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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-01-30 · Heft 5 (30.1.1883) · p. Seite 68

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 5 (30.1.1883)
Date
1883-01-30
Page
Seite 68 (sequence 4)
Language
German
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68 freundlich; jetzt da in Deutschland Antisemitismus modern wurde, gingen hier die gräßlichsten, bestialischen antisemitischen Greuel vor, deren je die Sonne Zeuge war. Es ist charakteristisch, daß die Epochen in der russischen Geschichte von ungewöhnlich kurzer Dauer sind: die russische Literatur kennt Epochen, wie „Anfangs" oder „Mitte" oder „Ende'^ der „Fünfziger", „Sechsziger" und „Sicbenziger" Jahre, was nirgends sonst zu begegnen ist. Ter Russe lebt schnell und verschwenderisch, was er mit dem unübersehbaren Worte „Sapojem" bezeichnet, ein Grundzug seiner Unmäßigkeit nicht blos im Genusie, sondern auch im Handeln. Der Rusie hat viel vom leichtsinnigen und leichtempfänglichen Naturell des Künstlers, aber blutwenig vom ernsten und ruhigen Charakter des Denkers — weswegen wohl Rußland verhältnißmäßig so reich ist an Künstlern und Dichtern, aber so bettelarui an Denkern und Gelehrten. Leichtsinnig und unbeständig, kann der Rusie nicht die Ueberzeugungcn, die er so schnell erfaßt hat, in sich verarbeiten und bleibend aufbewahren. Das, was ihm vor kurzem noch als hoch und heilig galt, zieht er jetzt in den Staub, und das, was er gestern mit einem Heißhunger erhascht und erstrebt hat, wird ihm heute gleichgiltig mitunter auch lästig: seine scheinbare Wißbegierde erweist sich als kindische Neugier. In dieser künstlerhaften Empfänglichkeit und Unbeständigkeit seines Charakters wurzelt der mangelmehr von ihnen noch begünstigt werden, greift auch in der That in einer schrecklichen Weise um sich, mit welcher die Regierung, wie die Presse, bis jetzt leider vergebens kämpfen und in welcher Zerfahrenheit ernste russische Publicistcn die Urquelle alles Uebels, welches über unser Vaterland kam, mit gewissem Rechte erblicken wollen. Mit der Familie und der Gesellschaft steht die Schule organisch verbunden. Die Krankheiten und Leiden jener spiegeln sich auch in dieser ab. Was vermag der Unterricht der Schule, wenn er auch noch so sorgfältig gepflegt und mit zahlreichen Religionsstunden versehen ist — was mit so lobenswerthem Eifer von unserer Regierung angestrebt wird, wenn einerseits die Erziehung der zerfahrenen Familie und andererseits das Beispiel der entarteten Gesellschaft jede gute Frucht des genossenen Unterrichts im Keime ersticken? Nun sind auch die Lehrer, die den Unterricht in der Schule ertheilen, selbst aus dieser zerfahrenen Familie hervorgegangen und bilden selbst Mitglieder dieser entarteten Gesellschaft; welcher sittliche, veredelnde Einfluß läßt sich nun von ihrem Unterricht erwarten? Gilt das vom Unterricht überhaupt, um wie viel mehr vom Religionsunterricht. Wurde der jüdische Religionsunterricht bis vor kurzem gänzlich und wird zum großen Theil noch heute in den öffentlichen Lehranstalten vernachlässigt, so wird der russische Religionsunterricht von solchen Lehrkräften wie die rechthafte Rechtssinn und das so schwach entwickelte Pflichtgefühl! gläubigen Geistlichen gehandhabt, die nur dazu angethan sind, des Russen — wurzelt ferner die herrschende Jrreligi-! ihn, den Religionsunterricht, wie die Religion selbst zu misosität der gebildeten und halbgebildeten Klassen der russischen creditiren. Der Umstand, daß die russische Geistlichkeit Jahr- Gesellschaft, eine Irreligiosität, wie sie nur höchstens noch in! Hunderte ausschließlich aus Griechen sich rekrutirte, dem gewissen überbildeten Cirkeln in Paris zu begegnen ist —! russischen Volke fremd und zum Theil wegen ihrer Exploitation wurzelt schließlich der indigene Nihilismus, welcher nicht blos verhaßt, hat dazu bcigetragen, daß der Russe noch heute mißalle Cultur negirt, sondern selbst Produkt negirter Cultur ist.! trauisch und mißachtend auf seinen „Pop" herabsieht, der Nur die selbst aller Cultur bar ist, kann die Cultur, mir übrigens auch keine bessere Behandlung verdient. Vom Hause nichts, dir nichts, wegleugncn. Der entarteteste europäische aus, als Zögling der geistlichen Seminarien, die nicht einmal Anarchist kommt doch nie in seinen vandalischen Gelüsten selbst den Gymnasien entsprechen, sehr mangelhaft gebildet, sind sie dem gemäßigten russischen Nihilisten gleich. Denn eine Tausend-1 auch so gestellt, daß sie auf jeden Einfluß auf ihre Gemeinde jährige Cultur läßt sich doch nie mit der Hand hinwegwischen, verzichten müssen. Während sie von der einen Seite ganz Dieser sittlich-intellectuelle, unreligiöse Zustand der Gesellschaft j und gar auf die milden Gaben der Mitglieder ihres Sprengcls kann nicht ohne tiefeinschneidenden Einfluß auf die Familie > angewiesen sind und zu der deprimirendsten Bettelei und bleiben. Ist einmal die Religion, als Basis der Familie, machtlos; sind auch die sittlich-intellectuellen Grundsätze und Gewohnheiten, welche die Familie noch einigermaßen zusammenzuhalten im Stande sind, im ewigen Schwanken begriffen, Kriecherei sich verständigen müssen, stehen sie von der anderen Seite unter dem Regime einer strammen Hierarchie mit all ihren Belohnungen und Bestrafungen, und sind nichts anders als „Tschingwniki" in Talar und Kaputze, die als solche vor oder gar rundweg negirt; so bleiben dann bloß die Launen, ihren Vorgesetzten antichambriren. Zu dem bildeten sie bis und Kapricen der Leidenschaft, der blinden Neigung noch, die! vor kurzem noch eine Art Kaste. Die Nachkommen von Geistwohl kaum berufen sind, die Stützen und Säulen der Familie! lichen konnten nur Geistliche werden. Diese unfreiwillige Zugezu fein, dazu noch bei einem so unmäßigen und empfänglichen! Hörigkeit zum geistlichen Stande hat im „Pop" meist eine tiefe Temperamente, wie dem russischen. Die Zerfahrenheit der i Abneigung gegen seinen Beruf entwickelt, die nicht selten auf russischen Familie, welche in den das Ehelcben betreffenden - die Religion selbst übertragen wird. Es ist charakteristisch, Normen der rechtgläubigen Kirche, wie die Unauflösbarkeit daß kein Stand in Rußland einen so beträchtlichen Procentsatz der Ehe, nicht blos keinen Widerstand findet, sonder» viel unter den verurtheilten Nihilisten aufzuweisen hat, wie der

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