Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1883)
- Date
- 1883-01-09
- Page
- Seite 28 (sequence 12)
- Language
- German
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wirklich in dem Manne draußen den einst so hochgeachteten, verschwundenen Arzt wieder erkannten, dessen trauriges Schicksal unvergessen war. Zwar gealtert und im Aussehen verändert, war er doch kenntlich an den Gesichtszügen und der Stimme, und unzweifelhaft derjenige, für den er sich ausgab. Die Aeltesten wollten wissen, woher Dem komme und er erwiderte ihnen, daß er lange Zeit in der Welt umhergeirrt, bis er endlich jetzt mit der französischen Armee und unter dem Schutze des tapfern Herrn von Torcy in Rom angelangt sei. Die Aeltesten der jüdischen Gemeinde ließen den heimgekehrten Arzt einige Zeit warten, während sie sich zurückzogen; aber endlich öffnete sich ihm das Thor, und er durfte in das Ghetto, diese Stätte der Verbannung, an welche sich für ihn die theucrsten Erinnerungen knüpften, hereinkommen. Welcher Art die Gefühle waren, die ihn beim Anblick dieser wohlbekannten Stätte, wo er gleich seinen Brüdern geächtet, aber doch glücklich und zufrieden seiner Familie und seinem Berufe gelebt hatte, ergriffen, ist nicht in Worten auszudrücken; mit auf die Brust gepreßten Händen ging er vorwärts und seine Lippen murmelten eines jener Gebete, in denen sein Volk den Willen des Herrn preist und sich demselben unbedingt unterwirft. Wie an jedem Sabbathabend, saßen heute überall die Leute vor den Thüren, die Frauen fast alle in weißen Gewändern und schön geschmückt, in feierlicher Stimmung, aber alle heiter und guten Muthes, denn in diesen festlichen Stunden wurden die täglichen Sorgen verbannt, und man dachte nur an Gott und an die Familie. Dem sah die Männer, Frauen und Kinder beisammen sitzen, und seine Sehnsucht, seine Ungeduld wuchs. Wie mochte er Lea, sein Weib, wiederfinden? War sie überhaupt noch am Leben? Er hatte diese Frage, die ihm auf dem Herzen wie auf den Lippen brannte, noch nicht zu thun gewagt, denn er fürchtete sich vor der Antwort. Aber in seiner Seele regte sich ein leichter Schimmer von Hoffnung, der in den letzten Wochen mit dem neuen Leben in ihm aufgetaucht war. So kam er bis in die Nähe seines Hauses, und sein Herz klopfte fast hörbar, als er wirklich an der Schwelle desselben eine weibliche Gestalt, gleich den andern im weißen Gewände, die Hände im Schoße gefaltet, sitzen sah, in welcher er mit freudigem Schreck sofort sein Weib erkannte. Nun drängten sich tausend Fragen bei ihm auf. Wie würde sie ihn begrüßen? Er hatte sie verlassen, nachdem er ihre Kinder getödtet hatte. Mußte sie ihn nicht Haffen, ihm nicht fluchen, ihn nicht wegstoßen von der Behausung, wo sie einst so glücklich gelebt hatteu? Wenn sie ihre Söhne von ihm begehrte, was sollte er sagen? Zitternd kam er näher, und er fühlte wie die Aufregung ihm fast den Athem raubte und seine Stimme beinahe erstickte. Jetzt stand er vor ihr. Sie saß, den Kopf vorgeneigt, so daß er ihr Gesicht nicht deutlich sehen konnte, und ihre Hände lagen noch immer gefaltet, ein Bild stiller Ergebung. Er wartete eine Weile, aber da sie sich nicht regte, griff er nach ihrer rechten Hand. Nun erhob sie erstaunt das Gesicht zu ihm auf, aber sie schwieg. Da sagte er mit gepreßter und hierdurch unkenntlicher Stimme: „Sei gegrüßt, Lea!" — Nach der Sitte des Volkes standen überall Lichter in den geöffneten Hausthüren, und cs fiel auch der Schein einer Lampe aus dem Hause auf Leas gramdurchfurchtes, aber mildes und ergebenes Gesicht. „Sei auch du gegrüßt", sagte sie sanft, und setzte nach einer Pause hinzu: „Wer bist du? Ich kenne deine Stimme nicht. Was treibt den Fremdling, daß er die Einsame am heiligen Tage heimsucht'?" Ein heftiger Schreck durchfuhr Dems Glieder beim Anhören dieser Worte. Er warf noch einen Blick auf das lang entbehrte Antlitz seines geliebten Weibes, das sich wieder stumm ihm zukehrte. Heiliger Gott! Das hatte er nicht erwartet! War denn Jehovas Zorn noch nicht erschöpft? Unwillkürlich entfuhr ihm der Jammerruf: „Lea, mein Weib! kennst du mich denn nicht? Ist dein Auge erblindet, daß du die Züge deines Gatten nicht unterscheiden kannst? O Jammer über allen Jammer, daß ich dich so wiederfinden muß!" Nun hatte ihn Lea an der Stimme erkannt. Ein Gefühl unaussprechlichen Glückes durchrieselte ihr ganzes Wesen. Sie sprang auf und wollte ihn umfaffen, aber mit dem markerschütternden Freudenruf: „Isaak! du bist es! Kommst du endlich wieder?" sank sie ohnmächtig zusammen. Bei diesen Lauten stritten in des Mannes Seele Jammer und Jubel mächtig miteinander. Blind fand er sein Weib wieder, aber sie fluchte ihm nicht und wendete sich nicht von ihm ab. Was hatte die Aermste alles erlitten und geduldet, und doch war die Liebe in ihrem Herzen nicht erloschen, das hatte er deutlich gefühlt bei dem Klange, mit welchem sie seinen Namen gerufen. Er ergriff die hingesunkene Gestalt und trug sie auf seinen Armen in das Haus, preßte sie an sein Herz und küßte ihre erblindeten Augen. Alles im Hause war noch wie sonst, jedes Stück stand an dem früher» Platze und war unversehrt. So fand er denn auch das wohlbekannte Schlafzimmer. Dort legte er die theure Last auf das Lager und kniete neben ihr auf den Boden nieder. In liebevollem Tone flüsterte er ihren Namen,! sobald ihm ihre Züge verriethen, daß ihr Bewußtsein wiederkehrte.