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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-02-20 · Heft 8 (20.2.1883) · p. Seite 115

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 8 (20.2.1883)
Date
1883-02-20
Page
Seite 115 (sequence 3)
Language
German
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115 Wir haben keinen Beweis, daß es in den benachbarten, mehr oder weniger verwandten Stämmen, bei den Phöniziern zum Beispiel, Propheten gegeben hat. Es gab dort ohne Zweifel Nabis, die man befragte, wenn man einen Esel verloren hatte oder irgend ein Gcheimniß wissen wollte. Es waren Zauberer. Aber die Nabis Israels sind ganz anderer Art, sic sind die Schöpfer der reinen Religion gewesen. Wir sehen gegen das d. Jahrhundert vor Christus Männer auf- > treten, von denen Jesaias der erleuchtetste ist, welche durchaus keine Priester sind und welche sagten: „Tie Opfer sind unnütz; Gott hat kein Wohlgefallen an ihnen; betet Gott mit reinen Händen au; das ist der Dienst, den er von Euch verlangt." Tie Propheten verkünden, das; der wahre Diener Gottes der ist, der das Gute thut. Tas ist also die Religion, welche eine Sache der Moral, des Universellen wird, die sich mit der Idee der Gerechtigkeit durchdringt, und deshalb sind die Propheten Israels die begeistertsten Tribunen, die es jemals gegeben hat. Es ist dies eine Erscheinung in der Welt einzig in ihrer Art, es ist die reine Religion. Eine solche hat nichts mit dem Nationalen zu thun. Wenn man einen Gott anbetet, der Himmel und Erde geschaffen, der das Gute liebt und das Böse bestraft; wenn man eine solche Religion verkündet, ist man nicht mehr innerhalb der Grenzen einer Nationalität, man ist im vollen menschlichen Bewußtsein im weitesten Sinne des Wortes. Mit der Idee der reinen Religion verbindet sich die Borstellung einer Art goldenen Zeitalters. Die Fundamentalidee Israels ist die Verkündigung einer glänzenden Zukunft für die Menschheit, i eines Zustandes, wo die Gerechtigkeit auf der Erde herrschen wird, wo die niederen, groben, götzendienerischen Kulte verschwinden werden. Diese Ideen finden sich in den Kapiteln des Jesaias ausgesprochen, die ganz unzweifelhaft von ihm herrühren. Das jüdische Bolk wird dann ein Panier sein, um das sich die Völker schaaren werden. Tas messianische Ideal ist also lange vor der babylonischen Gefangenschaft aufgestellt worden. Israel träumt eine Zukunft des Glückes für die Menschheit; ein vollkommenes Reich, dessen Hauptstadt Jerusalem sein wird, wohin alle Bölker kommen werden, den Ewigen anzubeten. Es ist klar, daß eine solche Religion nicht national ist; allerdings hat im Grunde alles dessen der nationale Stolz seinen Theil, aber welches geschichtliche Werk giebt es, wo ein solcher Grund sich nicht fände? Aber die Idee ist vor Allem universell und von da bis zur Propaganda ist nur ein Schritt. Aber der damalige Zustand der Welt bot hierzu keinen Raum. Es bedurfte der Verhältnisse, wie sie später im römischen Reiche stattfandcn." — Man muß hierbei bemerken, daß, wenn die Propheten an vielen Stellen die Universalität des Monotheismus verkündeten, sie doch mit gleicher Energie die nationale Idee aufrecht erhielten. Israel war ihnen das Instrument Gottes, um die Erkenntniß und die Sittlichkeit den Völkern zu lehren und diese zur Verehrung des einzigen Gottes zu bringen; aber gerade als solches Werkzeug müsse es seine Ein heit bewahren. Die Bölker schaaren sich um dasselbe als ihren geistigen Mittelpunkt. „Aber," sagt Renan, „während des ganzen Jahrhunderts, welches der Zerstörung Jerusalems durch die Afsyrer (wohl ein Schreibfehler, da es Babylonier oder Chaldäer heißen muß) folgt, hört Israel nicht auf, seinen Aufruf zu wiederholen und sicherlich mußte seit dieser Epoche der Zaun, welcher es in Bezug auf die Race umgab, sehr gelockert werden." Auch Jesaias II. verkündet, wie Renan bemerkt, „das Licht wird ausgchen vom jüdischen Volke und dieses Licht wird die ganze Welt erfüllen. Eine solche Idee hat nichts Ethnographisches mehr; sie ist universell im höchsten Grade und das Bolk, welches sie verkündet, ist offenbar zu einer Bestimmung berufen, welche die Rolle einer abgeschlossenen Nationalität weit überschreiten wird." — Was zwischen der Wiederherstellung Jerusalems und der Zeit Alexanders in dieser Hinsicht geschehen, ist ge-! schichtlich nicht aufgeklärt. Doch seit der Wiederherstellung des Kultus in Jerusalem ist der Mißbrauch, gegen welchen die Reformatoren am meisten donnern, der der gemischten Ehen. Dieser, von Renan betonte Umstand, ist doch sehr einzuschränken. Wer die sorgfältigen Genealogien einsieht, welche über die rückkehrenden Juden angeführt werden, z. B. Esra Kap. 2. 6., muß voraussetzcn, daß auch in der Gefangenschaft sehr genau auf die Reinheit der Race gehalten worden. Allerdings schritt Esra gegen die gemischten Ehen ein; aber die Geneigtheit des Volkes zu dem Beschlüsse, daß die fremden Weiber fortgeschickt würden, und die Aufzählung der gemischten Ehen in Kap. 10. zeigt doch, daß deren Anzahl im Verhältnis zur gesammten Gemeinde nicht allzu groß war. Renan fährt fort: „Das Faktum fremder Bevölkerungen, wie der Cuthäer, herbeigeführt, um das Land zu bevölkern, und später in Israel ausgenommen, ist gleichfalls wichtig zu notiren." Es ist uns unerfindlich, wie Renan von der Aufnahme der Cuthäer in das jüdische Volk sprechen kann. Die Cuthäer sind bekanntlich die Samaritaner nnd die Feindschaft zwischen diesen und den Juden ist eine durchaus dauernde gewesen. Sie wanderte mit in das Ausland, wo z. B. in Alexandrien die Samaritaner gegen die griechische Uebersetznng der Bibel in den höchsten Zorn geriethen. Durften Juden mit Samaritanern zusammen speisen und in einem Hause wohnen, so blieb doch die Ehe zwischen ihnen verpönt und es wurden deshalb der jüdischen Trauformel die Worte „nach dem Gesetze Mosis und Israel" hinzugefügt. Noch unter dem Landpfleger Eumanus fanden blutige Kümpfe zwischen Juden und Samaritanern statt. Dahingegen wundert es uns, daß Renan ein viel schlagenderes Faktum übergeht, nämlich den erzwungenen Uebertritt der Jdumäer zum

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