Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1883)
- Date
- 1883-02-06
- Page
- Seite 87 (sequence 7)
- Language
- German
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87 er als Jude geboren, als Gymnasiast sich hat taufen lassen, und man daher voraussetzen muß, daß er hier nur schildere, wie er sich die religiösen Probleme selbst zurechtlegt. Um so mehr kann man voraussetzen, daß er strenggläubigen Christen mit diesem Romane vielfachen Anstoß, ja Aergerniß geben mußte. Aber was geht das uns Juden an? Ebers ist seit mehr als 25 Jahren Christ und schreibt also nicht als Jude, sondern als Christ. Wir haben seine Dichtungen, seine Meinungen und Auslassungen nicht zu verantworten. Jndeß diese Erwägung der Gerechtigkeit liegt gegenwärtig einer großen Schaar Kritiker und Schriftsteller sehr fern. Ob Jemand für oder gegen uns anstritt: er giebt nur Gelegenheit . sich mit äußerstem Kampsesmuthe auf die Juden zu stürzen. Als eine solche benutzte den Ebcrs'schen Roman auch ein Kritiker unter den Mitarbeitern des „Daheim". Wer das „Daheim" kennt, wird sich hierüber nicht wundern. In Nr. 13 des laufenden Jahrgangs erhebt ein gewisser Th. H. Pantenius seine laut tönende Stimme, diesen Roman und noch mehr die Juden zu verdammen. Herr Pantenius ist ein Dichter, wie er uns vorsorglich mittheilt, da wir dies ja nicht wisieu können und aus seinem Elaborat nicht zu errathen vermögen. Wir hätten nun gedacht, daß das fromme „Daheim" und dessen Kritiker an dem ganzen Gedanken der Ebers'schen Dichtung Anstoß nehmen würden, da das erlösende „Wort" schließlich nicht im „Glauben" gefunden wird, sondern nur in der „Liebe", während diese nach dem Dogma völlig unzulänglich zur Erlösung ist. Aber hiermit beschäftigt sich Herr Pantenius gar nicht, wie er doch mußte, um seine Leser vor dem bestrickenden Reiz jenes Ergebnisses Ebers' zu warnen. Er schüttet vielmehr feinen ganzen Zorn über Ebers und die Juden aus, weil jener einen edlen und verfolgten Juden zu schildern wagt, ohne daß er ihm ein Dutzend schlechter Juden bcigesellt. Das ist es, was ihn in Harnisch bringt, und dieser Harnisch rasselt auf den Schul tern dieses wüthenden Kämpfers ganz gewaltig. Obgleich der Jude schon auf S. ll.'» verschwindet und dieser Raine gar nicht mehr vorkommt, ist ihm der ganze Roman nur eine Tendenzschrift gegen die Antisemiten, und das 18. Jahrhundert ist nur eine Maske für das lt>., obschon fast nichts in dem Roman geschieht, was nicht geradezu in das 18. Jahrhundert hineingehört. Er hat es auch gleich heraus, daß hier nur eine Nachahmung von Lessing's Nathan gegeben sei, und man wird den Standpunkt des Herrn Pantenius sofort erkennen, wenn er uns sagt, daß er Lessing's Nathan gegenwärtig für eine „Karrikatur" halte, und wenn wir ihn Stöcker und seine Genossen aufs Höchste glorinziren sehen. Die ganze Kritik ist nichts als ein antisemitisches Pamphletchen, das aber keinenfalls auf den Vorzug der Originalität Anspruch macht. Alles was er vorbringt, ist schon hundert Mal von Stöcker, Förster, Henriei und Genossen, meist in viel kräftigerer Weise gesagt worden. Von Widerlegung nimmt der Mann natürlich keine Notiz. Der Dichter-Kritiker scheut auch nicht davor zurück, einige Daten zu fälschen, wie er z. B. den Dr. Straßmann von „der christlichen Viper" sprechen läßt, während dieser doch nur von der Viper der Reaktion gesprochen. Und doch muß der Herr P. immer wieder auf Straßmann und Davidsohn, also auf des Ersteren Rede und des Letzteren Börsencourier zurückkommen. Weiteres von den Schmähungen der Juden auf das Christenthum weiß auch er nicht heranzubringen; immer noch wird das ganze Deutschland literarisch nur von den Juden beherrscht; immer noch besitzen diese unermeßliche Macht und unermeßliche Summen. Man sieht, der Herr P. steht noch in den ausgetretenen Kinderschuhen des Antisemitismus; er hat es noch nicht einmal bis zu den Barbareien in Rußland und bis zur Blutbeschuldigung in Ungarn gebracht. Wir mögen daher in seine einzelnen Phrasen nicht weiter eingehen, und heben nur noch hervor, daß er seinen ganzen Artikel „ein Hoheslied des Reformjudenthums" betitelt. Der Christ Ebers ist ihm also ein „Reformjude" und der Ebers'sche Roman ein Ausfluß und eine Verherrlichung des „Reformjudcnthums". Nach dieser Schablone ist Lessing auch nur ein Reformjude gewesen, und der Nathan ein „Hoheslied des Reformjudenthums". Diese Gesellschaft kann uns gefallen. Herr P. liefert jedoch nur den Beweis, daß er ein ebenso seichtes Urtheil über die moderne Entwickelung des Judenthums besitzt, wie über die Erscheinungen der Gegenwart überhaupt, in deren Tiefe ein Kampf der höchsten Prinzipien enthalten ist. Man hat für diese, durch unermüdliche Geistesarbeit sich vollziehende Entwickelung das Wort „Reformjudenthum" erfunden und glaubt sie damit erdrücken oder doch herabsetzeu zu können, gerade so wie man die 7 Millionen Juden mit dieser oder jener Schmähung aus der Welt schaffen zu können glaubt. Mit Nichten ist das, was Ebers seinem Costa in den Mund legt, der Inhalt und das Ergebniß dieser modernen Entwickelung des Judenthums, die Ihr Resormjudenthum nennt. Es giebt wohl einige Juden, die auf diesem Standpunkte stehen, aber es giebt noch viel mehr Christen, die sich in ganz ähnlicher Weise zum Christenthume verhalten. Wollt Ihr über das wahre ..Resormjudenthum" nur irgend gerecht urthcilen, so nehmt Euch einige Mühe und stndirt. wenn auch nur einige Schriften dieser Richtung. Wir stellen z. B. unumwunden dem Herrn Pantenius ein Exemplar unserer „Ausführlichen israelitischen Religionslchre" in 3 Bänden zu Gebote. Er mag sie nur durchblättern und wird da schon finden, daß in diesem, von israelitischen Religionsbehörden, wie der königl. württembergischen und großherz, badischen, anerkannten und empfohlenen Lehrbuche so viel positive Religion enthalten ist, als mehr in keinem protestantitchen Lehr- , buche gefunden wird, Nein, mit solchen, wenn auch noch so