Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1883)
- Date
- 1883-01-23
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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59 Sohn; dann ward er ruhiger und sagte: mein armes Kind; man hat ihn sicherlich eingeschüchtert. Auch die übrigen Eßlärer Jüdinnen, wie die Frau Adolf Jünger, dursten heute mit ihren ( verhafteten Männern sprechen. Abends besuchte Eötvös seinen; Klienten Scharf; dieser ist ein klafterlanger Mann von wildem Aussehen, ein ausgedienter Soldat; er wüthete darüber, daß er noch immer in Haft ist. Eötvös tröstete ihn, es werde spätestens in zwei Monaten Alles zu Ende fein; er fügte hinzu, daß Scharf's Genossen ihr Schicksal ruhiger tragen. „Jene sind furchtsam, feig!" rief Schars. Eötvös fragte dann Scharf, was mit seinem Sohne Moriz geschehen solle? Ob er nicht wünsche, daß der Knabe nach Budapest gebracht werde, J in ein dortiges Institut? „Ist mir gleichviel", sagte Scharf; dann fügte er hinzu: „er möge hier bleiben; ich will, daß er mir diese Dinge ins Gesicht sage." Das Gutachten deff Sachverständigen über die Dadaer Leiche wird noch längere Zeit ausstehen und sehr ausführlich ausfallen. — Wie Mitglieder der äußersten Linken anzeigcn, werden sie Samstag abermals die „Judenfrage" im Abgeordnetenhause zur Sprache bringen. — Man schreibt aus Wartberg — Preßburger Komitat — unterm 8. d. Folgendes: In einem Hause der benachbarten Gemeinde Pentek-Sur bekleidete ein etwa zwanzigjähriger junger Mann, israelitischer Konfession, Namens Max Pollak, die Stelle eines Erziehers. Bor etwa vier Wochen, an einem Sonntag, begab sich derselbe Nachmittags zum Besuche seiner in dem nahezelegenen Dorfe Nagy-Sur wohnenden Eltern. Er verweilte dort heiter und wohlgemuth bis 7 Uhr Abends. Zu dieser Stunde sagte er den Seinigen Lebewohl, machte sich auf den Heimweg und — ward seither nicht mehr gesehen. > Es wurden privatim und im Wege der Behörden die sorg-i faltigsten Recherchen über das Verbleiben des jungen Mannes angestellt, allein sie blieben erfolglos. Seine Verhältnisse waren günstig und geordnet, sein Geistes- und Gemüths,zustand j war völlig normal; er war glücklichen, heiteren Temperaments.! Es liegt keinerlei Moment vor, welches geeignet wäre, einiges; Licht in das Dunkel dieses räthselhaften Falles zu bringen.: Das Verschwinden des jungen Pollak erregt in allen Schichten der Bevölkerung in weitem Umkreise großes Aufsehen und; im Gefolge des Ereigniffes werden leider mannigfaltige Kombinationen laut, welche es dringend wünschenswerth erscheinen lassen, daß möglichst rasch völlige Klarheit in die Sache gebracht werde. Der Vater des verschollenen jungen Mannes ist der einzige Jude in der Gemeinde und wurde zur Zeit der jüngsten antisemitischen Krawalle von der verhetzten Menge sehr arg mitgenommen. Der Haß und die Unduldsamkeit des Volkes ist nun seither allerdings niedergehalten, aber nichts weniger als gemildert und besänftigt worden. Es hat niemals an mehr oder weniger bedenktichen Drohungen gegen den alten Pollak gefehlt und erst recht feindselig gestaltete sich die Stimmung, als die Hauptbetheiligten an den Exzeßen zur Verantwortung gezogen und zu mchrmonatlichen Kcrkcrstrafen verurtheilt wurden. Hiemit nun wollen mannigfache Gerüchte das Verschwinden des Sohnes jenes angefeindeten Juden in ursächliche Verbindung bringen. Lemberg, 8. Januar. Die amtliche „Gazeta Lwowska", von der totalen Räumung Brodps von den russischen Juden Akt nehmend, betont, die glückliche Lösung dieser Frage ohne Inanspruchnahme der Hilfe der öffentlichen Fonds fei hauptsächlich den eifrigen Bestrebungen sämmtlicher an dem humanitären Werke betheiligten Vereine und Personen zu verdanken- In lobend anerkennender Weise werden hiebei besonders die Verdienste aller Filialen der ..Alliance i^ruelite“, des Baron Hirsch aus Paris, seines Bevollmächtigten Beneziani, des Wiener Komites, des Vorsitzenden Wertheimer und der Mit glieder Alfred Stern und Bernhard Singer, dann die Verdienste des lokalen Komites in Brody. des Vorsitzenden Nierenstein und der Mitglieder Bloch und Goldhaber, schließlich der Eifer des russischen Hauptmannes Debil, welcher durch die möglichste Vereinfachung der vorgeschriebenen Formalitäten zur Beschleunigung der Repatriirung wesentlich beitrug, hervorgehoben. Rzrßow, im Januar. Ter „Lemberger Israelit" enthält in Nr. 1 einen Bericht über den Proceß zu Rzeßow, der Alles bestätigt, was in dieser Zeitung darüber berichtet worden. Wir heben folgende Stelle daraus hervor: „Tie öffentliche Anklage sagte es mit großem Aplomb: die öffentliche Meinung in Lutcza bezeichnete den Ritter als den Thäter und fein Verhältnis zur Franeiska M. war ein notorisches; Bolksftimme sei Gottes Stimme. Doch die Insassen dieses stillen Dorfes sagten einer nach dem andern, daß sie nichts von diesem Verhältniffe und keine Ahnung vom Thäter hätten. Sie gaben der Familie Ritter das beste Zeugniß, diese hat sich redlich von der Landwirthschast ernährt, sei gegen Jedermann dienstfertig und gefällig gewesen; Franeiska Nt. hat sich der besten, ja liebevollsten Behandlung in diesem Hause erfreut. Die Verhandlung ergab weiteres, daß das Gerücht, hier seien Juden im Spiele, welche die That aus religiösen Motiven verübten, dem Lutezaer Pfarrhofe entstammte. Mit seltener Objectivität leitete der Nzeßowcr Gerichtspräsident die Verhandlung und forschte, wie dies Gerücht entstanden sei und sagte es dem Pfarrer selbst ins Gesicht, worauf dieser die Antwort schuldig blieb, daß diese Nachrichten aus dem Pfarrham'e kamen. Die Familie Ritter benahm sich mit seltener Ruhe bei der Verhandlung und zeigt, wie der Vertheidiger es versichert, auch in Privatgesprächen I Vertrauen in Gott und ihre Unschuld. Die Geschworenenbank war aus 11 Bauern und einem Landedelmann gebildet, nach deren Verdikt Stochlinski und die Eheleute Ritter des Mordcs an Franeiska M. schuldig erklärt und im Grunde dessen zuin 4*