Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-02-13 · Heft 7 (13.2.1883) · p. Seite 102

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 7 (13.2.1883)
Date
1883-02-13
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227447-3227455--40575-3308975
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

nicht das Wort nehmen werde; denn obgleich der Herr Abgeordnete (Ivan Simonyi) sagte, das Todtgeschwiegenwerden sei der beste Beweis dafür, daß Jemand Recht habe, glaube ich dennoch, daß im Grunde von unser Aller Seite die beste Antwort auf seine Rede, die wir nicht billigen, das Todtschweigen sei. (Lebhafte Zustimmung.) Indessen muß ich doch einige wenige Bemerkungen Vorbringen. Die eine ist folgende: Wenn bei einer Kollekte! offen versprochen wird, daß die Namen Derjenigen, die für den betreffenden Zweck beisteuern, verschwiegen werden sollen, so zeigt dies schon an und für sich, daß dieser Zweck kein solcher sein kann, welcher nach dem Gesetze statthaft ist. (Zustimmung.) Sonst Pflegt man den Spendern die Geheimhaltung nicht zu versprechen; im Gegentheil: man publizirt ihre Namen und quittirt die Beträge. (So ist es'.) Meine zweite Bemerkung ist die: Ich kann nichts dafür, wenn der Herr Abgeordnete sich für eine so wichtige Persönlichkeit hält, daß, obgleich ich, Otto Herman und Ludwig Mocsary immer nur im Allgemeinen gesprochen haben, also nicht nur nicht von ihm, sondern nicht einmal von Preßburg: er vielleicht das Gefühl gehabt Hut, daß sich dies auf keinen Andern als auf seine hochbedeutsame Person beziehen könne (Lebhafte Heiterkeit); aber ich stelle entschieden in Abrede, daß ich aus welche Person immer eine Anspielung gemacht' hätte. (Zustimmung.) Meine dritte und letzte Bemerkung ist die: Der Herr Abgeordnete sagte, ich sei ein Antisemit, und hat es auch motivirt, weshalb ich einer sei. (Hört!) Ich gebe dem Herrn Abgeordneten die Versicherung, falls ihm dies zur Freude gereicht: Wenn ich deshalb ein Antisemit bin, weil ich mit allen mir verfügbaren Mitteln bestrebt war, die Schürung des Hasses gegen Racen und Konfessionen und die Ausartung, desselben zu Ausschreitungen und Raub zu verhindern: so tverde ich in diesem Sinne auch künftig ein Antisemit sein (Heiterkeit, lebhafte Zustimmung^ und ich versichere ihm, wenn er damit seine Ansichten zu propagiren glaubt, so werde ich ihn unterstützen. Denn wenn die heute vorhandenen Mittel nicht ausreichen sollten, so werde ich von der Gesetzgebung wirksamere verlangen: die Anfachung des konfessionellen und des Racenhasses aber werde ich — so lange ich diesen Sitz innehabe — nimmer dulden. «Langanhaltender, stürmischer Beifall.) Erfüllt von dem Wunsche, dieser widerlichen Debatte, so bald als möglich ein Ende zu bereiten, beschloß das Haus, auch morgen, am Sonntag, Sitzung zu halten. Bonn, 31. Januar. In der Sonntags-Sitzung nahm endlich einer der jüdischen Abgeordneten das Wort, Franz Chorin. Nach einerPolemik gegen die antisemitischen Redner, spricht er die Hoffnung aus, «daß die ungarische Gesellschaft Kraft und Lebensfähigkeit genug haben werde, um die Bewegung auszustoßen, welche aus dem Auslande bei uns importirt und von individuellem Egoismus, Großmannssucht und weiß Gott von was für Leidenschaften angesacht wurde." Er weist darauf hin, das; es in Ungarn sieben verschiedene Confessionen giebt, und daß deshalb die Existenz des ungarischen Staates von dem confessionellen Frieden abhänge, daß die religiöse Toleranz einen Charakterzug des ungarischen Stammes, seines staatserhaltenden Instinktes bildet. Er weist darauf hin, daß seit 1867 unter den Juden in Ungarn eine große Veränderung vor sich gegangen. Nach der statistischen Volkszählung von 1881 i beschäftigen sich von den in der Hauptstadt wohnenden Männern l jüdischer Confession 20 Prozent mit der Industrie, 23 Prozent! mit Handel, 15 Prozent mit körperlicher und geistiger Arbeit, j 223 sind Landwirthe, 166 Bäcker, 241 Fleischer, 1842 Schneider, 620 Schuhmacher, 177 Schreiner, 215 Schlosser, 330 Kunstindustrielle, 464 Buchdrucker, 209 Tapezierer, 554 Produktcnhändler, 270 Spezereiwaarenhändler, 619 Schnittwaaren- und Leinwandhändler, 65 Buchhändler, 1958 Tagelöhner, 417 Advokaten, 224 Aerzte, 237 Schriftsteller, Schauspieler und Maschinisten. 221 Lehrer, dies alles allein in der Hauptstadt des Landes. Denen gegenüber, welche gegen das Zurückbleiben der orthodoxen Juden donnern und eine Organisation der Judenschaft fordern, rekapitulirt Chorin die Geschichte des ungarisch-jüdischen Congresses und wie gerade das Abgeordnetenhaus alle Wirkungen desselben hintertrieben und die dreifache Spaltung der ungarischen Judenschaft hervorgerusen und geschützt hat. Zur Förderung der gesellschaftlichen Assimilation seien Bildung und Wiffenschaft die wirksamsten Mittel. Wir können diese Rede des jüdischen Abgeordneten, die einen lebhaften Beifall fand, nicht ohne zwei Bemerkungen lassen. Zuerst, daß er, wie auch viele andere Redner, immer wiederholt hcrvorhebt, daß der Antisemitismus nach Ungarn aus Deutschland importirt sei, während doch schon 1872, als in Deutschland noch keine Spur dieser judengchässigen Bewegung vorhanden war, Jstoczy fulminante Reden gegen die Juden hielt und im Abgeordnetenhause willige Hörer fand. Auch dürste man nicht vergeffen, daß es in Ungarn zu Er- , scheinungen gekommen ist, z. B. zum Tißa-Eßlaer Prozeß mit seinen die Justiz schändenden Vorgängen, wie in Deutschland nimmer, und daß es hingegen an öffentlichen Kundgebungen zu Gunsten der Juden, wie sie in Deutschland vielfach vor sich gingen, in Ungarn fast gänzlich fehlte. Andererseits sehen wir nicht ein, mit welchem Rechte Chorin, um die ungarischen Juden zu vertheidigen, die galizischen Juden beschimpfte, was die antisemitischen Redner nachdrücklich benutzten. Er ist ja hierin dem Beispiele der Antisemiten gefolgt, die auf die ganze Glaubensgenossenfchast wälzen, was Einzelne verschulden. Nach ihm sprachen noch die antise-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.