Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1883)
- Date
- 1883-03-06
- Page
- Seite 155 (sequence 7)
- Language
- German
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155 aus nicht beleidigend klingt; hier wird derjenige, der sich ein übriges Glas Wein oder Bier selbst am Feiertag gestattet, als ein Saufbold gebrandmarkt und aus guter Gesellschaft ausgeschlossen; dort ist er als wackerer Sauskumpan ein gern gesehener Gast; hier wird der Aufschneider als „Schakren" verschrien und verachtet, dort findet man auch am entschiedensten Diebe nichts besonders Anstößiges, wenn er nur dabei sich nicht mit einer Kleinigkeit begnügt, und im Stande ist, sich sehen zu lassen, oder „ein Haus auszumachen." Ja man verliert in der russischen Gesellschaft förmlich jeden Maßstab zur Beurtheilung des sittlichen Werthes eines Menschen. Zwei bekannte Professoren haben ihre Frauen miteinander freundschaftlich getauscht und die Gesellschaft hat kein Wort der Entrüstung. Ein hochgeachteter Gelehrter und Bibliothekar tritt seine Frau seinem Freunde, einem rühmlichst bekannten Professor ab, und die öffentliche Meinung findet Nichts verletzendes dabei. Ein Redacteur zweier angesehner liberaler Journale und recht bedeutender Schriftsteller übergiebt seine Frau einem Freunde und beschäftigt sich selbst mit einer hübschen Studentin, die er zu sich ins Haus nahm und dabei mit dieser nebst Frau und Freund gemeinsame Wirthschaft in einem gemeinsamen Quartier führt, und man findet hier noch darin etwas Ideales zu loben! So sieht man hier das Ideal des Nihilisten Tschernisseneskr» in seinem Mode-Romane „Was ist zu machen?" wo der Adulter verherrlicht wird, auf Tritt und Schritt selbst in sog. „bester Gesellschaft" realisirt. Der russische Jude hat nicht umsonst Jahrhunderte am Talmudstudium seine Auffaffungskraft geschärft — er lernt — schnell, leider so manches auch nur zu schnell, auch in der russischen Gesellschaft erweist er sich als würdiger Jünger. Eine selbsterlebte Thatsache soll es illustriren. Vor einigen Jahren war ich bei einem jüdischen liberalen Literaten, der damals ein großes Blatt redigirte, auf einem Joursixe, auf welchem ich recht viele angesehene liberale Publicisten und Schriftsteller kennen lernte. Ich war eben aus einer deutschen Provinzial-Universität gekommen, mit dem Petersburger Leben noch wenig bekannt, und konnte in Folge dessen nicht begreifen, als mir eine echte Russin als die Frau eines mir bekannten jungen jüdischen Dichters vorgestellt wurde, von welchem ich genau wußte, daß er sich noch nicht hatte laufen lassen. Als ich auf meine diesbezügliche Frage die Antwort erhielt: „sie leben in Civilehe," was mich befremdete, weil in Rußland eine Civilehe noch gar nicht existirt, so wurde herzlich über meine kleinstädtische Naivität gelacht, und wurde ich, um mich zu beruhigen und zu belehren, auf eine dort anwesende mächtige Stütze des russischen Liberalismus, welcher ebenfalls mit einer solchen „civilehlichen" Frau in meiner Nähe saß, und auf einen anderen liberalen Publicisten, einen jungen talentvollen Juden mit seiner „Gemahlin" hingcwiesen. Das letztere Paar hat mich ganz besonders außer Fassung gebracht. Diese „Gemahlin" ist die kirchlich getraute Frau eines Demagogen, der nun in Sibirien schmachtet; diese treue Penelope, anstatt ihrem unglücklichen Ehegemahl zu folgen, wie viele andere Frauen es thaten, zog es vor, mit dem Freunde des Mannes in einer „Civilehe" sich abzufinden. Als dieser „civilehliche" Gemahl vor einigen Jahren starb, fanden jüdische Literaten es für angemessen, sich für seine „Wittwe", als die eines jüdischen Schriftstellers, bei einem jüdischen Crösus und Mäcenaten, um ein beträchtliches Subsidium zu verwenden, was auch mit schönem Erfolge gekrönt wurde, während, nebenbei bemerkt, alle Anstrengungen einen Grabstein demselben Schriftsteller zu setzen, bis heute fruchtlos blieben. — Sind solche Verhältnisse nicht charakteristisch genug für den zersetzenden und demoralisirenden Einfluß der russischen Gesellschaft auf die sich russificirenden Juden? Die sittliche Bersumpftheit konnte nicht ohne Einfluß auf die intellectuelle Entwicklung der russischen Gesellschaft überhaupt, wie auch auf deren jüdische Mitglieder speciell bleiben. Kaum existirt noch eine Regierung, welche soviel Rechte und Privilegien, Lehr- und Existenzmittel Gelehrten zuerkennt, als die russische, und wie schlimm ist es dennoch bei uns mit der Wissenschaft und Gelehrsamkeit bestellt. Was Wunder nun, wenn es mit der jüdischen Wissenschaft, mit der jüdischen Gelehrsamkeit, die unter den bei uns obwaltenden Umständen nicht Sache unserer Regierung sein können, noch weit schlimmer bestellt ist? Ich berühre somit eine Frage, die eingehend besprochen werden muß, was heute wohl zu spät ist. und was ich mir daher gern auf die nächste Zukunft Vorbehalte. /. Svi/li t vvcj >vxactjii cetera. TAT d Ideen auseinanderzusetzen, die sich von den socialdemokraeu sch an . tischen nur dadurch unterscheiden, daß er die sociale Revolu- Berlm, 23. Febr. l.Privatmitth.) In der gestrigen tion durch den Staat ausführen lassen will, während die Sitzung des Abgeordnetenhauses versuchte in der Debatte über Socialdemokraten ihre eigenen Fäuste dazu brauchen wollen, die Steuerreform Prof. Ad. Wagner seine sozialpolitischen! Tie Conservativen, die aus Mangel an eigenen Talenten