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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-01-23 · Heft 4 (23.1.1883) · p. Seite 58

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 4 (23.1.1883)
Date
1883-01-23
Page
Seite 58 (sequence 10)
Language
German
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yolen und zuletzt die religiöse Form des Eides in Gefahr bringen. Das sollten gerade die konservativen und orthodoxen Parteien bedenken. Es ist nur schlimm, daß diese Parteien alle solche Folgen ihres eigenen Thuns außer Acht lassen, wenn sie nur einen Eclat Hervorbringen können, der eine Anzahl Menschen augenblicklich verblüfft. — In einer Versammlung der Christlich sozialen sprach sich Stöcker, der früher bei Gelegenheit ohne Anstand vor einem jüdischen Richter den Eid ablegte, für den Prediger Hapke aus: der „Evangelische Kirchen-Anzeiger" äußert sich im entgegengesetzten Sinne. Die „Köln. Ztg." meldet unter „Berlin, 13. Januar": „Die Eidesverweigerung eines hiesigen evangelischen Geistlichen, Freundes und Gesinnungsgenossen des Hofpredigers Stöcker, macht wenigstens von sich reden, und insofern ist die augenscheinliche Absicht des Herrn Hapke erreicht, von der antisemitischen Bewegung wieder einmal reden zu machen. Wir können verbürgt melden, daß innerhalb der Regierung nicht die geringste Neigung besteht, die vorhandene Gesetzgebung bezüglich des Eides zu ändern. In konservativen Kreisen wünschte man allerdings die Angelegenheit der Eidesleistung in irgend einer Form im Reichstage zur Sprache zu bringen, allein man wird nun wohl von selbst wieder davon Abstand nehmen, wenn man sich über die Stimmung der Regierung unterrichtet hat. Dresden, 12. Januar. (Eingesandt.) Ein Unberufener bat in Nr. 1 der „Jüd. Presse" vom 4. Jan. sich hcrausgenommen, über die hiesige israelitische Gemeinde zu berichten: „Vom 1. Januar 1883 an soll es hier in unserer 422, sage vierhundert zweiundzwanzig Familien zählenden Kultusgemeinde keinen.Koscherflcischverkauf mehr geben!!'." und die „Jüd. Presse" hat keinen Anstand genommen, diesen verleumderischen Bericht ohne nähere Erkundigung aufzunehmen. Ich fühle mich daher zu folgender Berichtigung veranlaßt. — Drei christliche Fleischermeister, welche sich gern in ritueller Beziehung unter meine Aufsicht gestellt, haben den Koscherst cischv erkauf. Jeder von ihnen hält einen durch Rabbinatszeugnisse bewährten und von mir geprüften Schochct, der bereits in mehren frommen Gemeinden zur vollen Zufriedenheit fungirt hat. Tiefe Schochtim sind keineswegs von den Fleischern abhängig, obgleich sie von ihnen fixirten monatlichen Gehalt beziehen, vielmehr diese von jenen. Tenn die Schochtim stnden ohne Mühe einen andern Fleischer, die Fleischer aber nicht einen andern Schächter, da ich. schon um der Sache nicht durch zersplitternde Konkurrenz zu schaden, neben diesen dreien keinen andern Schochet anerkenne. Ueberdies revidire ich oft persönlich den Koschersleischverkauf, was die Fleischer gern sehen. Tic Gemeinde aber hält noch besonders auf ihre Kosten einen Schächter und Cantor, der ein tüchtiger Talmudist ist; theils zum Schächten des Geflügels, theils um für alle Fälle für die Schechita gesorgt zu haben. Somit ist nun die Gemeinde viel besser versorgt, da ste unter Dreien die Auswahl hat, als in der letzten Zeit, da die streng Religiösen von dem Einen anerkannten Fleischer willkürlich behandelt wurden, während der größere Theil, um dem zu entgehen, sich mit dem Winkelsteischverkauf begnügte. Oberrabb. Dr. W. Landau. Colberg, im Januar. (Privatmitth.) Das im „See- Sool- und Moorbade Colberg" vor neun Jahren gegründete „Jüdische Kurhospital" hat seinen 0. Jahresbericht über das Jahr 1882 ausgegeben. Wir können der unermüdlichen Verwaltung und dem gesammten Kuratorium zu den erlangten Resultaten nur Glück wünschen, und hoffen, daß sich die Theilnahme für diese segensreiche Anstalt erhalten und ausdchncn werde. Im verflossenen Jahre wurden 56 Kranke ganz unentgeltlich mit Wohnung, Verpflegung, ärztlicher Behandlung und Bädern versorgt, 23 männlichen, 33 weiblichen Geschlechts und 13 Kinder. Die Einnahmen betrugen 7571 Mark (gegen das Vorjahr 2523 Mk. mehr), die Ausgaben 4i<08 Mk. Es wurden 2500 Mk. dem Grundvermögen zugeführt, so daß die Passiva sich auf 2400 Mk. vermindert haben. O esterreich-U ngarn. Wien, 7. Januar (Privatmitth.) Heute starb im Alter von 82 Jahren Leopold von Wertheimstein. Mit ihm ist der letzte der ersten Gründer des Wiener Tempels aus dem Leben geschieden. Er war auch einer der letzten Angehörigen jener künstlerisch-socialen Vereinigung, die „Ludlamshöhlc" genannt, welche von Anfang der zwanziger bis zum Ende der vierziger Jahre einen belebenden und bewegenden Anthcil an dem literarischen Leben des alten Wien nahmen. Zu den hervorragcudsteu Mitgliedern dieser Gesellschaft gehörten die Brüder Heinrich und Joseph von Sichrowsky, Grillparzer, Banernfeld u. a. Wertheimstein, der langjährige Vorsteher der Wiener Gemeinde, hat sich viel mit dichterischen Arbeiten befaßt, und aus Liebe zur Kunst manches aufkeimende Talent unterstützt. Pest, 11. Dezember (Privatmitth.) Die Tißa-Eßlarer Affairc wird fort und fort in die Länge gezogen und das Ende ist noch nicht abzuseheu. Will man die Angeklagten mürbe machen? oder will man die ungarische Justiz so lang wie möglich vor offenbarer Blamage schützen? Der Vertheidiger Karl Eötvös war jüngst aus Budapest eingetroffen, um seine Appellation an die königliche Tafel gegen den Bescheid des Nyiregyhüzaer Gerichtshofes cinzureichen, mit welchem die Ausfolgung der zurückbchaltencn Theile der T.-Dadaer Leiche an die Experten verweigert wurde. — Frau Scharf hat seit acht Monaten heute zum ersten Male mit ihrem Manne gesprochen; er weinte und tobte, daß man ihn so unschuldig zugrunde gehen lasse. Aufänglich schimpfte er über seinen

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