Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1883)
- Date
- 1883-02-27
- Page
- Seite 132 (sequence 4)
- Language
- German
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132 spanisch-portugiesischen Juden in ihrer Gesichtsbildung, ja in ihrer ganzen leiblichen Gestaltung von einander sich sehr unterscheiden. Hierbei ist physiologisch ein Moment gewöhnlich übersehen worden, nämlich, daß nicht blos die wirkliche Vermischung, sondern schon der gesellige und gewerbliche Verkehr mit der übrigen Bevölkerung auf den Typus eine allmälige Wirkung übt. Ein solcher Verkehr hat zwischen den Juden und Landesbewohnern stets stattgefunden, ist aber ein viel lebhafterer geworden, seitdem die Juden nicht mehr in Ghettis, sondern unter den übrigen Ortseinwohnern wohnen, und seitdem die jüdische Jugend die öffentlichen Schulen besucht. Als vor einigen Jahren in Deutschland eine allgemeine Untersuchung und Zählung betreffs der Farbe der Haare und der Augen in allen Schulen stattfand, ergab es sich, daß ein sehr großer Bruchtheil der deutschen Kinder keine blonden Haare und blauen Augen, sondern schwarze Haare und braune Augen hatte, und daß unter ihnen die jüdischen Kinder zu einer überraschend großen Zahl blonde Haare hatten. Man erinnere ffch, daß die Spartaner Abbildungen schöner Gestalten in ihren Schlafzimmern aufhingen, um eine schöne Bildung der kommenden Geschlechter zu erwirken. — „Man stellt auch zu Gunsten der ethnischen jüdischen Einheit die Gleichheit der Sitten und Gebräuche auf. Immer, wenn man Menschen, seien sie auch von verschiedensten Racen, zu einem Ghettoleben ernschließt, werden dieselben Resultate entstehen. Es giebt, wenn man sich so ausdrücken darf, eine Psychologie der religiösen Minoritäten, und diese Psychologie ist von der Race unabhängig. Die Stellung der Protestanten in einem Lande, wo der Protestantismus wie in Frankreich, in der Minorität ist, hat viel Aehnliches mit der der Juden, weil die Protestanten lange Zeit hindurch gezwungen waren, nur unter einander zu verkehren und ihnen, rvic den Juden, eine Menge Dinge untersagt war. So sind Ähnlichkeiten entstanden, die nicht von derRace herrühren, son dern aus gewissen Analogien der Stellung. Die Gewohnheiten eines konzentrirten Lebens, voll Verbote und Unterdrückungen, gewissermaßen seguestrirt, kennzeichnen sich überall als dieselben, unabhängig von der Race/' Nachdem hier Renan ausführlich über die Eigenthümlichkeiten einiger syrischen Dörfer nördlich von Damaskus gesprochen, schließt er seinen Vortrag mit folgenden Worten: „So sind bei den Juden die Lebensgewohnheiten und die besondere Physiognomie vielmehr das Resultat sozialer Beschränkungen, die Jahrhunderte lang auf ihnen gelastet haben, als wie eine Racenerscheinung. - „Freuen wir uns, meine Herren, daß die für die Geschichte und die Ethnographie so interessanten Fragen, für Frankreich keinerlei praktische Bedeutung besitzen. Wir haben in der That die politische Schwierigkeit gelöst. Wenn es sich um die Nationalität handelt, so machen wir aus der Racenfrage nur eine ganz sekundäre, und wir haben Recht. Die ethnographische Thatsache, die beim Beginn der Weltgeschichte so wichtig war, verliert immer mehr an Bedeutung, je mehr man in der Civilisation vorschreitet. Als die Nationalversammlung im Jahre 1791 die Emanzipation der Juden dekretirte, kümmerte sie sich herzlich wenig um die Race. Sie hielt es für richtig, daß die Menschen nicht nach dem Blute beurtheilt würden, das in ihren Adern fließt, sondern nach ihrem moralischen und intellektuellen Werthe. Es ist der Ruhm Frankreichs, diese Fragen von der humanen Seite aufzufaffen. Die Aufgabe des 19. Jahrhunderts ist, die Ghettos niederzuwerfen, und ich mache denen nicht mein Kompliment, die anderswo suchen, sie wieder aufzurichten. Die jüdische Race hat der Welt in der Vergangenheit die größten Dienste geleistet. Verschmolzen mit den verschiedenen Nationen, in Harmonie mit den verschiedenen Nationalitäten Europas, wird sie fortfahren in der Zukunft das zu thun, was sie in der Vergangenheit gethan hat. Durch ihre Mitarbeit mit allen liberalen Kräften Europas, wird sie in eminenter Weise zu dem sozialen Fortschritte der Menschheit beitragen. (Anhaltender Beifall.) Dem Beifall, den die Zuhörer dem Redner spendeten, gesellen wir auch den unsrigen zu. Renan ist hier entschieden dem ganzen System der Racen und jedem Racenvorurtheil entgegengetreten und hat dessen Unbegründetheit erwiesen; er hat die Geschichte der jüdischen „Race" als solcher auf die Tagesordnung gebracht und sie zu kritischer Untersuchung vorbereitet; er hat über das Judenthum mit er- * leuchtetem Geiste und über die Juden in wohlwollendster Gesinnung gesprochen. Je offener er dabei seinen früheren Ansichten widersprach, desto mehr Ehre für ihn'. Kolonisation in Amerika. Die Erfahrung lehrt, daß die ersten Versuche, eine große und schöne Jvee zu verwirklichen, scheitern, und zwar um so eher, je größer die zu überwindenden Schwierigkeiten sind. Die Eilfertigkeit, mit welcher gewöhnlich an diese Versuche gegangen wird, und der Mangel an Erfahrung lassen zu leicht in der Wahl der Mittel und Werkzeuge fehlgreifen, um nicht ungünstige Erfolge zu ergeben. Mit Ausdauer und mit berichtigten Ansichten versehen, erzielen dann Diejenigen, die sich von der Vereitelung der früheren Pläne nicht abschrecken lassen, günstigere und dauernde Resultate. Wir glauben deshalb unsre Leser auf das folgende, soeben uns zugekommene Schreiben aufmerksam machen zu müssen. Bethlehem-Juda in Dakota, 15. Januar. Herr Redakteur! Die letzte traurige Periode in der Geschichte unseres Volkes hat unsere lleberzeugung bestätigt, daß wir noch viele wahre Patrioten besitzen; für sie wird