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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-01-09 · Heft 2 (9.1.1883) · p. Seite 29

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 2 (9.1.1883)
Date
1883-01-09
Page
Seite 29 (sequence 13)
Language
German
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Ein tiefer Seufzer und die Frage: „Ist es denn wahr?"! verriethen die Rückkehr der Besinnung. Einstweilen bedurfte es nur weniger Worte von seiner Seite, denn die Vergangenheit versank vor dem Eindrücke der Gegenwart. Sie hatten sich wieder; wie und nach welchen Erlebnissen, kam vorläufig nicht in Betracht. Aber nachdem sie lange genug dieses beseligende Gefühl genossen hatten, fiel es Lea ein, daß auch andre Menschen ein Recht hatten, an ihrer Freude theil zu nehmen. „Habe Geduld", sagte sie freudigen Muthes zu ihrem Gatten, „ich muß gehen und unfern Freunden mitthcilen, was der Herr an mir gethan hat. Sein Name sei gelobt, denn seine Hand hat mich errettet aus Noth und Trübsal." Ihr war jeder Tritt und jeder Winkel im Hause so bekannt, daß sie sich darin wie mit sehenden Augen bewegte. Somit eilte sie denn die Treppe hinab und zu ihrer ^Nachbarin, die ihr stets hilfreiche Hand geleistet und in allen Lebenslagen zur Seite gestanden hatte. „Er ist wieder gekommen", rief sie aus, „meine Hoffnung hat sich erfüllt. Der Herr hat mir meinen Gatten zurückgesendet, sein Name sei gelobt." Dann kam sie wieder in das Haus und eilte zu ihrem Manne, den sie aufforderte, zum ersten Male wieder mit ihr das Mahl einzunehmen, das schon bereit stand, weil am Sabbath keine Arbeit verrichtet und keine Speise bereitet werden durfte. Aber kaum saßen sie vereint, so kamen auch schon die Nachbarn mit ihren Frauen, alle in ihren Festtagsgcwändern, um den wiedergekehrten Freund zu begrüßen, denn in: ganzen Ghetto war es bereits bekannt geworden, daß Isaak 2)em zurückgekommen sei. Und so theilten sie alle die Freude der blinden Frau und sprachen herzliche Worte mit 2)em, und niemand hegte Groll gegen ihn wegen der Vergangenheit. Die Nachbarn gingen dann wieder fort, um es den beiden Gatten zu überlassen, sich ihre Schicksale gegenseitig mitzutheilen und unter einander einig zu werden über das Leben, das die Zukunft ihnen bieten konnte. Peru konnte nicht Worte genug finden, um das Unglück seines Weibes zu beklagen, aber sie selbst sprach gar nicht von sich, sondern bedauerte nur die schreckliche Zeit, welche ihr Mann verlaßen in weiter Ferne verlebt hatte. Als man ihr damals die beiden blühenden Söhne als Leichen in das Haus brachte, war sic gleichfalls der Verzweiflung nahe; aber die Nachbarn und Freunde standen ihr bei, und ihr Jammer machte sich Luft durch unaufhörlich fließende Thränen. Sie erwartete ihren Mann Tag für Tag, um den unersetzlichen Verlust, für den ihr Herz ihn nicht verantwortlich machte, gemeinsam zu betrauern. Und als er nicht kam, da wußte sie, daß er in Wahn und Verzweiflung in die weite Welt gegangen war, weil er geglaubt hatte, ihren Jammer nicht ertragen zu können. Und sie bat und flehte zu Gott, er möge ihn bewahren und ihm den Frieden wiederschenken, damit er getröstet zu ihr znrückkehrte. Die Glaubensgenossen boten ihr Zuspruch und blieben ihr in schweren Stunden nahe. Tage, Wochen, Monate und Jahre harrte sie in gottergebener Fassung auf den geliebten Mann und wenn sie einmal daran dachte, er könne vielleicht den Tod gefunden haben, blieb sie doch ihrem Vorsatze getreu und wartete, ob gewisse Nachricht zu ihr käme, denn sic hielt fest an der Hoffnung. Daß ihr Isaak selbst seinem Leben ein Ende gemacht habe, wie man von verschiedenen Seiten als wahrscheinlich annahm, glaubte sie selbst nicht. Da die arme Verlassene aber unaufhörlich weinte und ihrem Gram kein Ziel setzen konnte, erblindete sie endlich, oder vielmehr, das Licht ihrer Augen trübte sich nach und nach, bis zuletzt völlige Finsterniß über sie hereinbrach. Lilles dies erzählte Lea nun ihrem wiedergekehrten Gatten. Er konnte kaum Worte finden, ihr Leid zu beklagen und ihre Treue zu rühmen. Sie aber sagte ihm, sie habe geahnt, wie die Macht der Verzweiflung seinen Geist umdüstcrt habe. So sprachen sie sich aus, und nach der furchtbaren Zeit waren diese ersten Stunden des Beisammenseins eine neue Zeit des Friedens und Glückes. Aber schon bei dieser ersten Unterredung regte sich in 2) ein der Beruf, der selbst in der dunkelsten Zeit seines Berhängniffes in seinem Geiste nicht untergegangen war. Er untersuchte Leas Augen und kam sofort zu der Ueberzeugung, daß hier die Sehkraft nur verdunkelt, aber nicht erloschen, folglich noch Hilfe möglich sei. Kein andrer Arzt wäre im Stande gewesen, die Heilung zu unternehmen, denn gerade in bezug auf die Krankheiten des Auges herrschten damals die irrigsten Ansichten, so daß 2)em schon früher oft auf Widerstand gestoßen war, wenn er nach seiner eignen lieberzeugung durch eine kühne Operation kranken Augen die verhüllte Sehkraft wiedergeben wollte. Sein Weib vertraute ihm unbedingt und würde seiner heilkundigen Hand jeden Augenblick ihr Leben anvertraut haben; sie war ohne Widerrede bereit, sich allen seinen Anordnungen geduldig zu unterwerfen. 2)en: kehrte noch einmal zu dem Chevalier von Torcy, seinem Beschützer, zurück und theilte diesem die ganze Sachlage mit, worauf der edle Herr ihn sofort jeder Verpflichtung entband und ihm das beste Glück wünschte. Der Durst nach Rache hatte den unglücklichen Aem nach Rom zurückgeführt, aber als er sein Weib wiederfand und die unerschöpfliche Gottergebcuheit ihres Gemüths erkannte, opferte er seinen Haß auf dem Altäre des Herrn, der sein auserwähltes Volk seit Jahrtvusenden durch die schwersten

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