Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1883)
- Date
- 1883-03-06
- Page
- Seite 156 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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I5fr nach Jedem die Hand ausstrecken, der ihnen einige Hülfe bieten zu können scheint, riefen ihm Beifall zu, und Herr v. Rauchhaupt versuchte es sogar, für den von allen Seiten hart bedrängten Professor einzutreten, wobei er zu verstehen gab, daß die Conservativen so große Opfer zu bringen vermöchten, daß sie selbst die antisemitische Bewegung auf sich nehmen. Ihm antwortete Prof. vr. Hänel: „Herr v. Rauchhaupt hat nun das christliche Bewußtsein seiner Partei damit zu beweisen gesucht, daß sie das ganze Odium der antisemitischen Bewegung auf sich genommen habe, einer Bewegung, die meiner Ueberzeugung nach so unchristlich ist wie nur irgend etwas. (Sehr gut! links.) Die hohe katholische Geistlichkeit hat dieser Bewegung gegenüber eine musterhafte und bewundernswerthe Haltung eingenommen in beschämendem Gegensatz zu unfern kleinen protestantischen Pfaffen." (Sehr gut! links.) — Nach ihm ergriff Stöcker das Wort. Dieser Mann hat es soweit gebracht, daß er im Abgeordnetenhause zu jenen Figuren gehört, welche Gelächter erregen, sobald sie zu sprechen beginnen. Er ist dahin gekommen, weil er, außer einigen wenigen hochklingenden Redensarten, nichts, aber auch garnichts hat und sich deshalb mit einer Fluth banaler Sachen helfen muß. Solche Geister sind nicht im Stande, in parlamentarischen Kreisen sich Geltung zu verschaffen. Das vermögen sie nur inmitten eines gewiffen Janhagels. Er sagte: „Wenn wir die sociale Frage lösen wollen, wird sich auch eine Erörterung über eine Ausgleichung des Capitalbesitzes nicht vermeiden laffen, vor Allem aber die Ansammlung des Reichthums seitens der Semiten, von denen dies Geschäft betrieben wird, oft nicht mit den besten Mitteln (sehr richtig! rechts), und die auch die Presse in ihre Gewalt gebracht haben. Wenn Sie nicht dagegen austreten, muß ich sagen, daß Ihre Thaten mit Ihren Reden in unlösbarem Widerspruch stehen. (Beifall rechts; Ruf: Sehr schön, links; große Heiterkeit.) Herr Hänel irrt, wenn er meint, daß die katholische Geistlichkeit nicht gegen die Juden ausgetreten. Ich erinnere daran, daß das Ghetto in Rom schon lange bestanden hat, noch ehe die Juden bei uns im Thiergarten wohnten." (Großes Gelächter.) — Nichts ist lächerlicher, als wenn Stöcker beginnt: „Wenn wir die sociale Frage lösen wollen," und beweist diese Phrase, daß Stöcker nichts von dem versteht, wovon er spricht: eine sociale Frage gab es von dem Augenblicke an, wo Kain und Abel in Concurrenz traten. Alle Zeiten haben in ihrer Weise versucht, die Nebelstände und Härten, die sich im gesellschaftlichen Leben ergeben, zu lindern und abzuschleifen; aber eine Lösung der socialen Frage kann keine Zeit für sich bewerkstelligen, sondern vermag nur die Folge einer unaufhörlichen und allseitigen Entwickelung zu sein. Was er vom Ghetto zu Rom sagt, ist wieder ein Eskamotirstückchen. Es war von der gegenwärtigen antisemitischen Bewegung die Rede, und damit hat das Ghetto in Rom nichts zu schaffen. Zur Beseitigung des Ghetto hat schon Pius IX. in seiner vormärzlichen Regierungszeit wesentliche Schritte gethan. Aufgehoben wurde es 1870 und zu dieser Zeit gab es auch in Deutschland keine antisemitische Wühlerei. Uebrigens waren es nicht die protestantischen Geistlichen, welche die Ghetti in Deutschland aufhoben; sie widersetzten sich vielmehr dem, weil sie die Verminderung ihrer Stolgebühren befürchteten, wenn Juden Häuser erwerben, die früher Christen gehörten. — Da nun einmal ein, wenn auch nur schwacher, antisemitischer Luftzug im Hause angeregt war, ist es nicht zu verwundern, daß in der gleich darauf stattgefundenen culturkämpferischen Debatte Freiherr v. Schorlemer-Alst auch ein wenig davon profitirte, indem er seine schon öfters wiederholte Behauptung noch einmal wiederholte, daß die antisemitische Judenverfolgung in Deutschland ein Kinderspiel sei gegen die Katholikenverfolgung in Preußen. Er sagte weiter: „Mit dem Argument, daß die Verfassung geändert sei, sollte man doch recht vorsichtig sein. Es ist augenblicklich im Reichstage der Antrag gestellt, daß jüdische Richter einem Christen einen Eid nicht abnehmen sollten. Sie (nach links) werden natürlich mit verfassungsmäßiger Entrüstung gegen einen solchen Antrag sich auflehnen — ich würde auch dagegen stimmen —; aber den Herrn, die Betreffs der antisemitischen Bewegung so außerordentlich empfindlich find, daß sie, wenn sie nur Herrn Stöcker sehen, schon das Wort auf der Zunge haben: Herr Gott, ich danke dir!" (Heiterkeit.) — Berlin, 25. Februar. (Privatmitth.) Heute muß ich abermals auf das edle Brüderpaar Stöcker und Hapke zurückkommen. Eine Berühmtheit (?), wie sie Stöcker sich gewonnen hat, kann nur bestehen, wenn sie von Tag zu Tage durch irgend etwas, jedenfalls etwas Barockes, sich in die Erinnerung der Leute zurückrust. Sonst würde sie wie ein leichter Morgennebel verschwinden, da sie aus keiner irgend reellen Thatsache beruht. Zunächst versucht dies Stöcker dadurch, daß er immer und immer wieder auf die Juden kommt und sie überall hineinzieht, es paffe oder passe nicht. Auf diese Weise bemüht er sich, seine völlige Gedankenarmulhund seinen Mangel an allem positiven Wissen zu verdecken. In der Sitzung des deutschen Reichstages vom li‘>. ds., wo über den Antrag, die Beschäftigung der Postbeamten am Sonntag zu vermindern, Berathung gehalten wurde, hielt Stöcker selbstverständlich einen Speech. Unter Anderem sagt er: „Es giebt viele jüdische Firmen, welche sich verbitten, daß ihnen Briefe am Sonnabend ins Haus gebracht werden. Diese Briese werden ihnen am Sonntag übermittelt, und damit wird christlichen Beamten eine Last ausgewälzt im Interesse des jüdischen Gewissens. Wollen Sie dem christlichen Gewiffen nicht dieselbe Erleichterung gewähren, die Sie dem jüdischen geben?" Wie viel an dieser Auslassung Wahres ist, kann ich nicht