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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-03-06 · Heft 10 (6.3.1883) · p. Seite 153

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 10 (6.3.1883)
Date
1883-03-06
Page
Seite 153 (sequence 5)
Language
German
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153 Petersburger Briefe. 1 Unsere Gegenwart und Zukunft. II. , St. Petersburg, 15. Februar. In meinem vorigen Briefe habe ich die zersetzenden Wirkungen besprochen, welche die russische Schule auf die jüdische Jugend ausübt. Ich komme heute zu dem zweiten Momente, zu der Frage: Welche Einflüsse übt die russische - Gesellschaft auf die in sie eintretenden gebildeten Juden aus?^ Die Antwort auf diese wohl triftig motivirte Frage liegt in dem eckt russischen, wohl nicht zufällig ,ast unübersetzbaren Jdiotism 88.i6<lr^>t", d. h. annähernd „die Mitte — in welcher er lebt — frißt ihn auf". Ja, die Mitte, die Gesellschaft, in welcher die russischen gebildeten und sich bildenden Juden leben, frißt sie auf, beraubt sie jener pol- ■ nisch-jüdischen Mitgabe, ihrer väterlichen Erbschaft, beraubt sie aller specifisch jüdischen Anlagen und Tugenden, die russische Mitte verschlingt sie förmlich. Und warum hat die russische Mitte diesen „auffressenden" Einfluß? Darüber wird uns ein Einblick in die russische Geschichte, in das russische Leben Aufschluß geben, und, da es nicht zu meiner eigentlichen Aufgabe gehört, so werde ich mich möglichst kurz fasten. Einige Ursachen haben zusammengewirkt, das, wenn auch sinnliche und unmäßige, so doch recht begabte und für alles Gute in hohem Grade empfängliche russische Bolk in sittlich-cultureller Beziehung zu corrumpiren. Bom verderblichen Einflüsse der russischen Geistlichkeit, die Jahrhunderte! aus byzantinischen Griechen sich rekrutirte, eine Art Kaste bildete, mangelhaft vorbereitet, schlecht situirt und im Volke, das sie exploitirt, mit Recht wenig geachtet und noch weniger| beliebt, habe ich schon im vorigen Briefe gesprochen. Doch: mehr als die unwürdige Geistlichkeit mag wohl der griechische Katholicismus dem russischen Bolke geschadet haben. Bon dem im entarteten Hellenismus, gepaart mit asiatisch-despotischer Ausschweifung versumpften Byzanz ausgehend, bestand der griechische Katholicismus in einem hohlen Formalismus, in einem bunten asiatischen Prunk, ausstastirt mit dem blendenden Glanz hellenischer Plastik und idealisirter Sinnlichkeit, während die Bestandtheile des Judaismus in dieser christlichen Kirche ganz und gar in den Hintergrund traten. Ein solches Christenthum, getragen von einer ihrer hohen Aufgaben nicht gewachsenen Geistlichkeit, hatte zu wenig moralische Kraft, das russische Volk aus den Tiefen heidnischer Laster und Verderblichkeit emporzuheben und zu einer sittlichreligiösen Gemeinde umzubilden, wie sehr im russischen Bolke das Bedürfniß nach Religion, die Empfänglichkeit für Religiöfität auch lebte. Daß letzteres wirklich der Fall ist, und daß es in erster Linie die Schuld des griechischen Katholicismus und der russischen Geistlichkeit ist, wenn das russische Volk in sittlich-religiöser Beziehung hinter den germanischen und romanischen, ja selbst den übrigen slavischen Völkern römisch-katholischer Confessio» zurücksteht, beweist schon die Thatsache, daß Secten, die sich von der griechisch-katholischen Kirche und ihrer Geistlichkeit losristen, in das russische Volk ungemein leicht Eingang finden, wie sehr sie auch von Regierung und Geistlichkeit verfolgt werden; beweist die unleugbare, längst anerkannte Wahrheit, daß die verschiedenen russischen Sectirer, wie die „Altgläubigen", „Biblisten", „Stundisten", „Ohnepopisten" :c., die im Ganzen über zwölf Millionen Seelen ausmachen sollen, sich sehr günstig in ethischer und religiöser Beziehung vor ihren rechtgläubigen Stammesgenosten auszeichnen, ja die edelsten und sympathischsten Typen der Russen repräsentiren. Außer an Kirche und Geistlichkeit leidet die russische Geschichte an einem anderen nicht zu unterschätzenden Uebel: Mangel an einer indigenen, aus der Mitte des Volkes hcrvorgegangencn Aristokratie. Die Aristokratie mag ihre Mängel haben, mag oft ausarten, mag sich auch überleben; sie hat sich aber für die Erziehung vieler europäischer Cultur- Bölker als nützlich, ja nothwendig erwiesen; sie hat ihre spccielle pädagogische Mission, ihre unersetzliche Culturaufgabe. Hervorgegangen aus der Mitte des Volkes, meist aus dem Heeres- oder Ordenswesen, liegt der europäischen Aristokratie entweder eine nationalpolitische oder kirchlichpolitische oder auch rein religiöse Idee zu Grunde, welche nothwendig in der Ritterschaft das Verständniß fürs Ideale, für den Idealismus hat fördern müssen. Die privilegirte Stellung, welche sie cinnahm, verpflichtete und veranlaßte sie und ermöglichte es ihr auch, die höheren Güter des Lebens, das, was zu ihrer Zeit als hoch und heilig galt, sei es Staat oder Kirche, sei es Humanitäts-, Kunst- oder Wissenschafts- Pflege, sich angelegen sein zu lassen, und dies nicht bloß um niedrigen materiellen Erwerbs willen, sondern vielmehr des Ruhmes, des aristokratischen Prestige und nicht selten ihrer selbst wegen. So entwickelte sich die ritterliche Noblesse und das ideale Streben. Run hatte die Aristokratie ihre privilegirte Stellung der Pietät vor der Tradition, der Anerkennung der Autorität zu verdanken. Pietät vor der Tradition, Anerkennung der Autorität bilden, in gewissen Grenzen, die j feste Grundlage einer jeden gesunden Cultur, denn sie machen! uns die Errungenschaften des menschlichen Genius vieler; Jahrtausende zugänglich. Diese Traditions-Pietät und Auto-! ritäts - Anerkennung, die für die Aristokratie gewissermaßen? eine Lebensfrage sind, mußten nothwendig in ihr, in der > Aristokratie, tiefe Wurzel fassen. Zum Theil auch daher ist Aristokratie gewöhnlich conservativ. Die durch die Aristokratie entwickelten Tugenden wurden im Laufe der Zeit durch Nacheifer und Nachahmung Eigenthum der ganzen Nation, besonders und vielleicht nur dann.

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