Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1883)
- Date
- 1883-02-13
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
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100 eigentlich den Vorredner verletzt habe? Die Bemerkung, daß er zur Regierungspartei gehöre oder die andere, daß die Juden ihn gewählt haben." Die wichtigste Rede war selbstverständlich die des Minister-Präsidenten Tißa. Er hat über diesen Gegenstand schon so oft gesprochen, daß sein entschiedenes Eintreten für die Gleichberechtigung der Juden allgemein bekannt ist. Er brachte dies ganz besonders energisch dies Mal zum Ausdruck. Nachdem er gegen einige Auslasiungen der Redner der Linken polemisirt hat, sagt er: „Ich stimme mit dem Herrn Abgeordneten Herman darin überein, daß gegen irgend einen Bolksstamm oder Konfession hetzen ein Fehler sei; so zu hetzen aber, daß die Hetzer, wenn das Volk in das Unglück gerannt, sich verstecken: das ist unmännlich. (Lebhafte Zustimmung.) Ich gebe ihm auch darin Recht, baß dasjenige, was er tadelte, auch nach meiner Ansicht die häßlichste Demagogie ist. Jene Herren sollen entweder nicht hetzen und das Volk ins Unglück treiben, oder sie sollen zur Stelle sein. Tenn wenn man die Hetze einleitet, für die Folgen aber nicht einstehen will, so führt dies dahin, daß das Volk büßt und nicht die Hetzer." (Zustimmung.) „Ich habe übrigens, g. Haus, diese Frage niemals als Judenfrage betrachtet und betrachte sie auch nicht als solche; ich betrachte sie wie dies heute auch mehrere Redner richtig ausgeführt, als die Frage der Rechtsgleichheit, und betrachte sie andererseits als Frage des guten Einvernehmens zwischen Rasien und Konfessionen. Und weil ich sie als solche betrachte, kann ich einem Beschlußantrage nicht beistimmen, der für die Juden ein Wuchergesetz, für die Juden ein Schank-! nahmen gesetz, für die Juden ein Jnkolats- oder Niederlassungsgesetz rechts.) Begriffe der Gerechtigkeit, wenn eben Jene darüber Klage führen, daß die Juden sich mit uns gesellschaftlich nicht verschmelzen wollen, welche gegen die Möglichkeit der Amalgamirung am meisten hetzen. (Zustimmung.) Nun klagen aber Jene, welche den Haß gegen die Juden predigen, welche Vereine mit der Devise: „Kauft bei keinem Juden" gründen wollen, und dabei vergessen, daß sie Bettler würden, wenn die Juden sagen würden, daß sie ein Jahr lang bei ihnen nicht kaufen; Jene also, die die Juden aus der Gesellschaft hinausdrängen wollen, klagen dieselben an, daß sie sich mit uns nicht asfimiliren wollen." Er schließt: „Ich wiederhole, daß ich einen und den anderen Theil der zur Sprache gebrachten Gesetzesreform für unumgänglich nothwendig, einen anderen für erwägenswerth halte; allein nicht aus semitischem Gesichtspunkte, nicht vom Standpunkte eines Stammes, sondern im Allgemeinen, ohne jeden Stammesnoch Rcligionsunterschied.(Beifall.) Ich gebe weiter meiner Ueberzeugung Ausdruck, daß der Antisemitismus selber weder vor die Legislative, noch vor die Regierung zu verweisen sein wird, sondern daß denselben die Gesellschaft selber zur Lösung bringen werde. (Beifall.) Denn diese Frage, die eine Frage der Proklamation des Haffes zwischen Racen und Konfessionen ist, könnte an sich die Intervention der Legislative und der Regierung nur dann in Anspruch nehmen, wenn die Gesellschaft selber nicht stark genug wäre, diesen Krebsschaden aus ihrem Körper zu eliminiren, so daß derselbe mit außerordentlichen Mitteln, mit Gewalt und Ausnahmegesetzen ausgemerzt werden müßte. Ich vertraue in die ungarische Gesellschaft, daß derlei Maßnicht nothwendig fein werden." (Lebhafter Beifall (Bei den letzten Worten dachte Tißa wohl an seinen verlangt. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Ich gebe zu, wir brauchen ein Wuchergesetz; ich gebe zu, man muß die Miß- ' bräuche des Schankwesens regeln; ich halte es auch reiflicher Erwägungen werth, ob es nicht nothwendig sein wird, unsere sehr freisinnigen Niederlassungsnormen zu modifiziren; doch muß all' das im Allgemeinen, nicht als antisemitische, sondern als allgemeine vaterländische Fragen aufgefaßt werden." „Im Gegentheil wollte ich und will ich kurz sagen (Hört!), man könne nicht leugnen, daß seit der Emanzipation, welche die Nation nicht in einem Momente der Selbstvergeffenheit, sondern als Resultat Jahrzehnte hindurch fortgesetzter ernster Er Wägungen aussprach, seitens der Juden nicht nur hinsichtlich der Magyarisirung, sondern auch hinsichtlich der sozialen Assimilirung viel geschehen ist. (Zustimmung.) Wohl nehme ich selbst wahr, als ob in der jüngsten Zeit, seit einem Jahre, in dieser Beziehung ein Rückfall zu konstatiren wäre. Ich betrachte es aber als einen Fehler, daß die von einigen Menschen angeregte Bewegung, die einem Sturme in einem Glase Wasser gleicht, sei es auf Christen, sei es auf Juden eine soziale Wirkung übte; doch widerstrebt es dem schwächsten Erlaß, durch welchen im Preßburger Comitat das Standrecht proklamirt werden sollte, wenn die Excesse nicht aufhörten.) Diese Verhandlungen hatten schon den guten Erfolg, daß in den Debatten über ein neues Wuchergesctz, welche an den darauf folgenden Tagen stattfanden, keine einzige der gewöhnlichen Redensarten über den Wucher der Inden vorgekommen ist. Zu diesem Erfolge trug nicht wenig die von uns schon erwähnte, in deutscher und ungarischer Sprache erschienene, sämmtlichen Abgeordneten zugesandte Broschüre des vr. Kayserling „Judenthum und Wucher" bei, indem sie sich daraus überzeugen konnten, daß die religiösen Vorschriften des Judenthums in allen Phasen desselben dem i Wucher nachdrücklich steuerten. i Uebrigens war die Hoffnung, am Samstage, (dem 27.) zur Abstimmung zu kommen, vergebens: die Debatte dehnte sich auch noch über den Sonntag aus. lieber die Verhandlungen am Samstag erhalten wir die folgende Correspondenz. Pest, den 27. Januar 1883. Die Debatte über die Tapolczaer Petition wurde vorigen Dienstag abgebrochen, um mit der Berathung über das Wucher-