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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-01-02 · Heft 1 (2.1.1883) · p. Seite 11

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 1 (2.1.1883)
Date
1883-01-02
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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11 Jeuilleton. Das Ghetto in Rom im Jahre 1488.*) Bon Adolf Glaser. Papst Jnnocenz VIII war schwer erkrankt. Man hatte ihn schon für todt gehalten und sich in seine Hinterlassenschaft theilen wollen. Aber er erwachte noch einmal aus j seinem Starrkrampf. Ein tiefes Mißtrauen erfüllte ihn gegen j seine Aerzte. Er hatte wiederholt von einem Arzte reden > gehört, der zwar ein Hebräer war und im Ghetto wohnte,! dessen Ruf aber durch einige staunenerregende Kuren, welchefast an das Wunderbare grenzten, schon bis zum Vatikan! drang. Der Papst wünschte diesen Mann zu Rathe zu ziehen, und obgleich die meisten Kardiuäle und der ganze päpstliche Hof dieses Verlangen mit Entsetzen vernahmen und alles aufboten, den heiligen Vater von seinem Plane abzubringen, blieb er dennoch dabei und brachte endlich durch seinen energischen Befehl alle widersprechenden Meinungen zum Schweigen. Das Ghetto, oder die Judenstadt, bestand damals aus einer Hauptstraße, die sehr enge war, und mehreren noch engeren Seitengäßchen. Der ganze Komplex war abgeschlossen. An beiden Enden der Hauptstraße befanden sich eiserne Gitterthore, die seit der Zeit des Papstes Pius IV. des Abends geschlossen und des Morgens geöffnet wurden. Diese, nahe der Tiber gelegenen Straßen gehörten an und für sich zu den ungesundesten Theilen der Stadt. Der Umstand, daß die engen Wohnungen überfüllt waren, trug natürlich nicht wenig dazu bei, dort zuweilen Krankheiten ausbrechen! zu lassen, die dann auch benachbarte Gegenden ergriffen und das von Vorurtheilen geängstigte Volk auf den Gedanken brachten, die Juden vergifteten absichtlich Wasser und Luft.; Dazu kam, daß in jener finstern Zeit überall in Europa die• jüdischen Aerzte, welche die maurische Gelehrsamkeit studierten, alle einheimischen Quacksalber an Einsicht und Kenntnissen bedeutend überragten, was dann dem kleinlichen Neide zu gehässigen Verleumdungen Veranlassung gab. Hatte hier und da ein jüdischer Arzt seinen Landsleuten den Rath gegeben, das schlechte Trinkwasser durch irgend einen Zusatz zu verbessern, so gab dieser Umstand die Handhabe zu thörichten und abscheulichen Gerüchten. In der Hauptstraße des Ghetto befanden sich große und schöne Häuser, von denen einige nach der Straße hin so gebaut waren, daß sie unansehnlich aussahen, während sie nach den Höfen schön verzierte Außenwände besaßen und im Innern große Wohnräume enthielten. Da selten ein Christ diese Häuser besuchte, und wenn dies geschah, der Besuch 1) Aus: Savonarola, Culturgcschichtliche Erzählung aus cher Blüthezeit der Renaisiance. Leipzig und Berlin. Otto Spamer. 1883. sich darauf beschränkte, die Geschäftsräume des Hausherrn zu betreten, so konnten die Juden ungescheut in ihren Wohnstuben so viel Luxus entfalten, als sie wollten. Wie in einer Märchenwelt mochte sich daher der fremde Besucher wähnen, der einmal zufällig jene geheimnißvollen Räume betrat. Zuerst kam er in die abgelegene, enge und schmutzige Gasse, ging darauf in ein finster aussehendes Haus, dessen Aeußeres eher einem Gefängnisse, als einer geschmackvollen menschlichen Wohnung glich. Aber unerwartet erblickte er sich dann plötzlich in hell erleuchteten, im orientalischen Geschmack und mit fremdartigem Luxus ausgestatteten Räumen. Kostbare Teppiche bedeckten die Fußböden, weich gepolsterte j Divans luden zum Sitzen ein, und von der Decke hingen! prächtige Lampen herab. Da viele Juden auch in ihrer j Kleidung die Sitte iürer orientalischen Heimath beibehielten, wurde der märchenhafte Eindruck noch verstärkt, wenn die Frauen und Töchter in ihrer fremdartigen Schönheit sich dem Besucher in einer Tracht näherten, welche au die biblischen Erzählungen des Alten Testaments gemahnte und oft! durch Reichthum nnd Pracht das erstaunte Auge blendete, l So mag es auch im Hause des jüdischen Arztes Isaak! Dem gewesen sein, umsomehr, da dessen Gattin die Tochter eines sehr reichen Kaufmanns war, der Mittel genug besaß, um seinem Kinde eine wirklich reiche und kostbare Einrichtung zu geben. Man gelangte durch eine hohe und schmale Thür in die dunkle Hausflur, worin sich das Auge erst zurecht finden mußte, um die Treppe zu gewahren, die nach den oberen Stockwerken führte. Unten befanden sich zu beiden Seiten der Flur große Kaufgewölbe, welche vermiethet waren und die ihr Licht durch Thüren empfingen, welche nach der Straße gingen. Hatte man die dunkle Treppe, die ziemlich steil nach oben ging, endlich gefunden und mühsam erklommen, so mußte man an eine Thür klopfen, die oben wieder zu einem Borplatz führte, der ebenfalls nur spärliches Licht hatte. Tann erst gelangte man in das Zimmer des Hausherrn, welches ganz den Charakter der Studierstube eines gelehrten Arztes trug. Große Folianten in griechischer und hebräischer Sprache füllten die geschnitzten Holzgestelle, die einen Theil der Wände deckten. Auf andern Gestellen sah man Flaschen und Phiolen mit allerhand Flüssigkeiten, und Gegenstände, die in Spiritus aufbewahrt wurden. Auch an ausgestopften Thieren, Gerippen und Todtenschädeln fehlte es nicht, und der große Tisch in der Mitte des Gemaches trug stets eine Menge von Instrumenten und ähnlichen Gegenständen zum fortwährenden Gebrauch. Erst durch dieses Studierzimmer gelangte man in das Heiligthum des Hauses, in die große Familienstube, welche zur linken Hand lag. Hier war in 1"

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