Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1883)
- Date
- 1883-01-16
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
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35 staatlichen Gesellschaft geschehen sei. Es müsse das Ziel der' letzteren sein, die Erziehung und Bildung unter den Juden immer weiter zu führen. Dies könne aber nur durch Gewährung gleicher Rechte geschehen, weil jede Beschränkung ein Hinderniß der rechten Bildung sei. Fänden sich noch Uebel in den Zuständen der Juden, so müsse man diese heilen durch Gesetz und Ordnung. Er weist die Borwürfe und Behauptungen von Rühs und Fries als unbegründet zurück. In demselben Geiste, ja noch humaner und ganz vom praktischen Leben ausgehend, äußerte sich August Krämer,' Rath und Bibliothekar zu Regensburg, der namentlich die Juden vom sittlichen Standpunkte aus würdigte. Diesen gesellte sich der bekannte kampfgeübte Theologe und damaliges Haupt der Rationalisten Paulus zu Heidelberg zu. Er vertheidigte die Ansicht, daß die Emanzipation der ganzen Judenheit uuthunlich sei; vielmehr müßten die einzelnen Juden, die sich an Bildung und Gesittung dazu würdig zeigten, die! Gleichberechtigung erhalten, um so die zurückgebliebenen anzureizen, sich ebenfalls zu bilden. — So zog sich die Polemik in das Jahr 1817 hinein; denn Rühs antwortete und Ewald blieb ihm die Replik nicht schuldig. Nach und nach wurde aber das Publikum des Streites müde und so verlief sich derselbe unter den mancherlei Plänkeleien, die er nach sich gezogen. Tie Regierungen hatten dem ganzen literarischen Handel ruhig zugesehen und freien Lauf gelasien. Jndeß kann man nicht verkennen, daß die reaktionäre Strömung durch jenen befördert und gestärkt wurde, was sich denn auch später in gesetzgeberischen Fakten zeigte. Eine wirklich objektive, möglichst unparteiische Darstellung dieses literarischen Kampfes gab Jost in seiner schon angeführten „Neueren Geschichte der Juden von 1815—1845" S. 43 ff. Sehen wir nun, wie Treitschke diese Vorgänge darstellt. Eigentümlich ist es schon, daß er diesen literarischen Streit (S. 416) an die bekannten Vorgänge an deutschen Universitäten durch die Burschenschaften anknüpft, während jener schon 1815 begann und sich bereits verlaufen hatte, als die Burschenschaften zum Vorschein kamen. Tr. that dies absichtlich, um für seine nachfolgende Schilderung eine Einleitung zu erhalten, welche den Leser sofort auf einen Standpunkt versetzt, wie ihn Tr. wünschte. Er beginnt: „Einen wesentlichen Charakter des neuen Teutonenthums bildete der eingefleischte Judenhaß. Da die gewaltige Erregung des Befreiungskrieges alle Geheimnisse des deutschen Gemüthes an den Tag brachte, so ward in der allgemeinen Gährung auch der alte tiefe Widerwille gegen das orientalische Wesen wieder laut." Auf der einen Seite also „das deutsche Gemüth," auf der anderen „das orientalische Wesen." Bon diesem Gesichtspunkte aus soll dem Leser Tr.'s der ganze Streit erscheinen. Nun, der naive „Widerwille" zeigte sich bald als blinder Haß, als leidenschaftliche Berfolgungssucht, als Verlangen nach Unterdrückung. Aber, daß er sich zu solcher monströsen Höhe erhob, das wollte Tr. eben nicht wißen laßen. Er fährt daher fort, nachdem er von Mendelssohn, Friedländer und Jakobsohn einige belobende Worte gesagt, „die Masse der deutschen Israeliten noch tief im Schacher und Wucher, in dem finstern Fanatismus des Talmudglaubens, in allen den Sünden uralter Knechtschaft steckend" zu schildern, „den jüdischen Kosmopolitismus" zu betonen, (der doch einen sonderbaren Gegensatz zu dem „finstern Fanatismus" bildet!). Dann bezichtigt er die Juden, daß „in dem Befreiungskriege nur ein Theil der Juden patriotischen Eifer gezeigt habe." Freilich, daß noch in der Schlacht bei Leipzig ein großer Theil der Deutschen auf Seiten der Franzosen gekämpft, übersieht er. Er hebt weitläufig hervor, daß nur eine geringe Zahl der Juden 1813 im preußischen Heere gedient und zwar „eine ganz unverhältnißmäßig niedrige Ziffer." Wir wollen hier auf den alten Streit über die Betheiligung der Juden an den Freiheitskriegen nicht weiter eingehen. Es fanden von beiden Seiten Uebertreibungen statt. Darf man doch nicht übersehen, daß der damalige preußische Staat nur aus Brandenburg, Pom- ■ mern, Preußen und Schlesien bestand, von welchen Provinzen : die beiden ersten nur eine geringe jüdische Bevölkerung hatten und die Westpreußischen Juden von der Conskription ausgenommen waren. J) Unrichtig ist die Behauptung Tr.s, daß das Gesetz von 1812 die Juden von den Ofsi zierstellen ausschloß und der König an dieser Vorschrift streng festhielt. Das angeführte Gesetz läßt die Juden in § 8 zu akademischen Lehr- und Schulauch Gemeinde-Aemtern zu und § 9 besagt, daß in der Folge der Zeit gesetzlich bestimmt werden soll, zu welchen anderen öffentlichen Bedienungen und Staatsämtern sie zugelassen werden können. Also -nicht „das Gesetz." sondern der Wille des Königs schloß sie von Offizierstellen aus. Endlich blickt Tr. noch auf „die Geldmacht einiger großen jüdischen Firmen" und auf „gräßliche Geschichten, wahre und falsche, von der Grausamkeit jüdischer Wucherer, die durch das Land liefen." So hat er sich den Boden zurecht gemacht, auf welchen er den literarischen Streit stellen wollte. Jeder gewissenhafte Historiker hätte nun, wenn er einmal dem Gegenstände einige Seilen seines Werkes widmen wollte, regelrecht den Anfang, den Verlauf 1) Die wirkliche Zahl der damaligen Soldaten im preußischen Heere wird niemals richtig gestellt werden können. Eine offizielle Angabe exist-.rt nur für eine Anzahl Regimenter und ob dieselbe in jener bewegten Zeit, wo es keine confessionelle Berücksichtigung gab, in Beziehung auf diese aus sorgfältiger Führung der Liften hervorgegangen sei. ist sehr zweifelhaft. Wir wissen noch von jüdischen Familien, selbst in nichtprcußischen Landen, aus denen viele Jünglinge freiwillig in das preußische Heer traten, so aus der Familie des Schreibers Dieses allein 4: Louis Philipvson, Jacobi (nachmals Dr. med ), Joses W.'lff und WolfffStein: die beiden ersteren erhielten das eiserne Kreuz. Nach dem Kriege wurden sie von jeder Eivil-Anstellung zurückgewiesen, weil sie — sich nicht taufen laßen wollten. 3*