Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1883)
- Date
- 1883-02-27
- Page
- Seite 131 (sequence 3)
- Language
- German
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gegeben worden sei. Hierdurch wird aber in ethnischer Hini sicht, d. h. für die Vermischung des jüdischen Stammes mit fremden Elementen aus der griechischen und römischen Masse eine bedeutende Beschränkung konstatirt. — Der Fanatismus, welchen Juvenal den Juden zuschreibt, und welchen auch Renan für übertrieben von dem römischen Satiriker hält, giedt ihm zu folgender Aeußerung Gelegenheit: „Was Juvenal hinzufügt, ist wahrscheinlich eine Verleumdung. Ich glaube nicht, daß viele Juden jener Zeit den Fanatismus so weit getrieben haben, daß sie denen, die nicht zu ihrer Religion gehörten, den Weg nicht zeigten. Uebrigens, was kommt darauf an? Es giebt keine unbefleckte Geschichte. Tie Geschichte des jüdischen Volkes ist eine der schönsten, die es in der Welt giebt, und ich bedauere es nicht, ihr mein Leben gewidmet zu haben. Aber daß es eine Geschichte ohne jedweden Flecken sei, bin ich weit entfernt zu behaupten; dann wäre es eine Geschichte, die außer dem Bereiche der Menschlichkeit läge." „Weil man findet, daß das jüdische Volk vielleicht die außerordentlichste Erscheinung in der Geschichte gewesen iit, ist man deshalb nicht genöthigt zu leugnen, daß in seinen langen Annalen einige bcdaucrnswerthe Thatsachen Vorkommen." Aus allem diesem zieht Renan den Schluß, „daß von dieser griechisch-römischen Epoche an das Wort Judenthum nicht mehr eine große ethnographische Bedeutung habe. Gemäß der Verkündigung der Propheten war das: Judenthum etwas Universelles geworden. Alle Welt trat in dasselbe ein." Hieraus aber trat, worüber wir bereits ge-j sprachen, die talmudische Reaktion ein. — Kommen wir nun zum letzten Theile der Vorlesung. Renan sagt: .,Es ist also außer allem Zweifel, daß das^ Judenthum zuerst die Tradition einer besonderen Race repräsentirte. Auch ist es außer Zweifel, daß bei der Bildung : der jetzigen jüdischen Race ein Zusatz vom primitiven palästinensischen Blute thatsächlich ist; aber zu gleicher Zeit habe ich die Ueberzeugung, daß in dem Ganzen der jüdischen Bevölkerung, wie es heutigen Tages besteht, ein beträchtlicher Zusatz fremden Blutes vorhanden ist: so daß in dieser Raee, welche man für das Ideal des reinen Ethnos ansieht, die sich durch die Jahrhunderte hindurch durch das Verbot gemischter Ehen erhalten habe, fremdes Blut in umfangreicher Weise gedrungen ist, ähnlich wie es bei allen anderen Racen der Fall gewesen.•' So wie Renan hier im Allgemeinen seine Konklusion aufstellt, kann man ihr wohl beistiminen und richtet sich ihre Spitze ebenso gegen die übertriebenen Behauptungen Disraeli's über die Reinheit des jüdischen Stammes wie gegen den von den Antisemiten gepredigten Racenhaß. Sehen wir aber auf die historischen Fakten, durch welche sie begründet werden soll, so bedürfen diese noch sehr der genaueren Untersuchung, da wir bereits genöthigt waren, viele derselben zu bezweifeln oder doch nur innerhalb engerer Grenzen als wahr und zutreffend anzunehmen. Ganz besonders ist aber hierbei noch das Moment in Erwägung zu ziehen, inwiefern das einem Stamme beigemischte fremde Blut im Stande war, den Stamm zu modisiziren, oder durch die überwiegende Mehrheit des ursprünglichen Stammes nach einiger Zeit überwunden zu werden, und sich so zu verlieren. Naturwissenschaftlich betrachtet, hat man hierfür bei einmaliger nicht wiederholter Kreuzung genügende Belege. Renan fährt fort: „Man wird mir den sogenannten jüdischen Typus einwenden. Hierüber wäre viel zu sagen: Meine Meinung ist, daß es nicht einen jüdischen Typus giebt, sondern mehrere jüdische Typen. In dieser Hinsicht habe ich mir ziemlich reiche Erfahrungen erworben, da ich während zehn Jahre in der National-Bibliothck der Sammlung der hebräischen Manuskripte Vorstand, so daß die jüdischen Gelehrten der ganzen Welt sich an mich wandten, wenn sie in unserer kostbaren Sammlung etwas nachschlagen wollten. Ich erkannte sehr schnell meine Klienten heraus, und von Allen im Saale mußte ich gleich, wer in mein Bureau kommen würde. Nun, das Resultat meiner Praxis ist, daß es nicht nur einen einzigen jüdischen Typus giebt, sondern mehrere, die durchaus nicht von einander Herkommen können. Wie hat sich die Race so in einer bestimmten Anzahl von Typen festsetzen können? Durch das, was wir soeben gesagt haben, durch die Absonderung, das Ghetto, durch das Verbot gemischter Ehen." „Die Ethnographie ist eine sehr dunkle Wissenschaft, denn man kann darin keine Erfahrungen machen, und nur das ist sicher, was man erproben kann. Das was ich jetzt sagen will, soll meinen Gedanken nicht beweisen, sondern nur erklären. Ich glaube, daß wenn man beliebige Tausende von Menschen nähme, so wie sie z. B. gerade in diesem Augenblicke von einem Ende zum anderen des Boulevard Saint- Gennain spazieren gehen, wenn man sie sich auf eine einsame Insel gebracht dächte, wo sie sich nach Belieben vermehren könnten; ich glaube, sage ich, daß nach einer gegebenen Zeit die Typen an Zahl sich vermindern, sich in einer bestimmten Anzahl von Typen konzentriren würden, die über die anderen Typen siegen, die bestehen bleiben und sich in unveränderlicher Weise festsetzen würden. Die Konzentrirung der Typen geht daraus hervor, wenn die Ehen Jahrhunderte hindurch in dem engen Kreise einer wenig umfangreichen Blutsverwandtschaft geschlossen werden." Was Renan über den jüdischen Typus sagt, ist durchaus richtig. Schade nur, daß er seine Klienten, die, wie er bemerkt, aus allen Ländern waren, nicht nach ihrem Baterlande gefragt und sich notirt hat. Es würde sich ihm bewahrheitet haben, was längst anerkannt ist, nämlich daß der jüdische Typus nach den verschiedenen Ländern sehr verschieden ist, daß die orientalischen, russisch-sarmatischen, polnischen, deutschen und 6*