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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-02-27 · Heft 9 (27.2.1883) · p. Seite 139

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 9 (27.2.1883)
Date
1883-02-27
Page
Seite 139 (sequence 11)
Language
German
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139 hat allerdings eine fieberhafte Thätigkeit entfaltet, aber nur in einer Richtung: das Schuldig sprechen zu können. Die Exhumirung war der erste Akt, bei welchem auch die Bertheidigung zur Geltung kam. Ich weiß aber auch, daß man in Nyiregyhaza die Angelegenheit ohne alle Nothwendigkeit verzögert. Der Gerichtshof ist eben in eine Sackgaffe gerathen und sucht nun einen Ausweg um jeden Preis. Ew. Excellenz! Ich war monatelang dem Untersuchungsrichter auf den Fersen und kann in der That sagen — und ich wage es an dieser hohen Stelle zu sagen, da ich es auch beweisen kann —, daß der Untersuchungsrichter nicht die Wahrheit, sondern das rituelle Verbrechen gesucht und auf der Suche nach demselben mit seiner Macht Mißbrauch getrieben hat, gewaltthätig vorgegangen ist und zahllose Gesetzes-Verletzungen begangen hat. Nicht als Ankläger sage ich dies Ew. Excellenz, sondern ich konstatire eine Thatsache, deren Nachweis ich stets bereit bin zu liefern. Ich behaupte nicht, daß der Untersuchungsrichter aus bösem Willen all dies verübt habe; wohl aber that er dies aus Befangenheit und aus Verblendung. Elende Aufreizer machten ihn glauben, daß hier unbedingt ein ritueller Mord vorliege und er beschloß, daß er denselben um jeden Preis, auf jede Weise, mit welchen Mitteln immer eruiren werde." Der Minister: „Was das anbelangt, so sind die nöthigen Verfügungen getroffen, und seien Sie überzeugt, daß der Untersuchungsrichter seiner verdienten Strafe nicht entgehen wird, falls die erwähnten Dinge ihm nachgewiesen werden." Vom Justizminister begaben sich die Frauen zum Minister-Präsidenten Koloman Tißa. Auch er versicherte: „Niemand wünscht mehr, daß die Sache schon ein Ende habe als ich, und ich werde alles thun, insofern ich nämlich auf die Angelegenheit Einfluß haben kann, daß dieselbe je eher beendigt werde." Er forderte die Judenfrauen auf, sich in Geduld zu faffen — sie können allem Anschein nach noch lange warten. — Die Spaltung in der „Unabhängigkeitspartei" hat sich wieder zugezogen. Man kam überein, das Parteiprogramm von 1681, in welchem die Gleichberechtigung als eine Forderung der Partei aufgestellt worden, aufrecht zu erhalten. Die offizielle Ausschließung der Antisemiten Szalay, Simonyi, Onody und Georg Szell ist nicht erfolgt, dagegen ladet sie der Clubpräsident nicht mehr zu den Sitzungen ein in Anbetracht, daß ihr Austritt selbstverständlich sei. Für eine Partei, die sich auf die „Consequenz" so viel zu Gute thut, ist dieser Ausweg nicht sehr rühmlich. Belgien. Brüssel, 15. Februar. Gestern Morgen um 11 Uhr wurde im jüdischen Tempel, nie <1o la ltegence, ein Trauergottcsdienst für H. Jonathan-Raphael Bischoffsheim abgehallen. Der Tempel war überfüllt, von oben bis unten mit schwarzem Tuche behängt, das mit Silberthrünen besät war, die Menge verhielt sich in tiefem Schweigen und stiller Andacht, so daß das Gebäude einen wirklich großartigen Anblick bot. Der Großrabbiner H. Dreyfus, sprach mit bewegter Stimme die Lobrede ans den Verstorbenen. Er charakterisirte den großen Mann in seiner Güte, seiner Toleranz, seinem Liberalismus, den jetzt das belgische Judenthum und ganz Belgien verloren hat. Er erinnerte mit gerechtem jüdischen Stolze daran, wie Bischoffsheim, der bei all seinen Wohlthaten so diskret war und sie mit dem tiefsten Geheimniffe umgeben wollte, diese nur dann in die Oeffentlichkeit treten ließ, wenn es sich um verfolgte Juden handelte, wenn es galt, seine Glaubensgenoffen gegen die Gewaltthaten despotischer Mächte, gegen die Grausamkeiten fanatisirter Massen zu schützen. Er gestand seine Freigebigkeit nur ein, wenn sie ein Akt des Muthes und ein Protest gegen die Ungerechtigkeit war. In der ersten Reihe der in der Brüsseler Synagoge versammelten Anwesenden waren die Kinder und Schwiegersöhne des Verstorbenen, H. Ferdinand Bischoffsheim, Herr und Frau v. Hirsch, Herr und Frau Goldschmidt, Herr und Frau Montefiore, Frau Ferdinand Bischoffsheim. Man bemerkte u. A. H. Frere-Orban, Minister des Auswärtigen und Frau Frtzre-Orban; H. Graux, Finanzminister, und Frau Graux; Frau Rolin - Jacquemyns, Frau Gratcy; H. Charles Büls, Bürgermeister ^von Brüssel; H. Jules Deraux, Chef des königl. Cabinets; die Herren Senatoren Ban Schoor, Crocq, De Badder; Oberst Sterckx; Herrn und Frau Leon Orban; Herrn von Bauer; Herrn Leon Lambert; Herrn Casino, Rath am Caffationshof; Herrn Ban Maldeghem, Generaladvokat: Herrn Louis Hymans, zahlreiche Notabilitäten des Magistrats, der Armee und der Finanz. Die rituellen hebräischen Gesänge und besonders ein sehr schöner von einem belgischen und israelitischen Componisten Eduard Laffen, machten einen tiefen Eindruck auf die Versammlung. Die Ceremonie war um 12 Uhr beendigt. — Diese Trauerfeierlichkeit giebt den politischen Blättern von Brüssel nochmals Gelegenheit, sich über die ausgezeichneten Tugenden und Verdienste Bischoffsheims zu äußern. Die Jnd^pendance Belge hebt hierbei hervor, daß die Versammlung bei der Trauerfeier eine solche gewesen, daß „diese schmerzliche Ceremonie sich zu einer höchsten Ehrenbezeugung erhoben haben." Sie fährt fort: ..Es sind Ehren in der That, welche man niemals einem Mitgliede einer lang verfolgten Race gewährt hat. Welche Geistesthätigkeit, welche Fülle von großen Handlungen, welchen Edelinuth in Leben und Ideen eminente Juden auch bethätigt haben, man hat sic noch niemals in solchem Maße nach ihrem Tode gefeiert." 9*

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