Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1883)
- Date
- 1883-01-02
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 der That alles vereinigt, um in dem Besucher die Stimmung! wachzurufcn, welche bei der Schilderung orientalischer Märj chenpracht in der Seele aussteigt. Kein Bild und keine Statue war zu sehen, aber den Boden und die Wände bedeckten kostbare türkische Teppiche, welche auch die Thüröffnungen verhüllten. Alle Möbel, Zierathen und sonstige Einrichtungsstücke waren im maurischen Stil gehalten und wurden vom Lichte der kostbaren Hängelampe bestrahlt? die nicht nur des Abends, sondern auch einen großen Theil des Tages über brennen mußte, weil die Enge der Straße und des Hofraums nur wenig Tageslicht einließ. In diesem Zimmer war die Hausfrau meistens zu finden. Auf der andern Seite von Isaaks Arbeitsstube befand sich ein Raum, in welchem seine beiden hoffnungsvollen Knaben ihren Studien und nebenbei auch ihren Spielen nachgehen konnten. Eine Treppe höher waren die Schlafräume, in welche wenigstens etwas Licht und Luft eindringen konnte und die der kundige Arzt gerade deshalb zu diesem Zwecke bestimmt hatte. Es erregte nicht wenig Aufsehen im Ghetto, als päpstliche Diener daselbst erschienen, um den gepriesenen Arzt Dem in den Vatikan abzuholen. Doch war es keine freudige Ueberraschung, denn Isaak sowohl wie seine Glaubensbrüder wußten, daß man fick ihrer stets nur in der größten Noth erinnerte, wenn gar keine andre Hilfe mehr zu finden war: aber sie hatten genügsame Erfahrungen, daß man sich in den meisten Fällen mit Widerwillen und Haß ihrer bediente. Kamen Christen in das Ghetto, um Geld zu leihen, so waren sie den Juden willkommen, denn diese gaben keine Darlehen heraus, wenn ihnen nicht hohe Zinsen und dreifache Sicherheit zu theil geworden waren. Aber ungern verfügten sie sich selbst in die Wohnung christlicher Machthaber, weil sie sich dort nicht sicher fühlten. Und nun gar als ärztlicher Rathgeber an das Bett des kranken Papstes gerufen zu werden, war eine sehr gefährliche Sache, die leicht zu einem schlimmen Ende führen konnte! Und doch hob sich Isaaks Brust mit stolzem Bewußtsein und kühner Hoffnung, als er die Botschaft erhielt. Seit Wochen und Monaten war der Zustand des Papstes in allen seinen Einzelheiten oft und viel besprochen worden. Die Leibärzte und fremden Gelehrten, welche man zugezegen hatte, wußten keinen Rath mehr, denn sie hatten alle Mittel erschöpft, welche die Heilkunde nach dem damaligen Stande der ärztlichen Wiffenschaft ihnen bieten konnte, und es war geradezu räthselhaft, daß die Kräfte des Kranken nicht zunehmen und doch auch nicht soweit herabsinken wollten, um dem Tode das Feld zu räumen. Der Papst galt als die wichtigste Person in Europa, und von seinem Leben oder Tod hing in jeder Richtung soviel ab, daß es begreiflich war, wenn sein körperliches Befinden mit dem größten Interesse beobachtet wurde. Für die Aerzte war seine Krankheit daher ein Gegenstand fortwährenden Nachdenkens, und Isaak Aem kannte ganz genau alle Symptome und Umstände seines Leidens. Als ein begeisterter Jünger seiner Wiffenschaft, hatte er längst seine eignen Ansichten über das Uebel, welches das Oberhaupt der Kirche erfaßt hatte, und er glaubte das einzige Mittel zu kennen, welches dem Papste die Gesundheit wiedergeben könne. Aus diesem Grunde freute er sich der Berufung zu dem Kranken. Er beruhigte mit freudiger Zuversicht sein ängstliches Weib und die herbeieilenden Freunde, dann ging er nicht in Besorgniß, sondern mit der Hoffnung auf einen großen Triumph der Wissenschaft mit seinen Begleitern über die Tiberbrücke nach dem Vatikan. Jnnocenz VIII erwartete den jüdischen Arzt mit begreiflicher Ungeduld. Wer ihn Genesung hoffen ließ, war selbstverständlich für ihn ein Heiland. Da die kostbarsten Reliquien und alle lebenden Wunderthäter der Kirche vergeblich ihre Kunst an ihm versucht hatten, sah er nun in dem vielgenannten jüdischen Heilkünstler seine letzte Zuflucht und war im voran» entschlossen, sich ganz dessen Anordnungen zu fügen. Mit Aerger sahen die Kardinale diesen gegen alles Herkommen verstoßenden Schritt des heiligen Vaters, und mit Neid blickten die meisten Aerzte des Vatikans auf den ungläubigen Kollegen, dessen Ruf unermeßlich steigen mußte, wenn es ihm wirklich gelang, dem Papste wieder zur Gesundheit zu verhelfen. Kaum hatte Isaak den körperlichen Zustand seines erhabenen Patienten untersucht, als er alle seine Vermuthungen bestätigt fand und mit kühnem Muthe die Ueberzeugung aussprach, es gebe nur ein einziges Mittel, um das kostbare Leben zu retten. Dieses Mittel bestehe in der Zuführung von gesundem jugendlichen Menschenblute, welches durch eine Operation direkt in die Adern des entkräfteten Greises geleitet werden müsse. Dieser Ausspruch machte das größte Aufsehen. Wohl kannte man die Versuche, welche gemacht worden waren, um das Blut von Thieren in die Adern kranker Menschen zu leiten, aber da das Leben eines Thieres in solchem Falle nicht in Betracht kommt, hatte man nicht den geringsten Anstand genommen, dieselben bei solchen Operationen dem Tode zu überliefern. Nun aber wagte der jüdische Heilkünstler den Vorschlag zu machen, daß ein Menschenleben gewagt werden sollte, um den Versuch zu machen, dem Papste Genesung zu verschaffen. Die verschiedenartigsten Empfindungen bemächtigten sich der Umgebung des Kranken. Bestürzung, Entrüstung, ja sogar Abscheu sprach aus allen Mienen. Vielleicht würde Niemand unter andern Umständen etwas Entsetzliches in dem Vorschläge gesunden haben, aber nun wurde derselbe mit Mißtrauen ausgenommen, weil man be-