Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1883)
- Date
- 1883-02-06
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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83 weist, eine geringere, sondern daß auch die Ziffer, welche ihr Geistes- und Culturleben ausdrückt, eine verhältnißmäßig höhere ist als die anderer Religionsbekenntnisse." Man wird gern zugestehen, daß dies bedeutsame und trefflich präzisirte Aufgaben sind, Aufgaben, denen die ganze jüdische Literatur seit Moses Mendelssohns „Rettung der Juden" in wachsendem Maße obgelegen hat und obliegt und deren Ausführung hier nur noch mehr konzentrirt werden soll. Was nun einerseits die antisemitische Organisation betrifft, so glauben wir nicht viel daran. Daß die Antisemiten-Führer unter einander in Corresspondenz stehen, sich gegenseitig mit ihren literarischen Produkten unterstützen, aus den Mitteln gewiffer Parteien Geldkräfte schöpfen, und an einigen, aber wenigen Orten, unbedeutend gebliebene Vereine, wie die sog. Reformvereine zu Gebote haben, ist sicher. Ties ist aber noch keine förmliche Organisation. Diesem gegenüber eine wohlgegliederte jüdische Organisation herzustellen, wird nach unseren Erfahrungen schwerlich gelingen, da bei der Mehrzahl unserer Glaubensgenoffen die Ansicht vorherrscht, daß die Existenz eines solchen förmlich organisirten Vereins und das Bekanntwerden eines solchen eher schädlich als nützlich wirken würde. Schwerlich wird deshalb ein solches Bureau in Berlin oder Paris zu Stande kommen. Hinsichtlich Wiens haben wir kein Urtheil. Und doch mußte sich ein solches, falls es von nachhaltiger Wirkung sein sollte, auf eine gewisse Organisation stützen, da es einen großen Theil seines Stoffes aus den Provinzen ziehen müßte und zu seiner Verwirklichung ziemlich großer Geldkräfte bedürfte. — Ein anderer Vorschlag ging in diesen Tagen vom 1)r. Back in Prag aus. Er verlangt die offizielle Berufung eines Synedrions aus den hervorragendsten Rabbinen und Männern durch die k. k. Staatsregierung, gleich dem durch Napoleon I. nach Paris berufenen. Er stellt demselben die doppelte Ausgabe, Erklärungen zu erlaffen, welche das Judenthum vor den abscheulichen Behauptungen seiner Haffer verwahren sollen, und die inneren Parteispaltungen aus religiösen Motiven zur Ausgleichung zu bringen. Schwerlich wird jedoch die k. k. Regierung sich zu einer solchen Maßnahme bewogen fühlen. Ob unsre Gegner den Erklärungen eines solchen Synedrions, deffen Zusammensetzung doch noch der Diskussion unterläge, ein größeres Gewicht zugestehcn würden, als denen, welche das erwähnte Pariser Sanhedrin, welche die Rabbinerversammlung zu Braunschweig 18 14, welche die erste Synode zu Leipzig 1860 in ihrer einstimmig gefaßten Resolution gegeben haben, als allen den Erklärungen, die in unseren, wohl zu Hunderten zählenden Religionsbüchern, in unserer gesummten alten und neueren Literatur enthalten sind, das ist sehr zweifelhaft. Im Gegentheil: sie werden solchen Erklärungen eutgegenstellen, daß sie den obwaltenden Umstünden ihren Ursprung verdanken und von ihnen diktirt seien — während die Berufung auf unsre Literatur, die, in der Muttersprache verfaßt, Allen zugänglich ist, sich auf die objektive Abfassung derselben stützen kann. Noch weniger glauben wir, daß ein solches, von Staatswegen berufenes Synedrion die Gegensätze auszugleichen im Stande wäre, welche nun einmal durch die innere Entwickelung des Judenthums unserer Zeit gegeben sind. Was die Entwickelung naturgemäß hervorgebracht hat, das kann nicht durch formulirte Aussprüche oder Beschlüsse, sondern allein durch die Entwickelung selbst zur Ausgleichung kommen, welche die Gegensätze zuerst zuspitzt, dann aber allmälig abschleift, wie dies die Thatsachen seit einem halben Jahrhundert erweisen. — Abgesehen hiervon, halten wir die jüngst zum Vorschein kommenden „Erklärungen" einzelner jüdischer Theologen in den jüdischen Blättern für der Würde des Judenthums und der Juden nicht für angemessen. In allen Ländern haben die Juden von dem Augenblicke an, wo sie zu Pflichten und Rechten.zugelaffen wurden, echte Vaterlandsliebe und aufrichtige Pflichttreue erhärtet, und den Forderungen nicht allein des Staatsgesetzes, sondern auch der allgemeinenMenschenliebe und des öffentlichen Interesses zu genügen gestrebt. Erklärungen Einzelner, das; dies vom Judenthume seinen Betennern vorgeschrieben werde, scheinen uns unstatthaft, da dies in jedem jüdischen Religionsbuche nachdrücklich gelehrt wird. Was uns in den oben angeführten Worten des vr. Jellinek einen bestimmten Anhalt zu geben scheint und seit langer Zeit unsere Ansicht war, ist, daß die Hauptkomites der Alliance israelite universelle und der Wiener Allianz die Ausgabe hätten, je einen Ausschuß zur Abwehr und zur Bekämpfung des Antisemitismus zu bilden. Die Alliance isr. univ. hat als eine ihrer Tendenzen stets ausgesprochen und verfolgt, in denjenigen Ländern, in welchen die Juden noch nicht emanzipirt sind, für deren Gleichstellung zu wirken. Daß hierin auch die Ausgabe enthalten ist, da, wo sich eine Partei zur Wiederaufhebung dieser Gleichberechtigung offen herausstellt, diese zu bekämpfen und deren Machinationen zu entwaffnen, kann nicht zweifelhaft sein.' Tie Wiener Allianz hat sich die Hebung der Intelligenz und Sittlichkeit im Jnlande zu eifriger Bestrebung gemacht. Wie nahe dieser edlen Tendenz auch der thatkrästige Widerstand gegen die antisemitischen Wühlereien liegt, brauchen wir nicht erst auseinanderzusetzen. Hier haben wir bereits eine Organisation mit Haupt- und Lokalcomite s und es kommt nur auf eine Entfaltung der vorhandenen Kräfte zum angedeuteten Zwecke an. Beiden Vereinen würde es hierbei weder an Anerkennung noch an Unterstützung fehlen. Fassen wir die Sache an schon gegebenen Punkten an. 6*