Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1883)
- Date
- 1883-02-27
- Page
- Seite 144 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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144 leids. Von da zog er etwa vor acht Monaten, bereits ein! körperlich und geistig gebrochener Mann, nach Königsberg j in Preußen. Das war in Wahrheit und Wirklichkeit der Mann, welcher nach seinem Tode so hoch gerühmt wird;' eine durchaus ehrenwerthe Persönlichkeit, allein das Sprich-! wort: „-ndpn -p *,ax t’N'tr'" möchten wir auf ihn doch nicht anwenden. Die kaukasischen Juden. (Fortsetzung.) Nach Beendigung des Gesanges begleitet der Rabbiner mit seinen Schülern den Bräutigam nach Hause. Hier führen die Greise und Greisinnen vor dem Bräutigam einen Tanz auf — so will es die alte Sitte. Dann begeben sich der Rabbiner, der Vater des Bräutigams und wenn noch andere Söhne da sind auch diese, wie ferner die Gemeind kältesten mit einigen Deputirten zur Braut und nehmen hier eine Schätzung des Eigenthums der Braut vor, der Garderobe, Geschirre, Betten, Geld, kurz der ganzen Mitgift; das Resultat wird für den Fall einer etwaigen Ehescheidung in den Ehekontrakt eingetragen. Jetzt kehren sie wieder zum Bräutigam zurück und führen ihn zu allen denjenigen Personen, welche in diesem Jahre Verwandte durch den Tod verloren haben und noch trauern. Der Bräutigam muß von ihnen sich Verzeihung und die Einwilligung zu seiner Hochzeit erbitten. Freundlich und wohlwollend wird er empfangen, erhält die' Einwilligung und Geschenke noch obendrein; er küßt dem Hausvater die Hand und wandert mit seinen Begleitern weiter in das Haus der Braut. Hier ist alles zum festlichen Empfang bereit. Man weist dem Bräutigam einen besondern Platz an, um ihn herum sitzen seine Jugendgenossen und die Greise. Jetzt tritt die Mutter der Braut ein: sie hält in ihren Händen eine hohe Fellmütze (Papacha), einen silbernen Gürtel und ein rothseidenes Tuch und geht auf den Bräutigam zu. Er erhebt sich von seinem Sitze, kreuzt die Arme vor der Brust, beugt das Haupt, küßt der Mutter unterwürsig die Hände und will vor ihr auf die Knie fallen. .Die Mutter verhindert dies, setzt ihm die Fellmütze aufs Haupt, umgürtet ihn mit dem silbernen Gürtel und befestigt das rothseidcne Tuch am Gürtel, küßt ihn auf die Stirn und — tanzt etwas mit ihm herum. Jetzt erhebt die anwesende Jugenv ein Geschrei: goi scliabasch! goi schabasdi! Tie Mutter der Braut verschwindet und die zur Familie der Braut gehörigen alten Männer und Frauen tanzen vor dem Bräutigam — „nach der Weise ihrer Väter"; nach beendigtem Tanze küssen sie den Bräutigam und verabreichen ihm Geschenke. Unterdeß sitzt in einem besondern Gemach die Braut, umgeben von ihren „Sogduschen" (Brautführerinnen) und Jungfrauen, welche singen und musiciren. Auf dem Hofe ist der Baldachin schon bereit; er besteht aus vier langen Stäben, über welche ein seidenes Tuch gebreitet ist. Einige junge Leute halten die Stäbe, andere stehen herum, mit brennenden Naphthafackeln in den Händen, die Frauen dagegen sind mit brennenden Wachslichtern versehen. Unter diesen Baldachin stellt sich der Bräutigam, dann treten der Vater und der Rabbiner hinzu: alles wartet auf die Braut. Nun geht der Bruder zur Braut, ruft sie und sie erscheint geführt von ihren Sogduschen und tritt auch unter den Baldachin. So geschieht es, wenn die Kopulation auf dem Hofe der Braut erfolgt; findet sie aber in der Synagoge statt, so reitet die Braut dahin auf einem guten Roß, welches der Bruder am Zaume führt; die Sogduschen ebenfalls zu Pferde mit brennenden Lichtern in den Händen folgen ihr. Mit der Braut zugleich stellen sich auch ihr Vater und ihre etwaigen Brüder unter den Baldachin. Der Rabbiner vollzieht nun die Trauung genau so, wie bei den europäischen Juden, d. h. nach den religiösen Bestimmungen der Talmu-; disten. Nachdem der Rabbiner alle Gebete u. s. w. verlesen hat, schreien alle Anwesenden laut Hurrah! Die Sogduschen führen die Braut hervor, der Bruder setzt sie auf das bereitstehende Roß, die Jünglinge schießen ihre Gewehre ab, die Schwester der Braut (Enga) oder eine andere ihr nahe verwandte Jungfrau mit einem brennenden Lichte in der Hand besteigt gleichfalls ein Roß und folgt der Braut, deren Pferd der Bruder führt: die übrige Jugend folgt zu Fuß und geleitet die Braut bis zum Hause des Bräutigams. Unterdeß bleibt der Bräutigam noch unter dem Baldachin, während der Rabbiner mit seinen Schülern abermals ein Hochzeitslied absingt. Nach Beendigung des Gesanges geleitet der Rabbiner mit seinen Schülern den Bräutigam nach Hause. Die Braut wird auf ihrem Wege von der Stelle der Trauung bis zum Hause, das sie aufnehmen soll, von allen Frauen, welche aus ihren Häusern hervorkommen, mit Reis beworfen, das heißt, man wünscht der jungen Frau Fruchtbarkeit. Auch die Frauen, welche im Hause die Neuvermählte empfangen, bestreuen sie mit Reis. Beim Eintritt muß die Braut über ein auf die Schwelle der Thür gelegtes Stück Eisen hinüberschreiten: das geschieht, weil es Gesundheit und Glück bringt. Dann reicht man der Braut zwei Gläser, das eine mit Honig, das andere mit Oel gefüllt; sie taucht die rechte Hand in das Oel, die linke in den Honig und schmiert ein wenig davon auf den Thürpfosten; das geschieht zur Vorbedeutung eines angenehmen und sorgenlosen Lebens. Beim Eintritt in das Haus tanzt der Bruder der Braut mit ihr eine „Lesghinka"; die Jugend schießt und schreit Hurrah! Die Dienerschaft bringt Wein und alles trinkt auf das Wohl der Braut. Man führt die Braut in ein besonderes Zimmer; bei ihr bleibt die Enga mit den beiden Sogduschen. Aus jedem Hause werden drei ungesäuerte Brote (tschurek) nebst