Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1883)
- Date
- 1883-01-09
- Page
- Seite 30 (sequence 14)
- Language
- German
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Prüfungen zur Erkenntniß leitete. In Jehovas Hand lag Strafe und Belohnung, denn er allein trifft die Herzen und durchschaut die Gedanken der Menschen. Nichts andres hatte Dem nun im Sinne als die Heilung der Blindheit seines treuen Weibes. Schwere Stunden mußten sie beide noch durchleben, denn es galt auch hier wieder einen Kampf gegen das Vorurtheil. Selbst von seinen treuesten Freunden mußte Dem manches zweifelnde und mißbilligende Wort vernehmen. Aber Lea vertraute aus ihn, und nach Wochen der vorsichtigsten Behandlung genoffen beide das unaussprechliche Glück, daß Leas Augen sich wirklich dem Lichte wieder erschloffen. Diese glückliche Heilung erhöhte den Ruf des gelehrten Arztes und bald stand seine Geltung wieder so hoch wie früher. Selbst Pico de Mirandola, der kurz darauf an den päpstlichen Hof kam, suchte seine Bekanntschaft und ließ sich von ihm in einzelnen Zweigen der medizinischen Wiffenschaften unterrichten. Geehrt von seinen Stammesgenoffen, verlebte Dem mit seinem Weibe noch manches Jahr stillen häuslichen Glückes, dessen Strahlen weit hinaus auf die leidende Menschheit fielen. Vermischtes. Professor und Student. Die „W. A. Ztg." erzählt folgendes Histörchen: Bekanntlich huldigt ein Theil unserer Studenten dem neuesten Sport, genannt „Anti-Semitismus". An einer österreichischen Universität docirt nun ein Gelehrter von jüdischer Herkunft, welcher sich trotz seiner Jugend eines hohen Ansehens erfreut. Das hindert aber nicht, daß, als vor einigen Tagen der Gelehrte eine Vorlesung hielt, ein in der ersten Reihe sitzender Hörer zu zwei Kollegen eine Bemerkung machte, welche die Confesfion des Docenten in der üblichen Anti- Semiten-Manier kritisirte. Der Gelehrte vernahm zufällig diese Aeußerung, war davon nicht wenig betroffen, setzte aber seine Vorlesung ruhig fort. Nach Schluß derselben ließ er die zwei erwähnten Kollegen rufen, um an sie folgende Ansprache zu richte»: „Meine Herren'. Ihr Kollege, der Herr N., welcher offenbar — ich sehe das an der Farbe Ihrer Bänder — einer und derselben Couleur mit Ihnen angehört, hat mich beleidigt; Sie können es nicht leugnen, da er das Wort an Sie richtete. Ich könnte nun, wie Sie begreifen, von meinem akademischen Rechte Gebrauch machen und ihn vor den Senat citiren, um ihn wegen dieses Vergehens gegen die Disciplin bestrafen zu lassen, aber ich perhorrescire das Rufen nach der Polizei; denn ich bin selbst durch mehrere Jahre Couleurstudent gewesen, es ist dies nicht lange her, und ich war daher gewohnt, auf andere Weise mir Satisfaction zu verschaffen" — dabei wies der Gelehrte auf eine ganz gewaltige Schramme hinter dem Ohre hin — „Sie sehen aber andererseits ein, meine Herren, daß es mir in meiner gegenwärtigen Stellung schwer ist, von diesem ritterlichen Mittel Gebrauch zu machen. Jedoch müßte ich trotzdem zu diesem Mittel greifen, sollte Ihr Kollege oder ein Anderer es noch einmal wagen, meiner Ehre nahe zu treten, wofern er überhaupt satisfaktionsfähig ist. Haben Sie die Güte, meine Herren, dieses Ihrem Kollegen zu sagen, denken Sie sich für einen Augenblick, Sie wären meine Secundanten, und haben Sie dann noch die Freundlichkeit, mir eine etwaige Antwort zu bringen." Mit diesen Worten entließ der Gelehrte die Studenten, welchen wohl bekannt war, daß Ersterer seinerzeit die Klinge sehr geschickt zu führen wußte. Tags darauf erschienen dieselben abermals bei dem Gelehrten mit einem Schreiben, in welchem der bewußte Student unter den Ausdrücken des lebhaften Bedauerns die Beleidigung vollinhaltlich revocirte. „Was du nicht willst, das dir geschehe, das thue auch einem Anderen nicht'." Schon beim Beginne der Judenhetzen in Deutschland warnten wir die deutschen Antisemiten, daß sie die Welt nicht an solche Schauspiele und an die Mittel, um sie hervorzurufen, gewöhnen sollten. Die Erfüllung dieser Voraussagung laßt nun auch nicht auf sich warten. Wir sehen von den traurigen Vorgängen in den baltischen Provinzen ab; die „Voff. Z." berichtet aus Prag vom I I. Dezember: „An den Thüren des Neustädter deutschen Staatsgymnasiums wurden dieser Tage Placate mit der Aufschrift: „Tod allen Deutschen'." ausgefunden. In Folge Anzeige des Gymnasial- Direktors wurde die Angelegenheit dem Strafgerichte übergeben und die Untersuchung wegen Aufreizung gegen eine Nationalität eingeleitet." Solche Placate gegen die Juden stellten sich in Berlin Jahrelang zu jeder Tagesstunde an öffentlichen Gebäuden und Säulen ein. An Untersuchung wurde nicht gedacht.