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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-02-06 · Heft 6 (6.2.1883) · p. Seite 82

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 6 (6.2.1883)
Date
1883-02-06
Page
Seite 82 (sequence 2)
Language
German
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82 daß durch jede Erwiderung und Bekämpfung die Gegner nach mehr herausgefordert würden. Was wir erlebt haben, zeigt den Jrrthum, in welchem diese befangen sind. Unsere Zeit ist nicht mehr angethan, das Recht derer anzuerkennen, welche sich stillschweigend verhalten, welche alle Anschuldigungen, Verdächtigungen und Verleumdungen über sich ergehen lassen, ohne zu erwidern, ohne sich dagegen aufzubäumen, ohne die Lüge und Uebertreibung der Gegner ans Licht zu ziehen und deren Ansichten und Zwecke bloszustellen. In einer Zeit des Kampfes, wo zugleich den Parteien die Freiheit der Aeußerung und des Widerspruches gegeben ist, ist das Schweigen und Stillhalten ein Zeichen ohnmächtiger Schwäche, und eine solche stößt kein Mitgefühl ein. Was den Juden in der Gegenwart schützend zur Seite stand und wenigstens in Mittel- und Westeuropa die Wiederholung barbarischer Scenen der vergangenen Zeit verhinderte, war einenrheils die sestorganisirte Staatsordnung, welche den Rechtsschutz für alle Bürger und Unterthanen des Staates gleicher Weise in Ausübung bringt, und die dem mittelalterlichen Staate fehlte, wir müssen es sagen, erst durch den absolutistischen Staat geschaffen wurde; andrerseits die Ideen und Prinzipien der Humanität und Gleichberechtigung, welche denn doch in der Menschheit bereits so viel Wurzel gefaßt haben, daß sie sich gegen das Gebühren der Unduldsamkeit, des Klassenhasses, der Vorurtheile sträuben und erheben mußten. Gerade diese beiden kräftigen Motive hätten jedoch die Juden veranlaßen mäßen, unter deren Schutz und im Bewußtsein ihres Rechtes sich nachdrücklich gegen die ihnen widerfahrenen Unbille zu äußern und mit allen Kräften da-1 gegen zu reagiren. Dies thaten sie aber nicht, und alle; Versuche, sie dazu auszufordern und zu vereinigen, scheiter-; ten an dem entgegenstehenden Willen der Centren. Jener Verdächtigung seitens unserer Verfolger gegenüber, daß die Juden ein fest zusammenhängendes Ganze bilden und gleich-' sam alleiammt in einem Schutz- und Trutzbündniß ständen, ist es nicht ohne Bedeutung, auf diese Schwäche der Juden hinzuweisen, die ihnen ein kräftiges Zusammenwirken gegen ihre Gegner unmöglich macht. Ganz directe Bemühungen nach dieser Richtung hin, die wir im Laufe der Jahre 1880 und 1881 unternahmen, scheiterten daran, daß die leitenden Persönlichkeiten in den Hauptgemeinden es für rathsamer hielten, nichts zu thun und durch nichts Widerstand zu leisten. Alles, was geschah, beschränkte sich aus eine Anzahl Broschüren, die am meisten unter den Juden selbst, wenig aber dahin verbreitet wurden, wo sie Wirkung thun konnten. Der Beweis hierfür liegt darin, daß kaum eine oder die andere eine zweite Auslage erlebte, während die giftigsten antisemitischen Pamphlete in ungeheuren Auslagen in das Volk drangen. Allerdings wurde zur Zeit der höchsten Blüthe des Berliner Antisemitismus in Folge einer Versammlung der Versuch gemacht, ein Comit« zur Abwehr zu wählen und für dasselbe einige Geldmittel gesammelt. Aber dieser Versuch fiel sehr schwächlich aus und beschränkte sich, so viel wir wißen, auf die Versendung einiger Exemplare der bekannten Broschüre von Lazarus an jüdische Gemeinden. Was aber die Bereinigung jüdischer Kräfte doch zu Stande zu bringen vermöchte, dafür gab die Hülfsleistung für die russischen Flüchlinge den Beweis. Ob sich nun in Oesterreich-Ungarn die Dinge anders gestalten werden? Hier trifft der Antisemitismus aus eine Anzahl Bolksstämme, deren Cultur noch sehr zweifelhaft ist, so wie aus eine Maße gährender Oppositionselemente, die aus der Verwirrung der staatlichen Verhältnisse Vortheile ziehen möchten, also auf einen ihm günstigen Boden: während hingegegen die entschiedene Haltung der Staatsregierung ihm einen möglichst starken Damm entgegenstellt. Zu welcher Stärke und Ausdehnung er in Ungarn bis in die maßgebenden Kreise hinein gewachsen ist, ist allbekannt; in Cisleithanien hingegen sind seine Erfolge noch wenig von Belang. Jndeß zeigt sich bei unseren Glaubensgenossen in Wien und Böhmen eine gereizte Stimmung, die nach irgend einem bestimmten Ausdruck ringt. Von dort sind daher jüngst gewiße Vorschläge ausgegangen. Dr. A. Jellinek hat einen Artikel! veröffentlicht: „Organisation gegen Organisation." Er geht j davon aus, daß der Antisemitencongreß in Dresden eine! Organisation hergestellt habe, deren Plan geheim gehalten ■ werde. Dieser müsse eine Organisation entgegengestellt werden, und zwar müßten „in Paris, Wien und Berlin besondere Bureaus in Verbindung mit den bereits bestehenden Allianzen eingerichtet werden, deren Aufgabe es sein soll, dem Antisemitismus in der Literatur, in den Journalen, in Vereinen, in den höheren und niederen Schichten der Gesellschaft auf Tritt und Schritt zu folgen, genaue Rechnung zu führen über das, was er gegen die Juden vorbringt und unternimmt, über seine schriftlichen oder mündlichen Verleumdungen gegen den jüdischen Stamm, über seine Entstellungen, Verdrehungen und Fälschungen von geschichtlichen Thatsachen, und Kenntniß zu erlangen von den Schleichwegen, die er einschlägt, und von den Affiliirten, die er wirbt und gebraucht, um einflußreiche Persönlichkeiten für seine höllischen Zwecke zu gewinnen." Diesen Bureaus stellt er die weitere Aufgabe: „Man muß j nämlich statistisches Material aus allen Gebieten des öffent- ' lichen Lebens, aus dem Reiche der Wissenschaft, der Lite-; ratur, der Industrie, des Handels, des großen Weltverkehrs, i des humanitären Wirkens in seinen mannigfachsten Manii sestationen sammeln, um positiv nachzuweisen, welchen großen, fördernden und wohlthätigen Antheil die Juden an der Erhaltung und Entwickelung der höchsten Güter des Geistes, der Civilisation und der Humanität haben, daß nicht blos ihre Sterblichkeitsziffer, wie das die Statistik immerfort nach-

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