Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1883)
- Date
- 1883-02-27
- Page
- Seite 143 (sequence 15)
- Language
- German
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De mortuis nil nise bene (Bon den Tobten nur Gutes) sagt der lateinische Spruch; das jüdische Gewissen will dieses nicht Wort haben und sagt: „dem Toben soll man die Wahrheit nachsagen''; das wird sogar zur Pflicht, wenn man sieht, wie anderwärtig und anderseitig irrthümlich oder tendenziös die Wahrheit entstellt wird. Wir hatten den Rabbi ein paar Jahrzehnte zu beobachten Gelegenheit und wissen ganz genau, was wir von ihm zu halten haben. Das hebräisch - talmudische Wissen des Mannes reichte durchaus nicht weiter als das Wissen irgend eines russischen Rabbinen mittleren Schlages. Den talmudischen Größen, wie sie Rußland noch in bedeutender Anzahl besitzt, konnte er durchaus nicht an die Seite gesetzt werden. Dieser Rabbi Israel hatte einen Bruder, Rabbi Michel, (soll in Wahnsinn verfallen und später gestorben sein), der in tatnordischer Gelehrsamkeit dem berühmten Rabbi Israel bei weitem übertraf. Wie ist nun aber der Mann in der That zu seiner Berühmtheit unter russischen und deutschen Rabbinen gelangt? Der Mann war mit großen Anlagen ausgestattet, gehörte in seiner Jugend zu den in ganz Rußland bekannten „Illnjim" und wäre vielleicht auch ein großer Mann geworden, wenn ihn nicht sein unstätes, zerfahrenes, verworrenes Wesen und Studium daran gehindert hätte. Er hat Vieles, ja Alles angefangen und nichts vollendet; bald war er hier bald bort; hatte weder bei den Büchern, noch an einem Otte die nöthige Ruhe und Ausdauer, auf deren Fundament der große Mann sich aufbaut; dabei war sein wissenschaftliches Digestionsvermögen ein sehr schwankendes und unsicheres, wie sein kranker Kopf, der — leider ein Erbübel in dieser Familie — zu zeitweiliger Geistesstörung neigte. In diesem Kopfe kräuselte und wirbelte eine ganze Flut von Wiffensmomenten und Elementen wild durcheinander, ohne logische Folge, ohne systematischen Aufbau, ohne methodischen Lehrgang; wie wildes Chaos, dem das Schöpserwort und die Schöpfermacht fehlte, um zu einem Kosmos sich herauszubilden. Was hat dieser Rabbi Jsr.'-el nicht betrieben, zunächst alles talmudische und rabbinische — esoterische und exoterische — Wissen; dann gab es aber auch keinen Zweig des profanen Wissens, den der Rabbi nicht einmal angefaßt und geschüttelt hätte, um zu sehen, ob ihm derselbe nicht irgend eine Frucht — reif oder unreif, genießbar oder ungenießbar — in den Schooß fallen lassen wolle. Lipkin betrieb Philosophie, Mathemattk, Naturwissenschaft, vergleichende Grammatik — heute dieses und morgen jenes und das Alles nur sprung- und bruchstückweise in seinem Rosche-Perakim, und ohne auch nur geläusig Deutsch lesen zu können. Wie der Mann zu einer gewissen Berühmtheit gelangen konnte, ist hiernach leicht erklärlich. Es gehört ja nicht viel dazu, um durch talmudisches Wissen den deutschen und durch profanes Wissen den russischen Rabbinern zu imponiren. Die Meinung, daß es Lipkin auf absichtliche Täuschung abgesehen habe, muß ausgeschlossen bleiben. Er hatte ein klares Bewußtsein seiner Unzulänglichkeit und war zu ehrlich und zu gewissenhaft, um daraus ein Hehl zu machen. Er hat darum auch niemals zu Rabbinatsfunktionen sich gedrängt, noch irgendwo eine Rabbinerstelle, die man ihm übertragen wollte, angenommen — zumal sein Wesen viel zu unruhig, zu unstät angelegt war, um lange an einer Stelle auszuharren, und gar die Geduld zu finden, „allein zu ertragen Mühe, Last und Hader" so einer russischen Rabbinerstelle. Rabbi Jsröel blieb selten lange an einem Orte: gezwungen oder ungezwungen wandte er demselben bald wieder den Rücken. Er war ein durchaus friedlich gestimmter Mann und dennoch folgten ihm, wohin er sich auch wandte, Hader und Entzweiung auf dem Fuße. Die Unentschiedenheit in seinem Wesen und in Beurtheilung aller Dinge und Zustände, die Unklarheit seines Kopfes und Unsicherheit in seinem Urtheil als rabbinische Autorität, mußte nothwendig dazu führen. Ein jeder unruhige, krakehlsüchtige Kopf in der Gemeinde konnte sich auf Rabbi Israel berufen, der irgend eine Meinung geäußert, irgend einen Ausspruch gethan habe, wie solcher seinem streitsüchtigen Vorhaben gemäß und genehm war. Die quälende und nörgelnde Gewissenhaftigkeit des Mannes — seine innere Natur war durchaus edel und gewissenhaft angelegt — konnte sich bei keinem Dinge und keinem Zustande zufrieden geben. Alles drehte er wohl hundert mal her und hin, hin und her, nichts entsprach ihm vollkommen der streng jüdischen Gesetzlichkeit; er verlor und verwirrte sich in einem Labyrinth von Erwägungen, ohne jemals unter den tausendfältigen Möglichkeiten, welche ihm sein scharfer und gewandter Kopf zum Bewußtsein brachte, das Wahre und Rechte finden zu können. So war er mit Nichts, auch nicht mit sich selbst zufrieden und erzeugte überall, wohin er kam. nur Unruhe und Unzufriedenheit. In St. Petersburg mußte man sich seiner, weil man Hader und Unruhe, die er gestiftet, nicht länger ertragen wollte, mit Gewalt zu erwehren suchen. Bon einem Ausweisungsdekret bedroht, verließ er den Ort. In Kowno mußte der hochedle und hochherzige Oberrabbiner, R. Jzchok Elchonon Spektcr, einer der wirklichen Größen talmudischer und rabbinischer Gelehrsamkeit, öffentlich gegen den Verstorbenen austreten und all sein Ansehen als Moreh - Deasrab, sungirender Ortsrabbiner, in die Wagschale werfen, um der Zwietracht, welche der Verstorbene gestiftet, zu steuern. Zu letzt war derselbe in Paris, durch einen gewissen Sternheim dorthin berufen, um dem religiösen Jndifferentismus der russischen Juden entgegen zu arbeiten. Dort war der Mann in feiner Bedeutungslosigkeit nur ein Gegenstand des Mit-