Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1883)
- Date
- 1883-01-30
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
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67 fei neu religiösen Halt. Sieht er in der ..aufgeklärten" jüdischen Familie Nichts, was an Religion oder an etwas Jüdisches überhaupt erinnern könnte — denn unsere Herren Aufgeklärten dünken sich für Religion und auch für Judenthum viel zu aufgeklärt, so ist die Religion, die der jüdische Gymnasiast oder Student im Hause seiner orthodoxen Eltern sieht, meist nicht geeignet, ihm besondere Liebe und Pietät für sie, für die Religion cinzuflößen. Wie aufrichtig der orthodoxe Jude mit der Religion es auch meint, wie innig und warm seine Religiosität auch ist, wie streng er es auch mit den religiösen Vorschriften und Satzungen nehmen möge, er kennt den Judaismus doch in seinem wissenschaftlichen Gehalte nicht, um ihn dem methodisch-geschulten Geiste seiner Kinder zugänglich zu machen; uub bei all' feinen pedantisch genauen Beobachtungen der religiösen Ceremonien und Gebräuche, giebt er doch nur zu wenig auf die Form, um durch imposante Plastik und würdevolle Aeußerlichkeit seiner Religion der nach Effect haschenden modernen Jugend zu imponiren. Seine Religiosität, bar jeder wiffenschaftlichcn Motivirung und jedes ästhetischen Glanzes, ist eher im Stande, die noch oberflächliche Schuljugend, die noch unfähig ist das Wesen der Religiosität durch ihre sie entstellende Hülle zu erfassen, gegen Religion und Religiosität cinzunehmcn. Jüdische wissenschastlichgebildete j Religionslehrer — außer unseren „Melamdim", die in gleicher Lage wie die orthodoxen Eltern sich besindcn — giebt es bei uns nicht. Und was sollten sie bei uns bisher auch machen? Ter aufgeklärte Jude hielt es, bis jetzt wenigstens für unnütz, Religionsunterricht seinem Kinde angedeihen zu lassen, während I die orthodoxen Juden ihn sogar für schädlich Hallen, weil sie zu wiffenschaftlich gebildeten Religions-Lehrern kein Vertrauen fasten können. Es ist charakteristisch, daß bei uns oft Juden beider Parteien gegen die Einführung des jüdischen Religionsunterrichts in Gymnasien protestiren. So ohne alle Religiosität, und nicht selten noch mit Vorurtheilen gegen sic behaftet, tritt die jüdische Jugend in die russische Schule ein. Vielleicht trat unter ähnlichen Bedingungen gegen Ende des vorigen und im Anfang dieses Jahrhunderts die jüdische Jugend in Deutschland oder in Frankreich in deutsche resp. in französische Schulen ein. Allein diese Schulen sind in keiner Weise mit den russischen zu vergleichen, obgleich letztere eine Kopie von jenen sein sollen. Die deutsche wie die französische Schule haben, wie die betreffenden Nationen selber, eine tausendjährige Civilisation hinter sich, sind ein Product tausendjähriger Culturarbeit, von welcher jeder mehr oder weniger gebildete Deutsche resp. Franzose durchtränkt ist. Die deutsche resp. französische Schule, wie das gesammte deutsche resp. französische Leben hat ihre unerschütterlichen positiven Culturelemente, die von den Modeströmungen der Zeit, von den wogenden Richtungen neuer Ideen und austauchender Theorien nicht so bald berührt werden. Zu solchen Culturelementen gehört in erster Linie — die Religiosität. Der verführerische, populär gehaltene Materialismus eines Büchner & Comp, mit seinem ganzen Arsenal nichtsbeweisender Beweise gegen die Dogmen und die Wahrheiten der Religion, wie die pessimistische Mystik unbewußter Philosophie eines von Hartmann, und die optimistische philosophische Publicistik eines Dühring mit all ihrem hochtönenden arroganten Phrasengcrassel von „zersetzenden" „Zukunfts-" und „Geistes-"Religionen, mögen wohl in Zeitungen und Journalen viel Rumor machen;, das innere Leben des Volkes aber nimmt im Ganzen und Großen von ihnen wenig Notiz — wie das wenigstens aus der neuesten Auslage der Moralstatistik von A. von Oettingen zu ersehen ist.! — Schon die Eigenliebe und der Selbsterhaltungstrieb allein lassen den echten Europäer nicht so schnell auf Grund einer!noch schwankenden Theorie oder modernen Hypothese, die morgen vom Strom der strengeren Wissenschaft weggeschwemmt werden kann, Traditionen und lleberzeugungen negiren, die ihm in Blut und Fleisch übergegangen sind, und die ge- , wissermaßen sein inneres unbewußtes Wesen und seinen bewußten ■j Stolz ausmachen. Jeder Schritt der von den unumstößlichen i Beweisen streng wissenschaftlicher Forschung dictirten Negation ist ein Sieg eines vorausgegangenen schweren Kampfes, ein Act triumphirender Selbstverleugnung. Nicht so der Russe, dieser ungebildete Parvenü des europäisirten Asiens. Nichts aus der europäischen Civilisation kann er sein Eigen nennen. Nichts ist ihm noch so theuer geworden, daß er es nicht ohne Bedenken um ein anderes Neueres austauschen sollte, insbesondere um ein Neuestes; denn wie jeder Parvenü ist auch er Modesclave. Selbst ein Kind des Tages, hascht er auch nur nach Tageserscheinungen und lebt nur für den Tag. Der europäische Russe kleidet sich nach der neuesten Fa§on, liest nur das neueste Buch, theilt immer die neueste Ansicht und dürstet ewig nach einem „neuen" Worte. War es in Europa Mode auf Naturwistenschaft, so kostete es einem jungen, wohl talentvollen, aber frechen Ignoranten, einem Nihilisten Pistarew, der sehr wenig von Kunst und Philosophie, und nicht viel mehr von Naturwistenschaft verstand, nur einen förmlichen Feldzug gegen Kunst und Philosophie, um eine abgöttische Berehrung für Naturwistenschaft hier in Scene zu setzen und der Schöpfer! einer neuen Epoche zu werden, die so viel Unglück ins Land gebracht hat; jetzt da im „Westen" philosophischer Mysticismus und religiöse Reaction in Mode sind, fiel es einem jungen zwar reich begabten, aber doch mystisch unklaren religiösen Schwärmer, dem Slavophilen Wladimir Solowjow nicht schwer, sein Auditorium mit den gestrigen nihilistischen Pissarewjancrn zu füllen, die gespannt und andächtig seinen mystisch-religiösen,; theologisch-philosophischen Borträgen lauschen. Als es in den l sechsziger Jahren in Europa zum guten Ton gehörte, für Judenemancipation Lanzen zu brechen, war die ganze russische Gesellschaft, die gesammte russische Presse durchweg Juden-