Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1883)
- Date
- 1883-02-13
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
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99 binde, auf den Markt schleppe und verkaufe (Heiterkeit); und daß man die Lutheraner verbrenne. Das Alles ist in unferm Gesetzbuche enthalten; und dennoch wird eines dieser Gebote befolgt? (Heiterkeit.) ' Geehrtes Haus.' In die eine Schale der Waage mochten! Jene, die der Sache mit großem Eifer nachgegangen sind, Vieles von den Fehlern, Untugenden und Sünden der Juden' hineingelegt; wollen sie aber die Tugenden und Vorzüge der? Juden nicht erblicken? Ich will mich nicht auf jene Wohl-! thätigkeitsakte berufen, welchen wir auf Schritt und Tritt begegnen (Zustimmung) und an welchen die Juden überall die potior prirs haben; denn da würde man mir entgegenhalten können: Sie haben das Geld, sie können es thun. Sondern ich berufe mich darauf, daß wir Ungarn an den geistigen Fähigkeiten unserer gebildeten Juden ein solches Kapital besitzen, welches zu verlieren, welches aus Ungarn zu verbannen eine Sünde gegen Gott und die Nation wäre. (Zustimmung.) Endlich muß ich konstatiren, was den ungarländifchen Juden en Masse zugestanden werden muß: die Liebe derselben zum Vaterlande. Auf welcher Höhe diese Vaterlandsliebe steht? in dieser Hinsicht berufe ich mich auf die Zeugniffe, welche von den zwei konträrsten Seiten kommen. Das eine Zeugniß ist die Anerkennung des Leiters des Freiheitskrieges und Gouverneurs von Ungarn; das andere ist das Zeugniß Haynau's, der die Juden zu einer Kontribution von zwei! Millionen verurtheilt hat, weil sie sämmtlich, ohne Ausnahme, zum Freiheitskampfe hielten und mit den Waffen in der Hand gekämpft haben. (So ist'S!) Ich könnte meine Freunde: bezeichnen, welche bei der Erstürmung von Ofen verwundet' wurden, und dies waren Juden." Jokay schließt: „Einei Nation, die sich und ihren Bestand nicht anders zu sichern vermag, als dadurch, daß sie einem in ihrer Mitte lebenden VolkSftamm, einer Klaffe oder Konfession die politischen, die bürgerlichen Rechte konsiszirt: eine solche Nation läutet sich selbst das Zügenglöcklein. (Lebh. Beifall.) Ich aber will, daß Ungarn ewig lebe! darum weife ich die Petition zurück und acceptire den Antrag des Petitions-Ausschusses. (Lebh. anhaltender Beifall und Eljenrufe.)" Beim Beginn der Sitzung vom 2o. d. M. rief der Präsident, weil er den Ausdruck, den Jsioczy gegen Jranyi gebraucht, nicht gehört habe, den Abg. Jstoczy zur Ordnung. Vor der Tagesordnung nimmt noch der Abgeordnete Johann Magyar (Geistlicher), der sich um die volkswirthschaftliche Wohlfahrt seines Sprengels sehr verdient gemacht und in den Verhandlungen mehrfach genannt worden, das Wort. In seiner Gegend habe die Zahl der Juden sehr zugenommen, aber „die dortige christliche Bevölkerung findet cs für sich keineswegs nachtheilig, daß die Juden dort wohnen und Handel treiben; denn das jüdische Element, welches fleißig dem Handel obliegt, stört das Landvolk nicht in seinen Feldarbeiten und zahlt mit dem im Handel gewonnenen Gelde sehr theuer — theurer als in Budapest — die Hausmiethe, zahlt den Arbeitern hohe Taglöhne; das Volk verwerthet zu sehr guten Preisen die Gartenerzeugniffe und das Geflügel, hat also keinen Grund zur Klage. Ich denke, auch die Einwohner von Lelle (Szalay's Wahlbezirk) haben keinen Grund,' sich zu beklagen, daß die Juden sich dort niedergelassen haben." (Heiterkeit.) „Ter Herr Abgeordnete Szalay ist auch darüber verwundert, daß ich zur nämlichen Partei gehöre, wie der Minister-Präsident Koloman Tißa. Er möge mir verzeihen, aber: so lange der Abgeordnete Emerich Szalan und Koloman Tißa -- nicht als Minister-Präsident, sondern als Abgeordneter — sich in entgegengesetzten Parteien besinden werden, werde ich stets mit Koloman Tißa — nicht dem Minister- Präsidenten, sondern dem Abgeordneten — gehen. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Der Geschmack ist eben verschieden. Auch ist es nicht richtig, daß mich die Juden gewählt haben. Ich habe zwar keinen Grund mich darüber zu beklagen, wenn die Juden mich mit ihrem Vertrauen beehren; aber ich bin es der Wahrheit schuldig, zu erklären, daß cs dort unter 2000 Wählern kaum mehr als 100 jüdische Wähler; giebt. Ich bemerke ferner, daß ich cS nicht übel nehme, daß die Herren von der Oppositionspartei in meinem Bezirke von der reichsten Judenfamilie empfangen, gefeiert und bewirthet wurden. Die Juden haben das Recht, als freie Bürger dieses Landes zu jener Partei zu halten, die ihrer politischen lieber» zeugung entspricht." Er erklärt sich sowohl „als freier Bürger, als auch als Priester für die Unverletzbarkeit der Rechtsgleichheit und der Freiheit für alle Bürger dieses Landes". Doch fährt er fort, „muß ich auch bemerken, daß die Juden — besonders Jene, die in meinem Bezirke wohnen — wahrlich jenen Haß nicht verdienen, welchen einzelne christliche Männer hier hegen oder zu nähren suchen. In meiner, im Interesse dcS Volkes entwickelten Thätigkeit haben die Juden mich ebenso unterstützt, wie alle Christen, und als ich in der Gemeinde eine amtliche Waage errichten ließ, damit die Interessen der einfältigen, schwachsinnigen Produzenten der Umgebung, besonders des Somogyer Komitats gewahrt werden (Lebhafte Heiterkeit): da waren es die Juden, welche mit mir beschlossen, daß die Waage von keinem Juden gehandhabt werde, damit auch nicht der Schatten eines Verdachtes sie treffe; sie waren zufrieden damit, weil sie sahen, daß der Kredit des Platzes dadurch wiederhergestellt wird und viele Leute vor Betrug geschützt sind. Ich könnte mich auch in anderer Hinsicht auf Männer ihres Glaubens berufen, welche Sinn haben für alles Edle und Gute." Emerich Szalay erwidert, er wisse nicht genau, was