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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-01-30 · Heft 5 (30.1.1883) · p. Seite 70

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 5 (30.1.1883)
Date
1883-01-30
Page
Seite 70 (sequence 6)
Language
German
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Dr. Krajewsky an der Spitze, ein Souper statt, auf welchem' bis 7 Uhr herzlich konvcrsirt und toastirt wurde. Dieser | zweite öffentliche jüdische Ball der hiesigen Gemeinde seit. ihrem Bestehen, hat den Beweis geliefert, daß die hiesigen > Juden in gesellschaftlicher Beziehung auf eigenen Füßen! stehen können, und durchaus nicht nöthig haben, in den ver-! sumpften russischen Klubs devot zu scherwenzeln. Frau Di-.' Schalaweitzik, deren Jniatiative und unermüdlichem Eifer 1 wir das ganze Arrangement dieses Konzert-Balles zu ver-! danken haben, hat sich durch letzteren nicht bloß um die armen Schüler, — für die sie, und nur sie allein, schon seit einer Reihe von Jahren mit musterwürdiger Beharrlichkeit und Unermüdlichkeit Sorge trägt — welchen es ca. Tausend - Rubel einbrachte, verdient gemacht; sondern auch um unsere Gemeinde überhaupt; denn der in jeder Beziehung so günstige, ja glänzende Erfolg dieses Balles dürfte als anregendes Beispiel den Damen unseres „Waisenasyls" dienen, die ewig über Geldmangel klagen, und dabei aus eitler Bornehmthuerci, falsch verstandener Noblesse und eingebildetem Standesstolze, sich bis jetzt nicht haben entschließen können, zu solchen Konzerten und Bällen ihre Zuflucht zu ergreifen, wie oft cs ihnen auch vorgeschlagen worden. Uebrigens werde ich über die Thätigkeit der Damen unseres „Waisenasyls", über die großen Verdienste der Frau Dr. Schalaweitzik — einer „Gabete" alten Schlages — um die Behrmann'sche Schule; wie auch über die letztere und ihren verdienstvollen Direktor und Gründer Herrn Behrmann — Redakteur und Herausgeber des „Rufsky Jewrei", der krankheitshalber jetzt in Italien weilt — gelegentlich eingehender sprechen. Ich schließe mit dem warmen Wunsche, der von Tausenden aus unserer Gemeinde getheilt wird: mögen solche Bälle sich oft wiederholen. Vielleicht werden sie das begonnene Werk der Antisemiten fortsetzen und uns zu einem geselligen Zusammenleben, zu einer wirklichen Solidarität führen, was bis jetzt so unverdient uns zum Vorwurf gemacht worden ist. Bonn, 24. Januar. Die Niedertracht des ungarischen Antisemitismus. Zwei Dokumente sind in diesen Tagen in die Oeffentlichkeit getreten, welche ganz besonders die Niedertracht beweisen, welche der ungarische Antisemitismus verübt. Wir sind durch die Erfahrungen eines langen Lebens genugsam belehrt, daß es immer Parteien giebt, und daß diese Parteien in der Hitze des Kampfes oft genug die Grenze der Mäßigung und Gerechtigkeit überschreiten, in ihrer Leidenschaftlichkeit auch zu Mitteln greifen, welche nicht immer vor dem Richterstuhl der Moral bestehen. Daß man daher mit Parteien nicht in allzustrenges Gericht gehen, sondern auf die obwaltenden Umstände Rücksicht nehmen müffe, wissen wir sehr gut. Mit um so größerem Nachdruck aber klagen wir den ungarischen Antisemitismus vor der ganzen civilisirten Welt einer beispiellosen Niedertracht an. Was die rohe Gewaltthätigkeit eines raubsüchtigen und betrunkenen Pöbels zu leisten vermag, haben wir in Rußland gesehen, in schwächeren Maßen auch in Deutschland und Ungarn. Es war die rohe Gewalt, die jedoch dem ernsten Widerstand der Regierungen wich, sobald dieser sich ihr bemerklich gemacht hat. Aber sowohl in der Anzettelung böswilliger Jntriguen als auch in dem ungescheuten Auftreten in der Oeffentlichkeit mit bestimmten Behauptungen und Anklagen, die sich am nächsten Tage als völlig grundlose erweisen, unterdeß aber Stimmung zu machen doch im Stande sind, hat es der ungarische Antisemitismus weiter gebracht und mehr Ersinduugsgabe und Unverschämtheit entwickelt, als je ihre Genosien in Deutschland und Rußland. Hierfür liegen jetzt wieder zwei Beweisstücke vor. Hatten die ungarischen Antisemiten die Fabel von dem rituellen Morde von Tißa Eßlar erfunden, sind sie also schon hierin weiter gegangen, als ihre deutschen und russischen Kumpane, so entwickelten sie in dieser Angelegenheit Jntrigue auf Jntrigue, bei welchen es nur zweifelhaft ist, ob ihre Schlauheit oder ihre Brutalität, mit welcher sie die Opfer ihrer Anschuldigung in Kerker fest halten und gegen eine ganze Religionsgenoffenschaft den Haß des Pöbels hetzen, des gebildeten wie ungebildeten, größer ist. Am 13. d. Mts. wurde nun das Gutachten der drei Universitätsprofefforen über die Tißa-Dadaer Leiche (s. w. u. die Correspondenz aus Pest) veröffentlicht, und dieses Dokument beweist sonnenklar, welche Fälschungen vorgenommen wurden, nm die Identität jener Leiche mit der der Esther Salomosy, durch welche die Nichtigkeit der ganzen Anklage erwiesen wäre, wegzuleugncn. Die unparteiische Wiffenschaft tritt hier der rohen Unwissenheit und der absichtlichen Fälschung entgegen, um diese zu entlarven. Eine zweite derartige Entlarvung fand am 16. d. Mts im ungarischen Abgeordnctenhause statt. Das antisemitische „Deutsche Tageblatt" hatte sich die tendenziöse Fälschung eines Briefes erlaubt, welchen der österreichische Gesandte Graf Wimpffen an den Baron Hirsch vor dem traurigen Akte seines Selbstmordes geschrieben habe, in welchem er dem letzteren vorwirfr, ihn durch Bestechung zu einer ehrlosen Handlung verleitet und ihm dadurch die Nothwendigkeit des Selbstmordes auserlegt zu haben. Leider gehört die Erfindung apokryphischer Schriften in unserer Zeit zu den gewerbsmäßigen Gewohnheiten und wer sich die Quelle des Briefes, das „Deutsche Tageblatt", ansah, wußte im Voraus die Authentizität dieses Schreibens zu würdigen. Anders aber der Führer der ungarischen Antisemiten, der Abgeordnete Jstoczy. Ihm ist die Achtung vor dem Parlamente seines Vaterlandes gerade so

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