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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-01-23 · Heft 4 (23.1.1883) · p. Seite 54

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 4 (23.1.1883)
Date
1883-01-23
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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54 Nicht minder benutzte die gedachte Presse die Tißa- Eßlarer Affaire, um dem Judenthume und den Inden etwas anzuhängen. Sie stellt sich, als ob sie glaube, daß es eine Möglichkeit sei, daß Juden einen Mord zu rituellen Zwecken begehen, und daß der Vorgang in Tißa-Eßlar darüber eine Entscheidung bringen werde. Sie stellt sich so, denn daß diese Skribenten daran glauben, so tief stellen wir sie nun doch nicht. Ueber die Verurtheilung, welche Päpste und Bischöfe über diese wahnwitzige Fabel ausgesprochen, setzen i sie sich hinweg, und steifen sich auf Legenden und auf gerichtliche Vorfälle aus dem Mittelalter, obschon sie wissen, daß in diesen die scheußlichste Tortur ihre Rolle gespielt und begangen haben, giebt cs nur eine zutreffende Antwort: Sie von vornherein die Aussagen der Gemarterten jedes Be-! unterlassen den rituellen Mord an Christenkindern heut zu weises beraubt hat. Ist es doch bereits sonnenklar, daß die j Tage ganz aus demselben Grunde, aus welchem gegenwärtig ganze Tißa-Eßlarer Geschichte eine Erfindung und Jntrigue | die Hexen, Zauberer und „Unholde'" keine Gewitter, Stürme, der Antisemiten ist und unter deren Einfluß auf die lange Hagel und Raupen mehr machen, nämlich weil die Folter Bank geschoben wird. Warum sollte aber die ultramontane j aus der geltenden Gerichtspraxis abgeschafft ist. Ohne Folter Presse ihre eigenen Bundesgenossen aufgcben? — Die „Magdei hätte nie eine Hexe, ein Zauberer, ohne Folter hätte nie ein burger Zeitung" enthält hierüber in ihrer Nr. vom 7. Jan. Jude wegen der angeblichen rituellen Abschlachtung von einen höchst beachtenswerthen Leitartikel, ans welchem wir Christenkindcrn den Scheiterhaufen bestiegen." sachlicher Objektivität hier von einer offenen Frage sprechen können, ist bedauerlich genug und ein Beweis dafür, daß die finstern Geister der alten Zeit, welche in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts und vollends in Folge der großen französischen Revolution das Feld räumen mußten, nur unter dünner Hülle schlummern und daß ein Wiederhervorbrechen derselben wenigstens heute noch immer nicht zu den Unmöglichkeiten gehört." „Auf die Frage, warum denn die Juden heut zu Tage nicht mehr zu rituellen Zwecken Etwas verüben sollten, was sie, geständigcrmaßen, mehr als einmal in vergangenen Zeiten „Nur die Thatsache, daß Untersuchungsrichter und Kerkermeister selbst in Ungarn die Tortur nur noch beiläufig, insgeheim und — aus Furcht vor Verantwortung — mit unzureichenden Mitteln in Anwendung zu bringen wagen, erspart dem Ausgange des 19. Jahrhunderts die Schande, daß wieder, wie vor 4- und 500 Jahren, eine ganze Anzahl von Juden wegen angeblicher Abschlachtung eines christlichen Mädchens zu rituellen Zwecken verurtheilt werden." Der Artikel beruft sich ferner darauf, „daß dieselbe einige Stellen hervorheben müssen. Er zeigt zuerst, daß „die Grenzen Europas im Sinne wahrer Kultur sich gegenwärtig im Osten nicht viel über die Weichsel und Leitha erstrecken dürften, während im Süden ein Theil Italiens und Spaniens außerhalb derselben liegen." Deshalb tritt der Antisemitismus dort ganz anders als in Kulturländern zu Tage. „Nackt und kraß kommt da die in den dunklen Tiefen der Gesellschaft lauernde Bestialität zum Ausbruch; die Unwissenheit, der Aberglaube, die sittliche Unkultur der leitenden Kreise tritt dort als förderndes Element hinzu." j Beschuldigung und ähnliche von den Heiden gegen die ersten Es heißt weiter: „Weit bedenklicher als die Ausbrüche j Christen erhoben wurde, und daß cs im Mittelalter gradeder Volkswuth in Rußland und in einzelnen Theilen Ungarns > zu Praxis der herrschenden Kirche war, verfolgten Sekten erscheint uns ein anderes Aufsehen erregendes Ereigniß, und Lehren derartige abscheuliche Anklagen anzuhängen, um dessen Schauplatz Ungarn ist und in welchem Gerichte und die Massen wider dieselben aufzuhetzen. Beweis: die Gehohe Behörden, die Leiter des Staates, eine mehr als frag-! schichte der Albigenser, der Stedinger, überhaupt die ganze würdige Rolle spielen: wir meinen den Prozeß von Tißa-' Ketzergeschichte." Eßlar."! „Die Hauptsache aber ist und bleibt das Gerichtsver- „Eine betrübende Thatsache ist es, daß große deutsche! fahren. Wir müssen uns hier kurz fassen und verweisen da- Zeitungen, Blätter, welche behaupten, in ganz hervorragender her den Leser auf das verdienstvolle, rein wissenschaftliche Weise die deutsche Sache, Deutschlands Ehre, Kultur und Werk von Soldan, Geschichte der Hexenprozesse, neu bear. Machtstellung zu vertreten, und welche in Fragen der inneren beitet von vr. H. Heppe, Stuttgart bei I. G. Cotta, 1880. Politik sich als ganz besonders berufene Freunde der Regie- Das Verbrechen der Hexerei wie der erwähnte „rituelle Gerung geberden, dem Prozeß von Tißa-Eßlar, der uns in die brauch" der Juden gehörte unter die sogenannten crimina Nacht des 14. und 15. Jahrhunderts zurückversetzt, von vorn exe<-pta, d. h. die ausnahmsweise schweren und daher auch herein eine tendenziöse Aufmerksamkeit gewidmet und den mit ausnahmsmeisen Mitteln zu verfolgenden Verbrechen." Glauben zu erwecken gesucht haben, als dürfte dieser Prozeß „In solchen Fällen ttat an die Stelle des ursprünglichen endlich die „offene Frage," ob die Juden zu rituellen Zwecken germanischen Anklagcprozesses das inquisitorische Verfahren, wirklich mitunter Christenkinder schlachten, zur Entscheidung das, wie so viele andere segensreiche Dinge, die Päpste aus bringen. Die bloße Möglichkeit, daß große deutsche Zeidem Schrein ihres Herzens der Menschheit, zum Zwecke der tungen mit einem affectirten Scheine von historischer und; Ketzerverfolgung, gespendet hatten. Bon den Jnquisitions-

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