Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1883)
- Date
- 1883-01-02
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 entschloß sich nun, einen Theil ihrer Sendung Zurückzunehmen, brachten aber Wolff derart damit in Harnisch, daß er ihnen Injurien auf Juden schrieb. Nachdem sich die Rechtsanwälte herumgestritten, ob es wirklich Injurien oder nicht seien, wurde der Huthändler Wolff zu 15. Mk. Strafe verurtheilt. O esterreich-Ungarn. Bonn, 22. Dezbr. (Privatmitth.) Wir erhalten von Pest soeben das Schriftchen des Dr. M. Kayserling: „Der Wucher und das Judenthum" (Budapest, Wodiancr, 1862) das, in deutscher und ungarischer Sprache verfaßt, den Diatriben der Jstöczy's im ungarischen Abgeordnetenhause bei Gelegenheit des nach den Parlamentsferien zur Verhandlung kommenden neuen Wuchergesetzes im Voraus entgegentreten soll. Der Berf. weist in gründlichster Weise nach, wie Bibel und Talmud nicht allein den Wucher, sondern auch alles Zinsnehmen nachdrücklichst verbieten und als irrreligiös brandmarken. Er geht dann an der Hand bekannter Autoritäten die Geschichte des Wuchers durch, und bis auf die Verhältnisse der Gegenwart ein. Die Schrift ist deshalb von allgemeinem Interesse, aber besonders momentan für Ungarn von hoher Wichtigkeit. Wir geben deshalb hier das Vorwort wieder, welches die obwaltenden Verhältniffe zeichnet. „Das sogenannte neue „Wuchergesetz", das sich zum Ziele gesetzt, dem Wucher, diesem Krebsschaden des volkswirthschaftlichen Lebens, enge Grenzen zu ziehen, gelangt in den nächsten Wochen im ungarischen Abgeordnetenhause zur Berathung. Diese legislatorische Maßregel wird wie von jedem Bürger, dem die Wohlfahrt des Staates und das Heil der Gesellschaft am Herzen liegt, auch von den ungarischen Juden nnt Freuden begrüßt. In diese Freude mischt sich aber leider das wehmüthige Gefühl, ja die Entrüstung über die Verdächtigungen, welche jetzt so häufig vernommen und bei Gelegenheit der Berathungen über das Wuchergesetz von gcwiffer Seite wieder auf die Juden und das Judenthum werden gewälzt werden. Die Herren Jstöczy und Genoffen werden sich die günstige Gelegenheit nicht entgehen lassen, die Schuld einzelner Juden der GesamMheit aufzubürden, den Wucher auf die Schultern aller Juden zu wälzen und, was das verwerflichste ist, die Religion des Judenthums dafür verantwortlich zu machen. Die Herren Jstöczy und Gen offen werden es gewiß nicht unterlassen, ihrem tief eingewurzelten Haffe gegen die Juden wieder in geharnischten Reden Ausdruck zu geben; sie werden in der ihnen eigenen Weise behaupten, daß die mosaische Lehre, daß besonders der von ihnen so viel verlästerte Talmud den Wucher gestatte, oder wohl gar gebiete. Sie stützen sich in diesen ihren verdächtigenden Behauptungen auf das berüchtigte Pamphlet Rohling's, auf „den Talmudjuden", welchen der greise christliche Professor Franz Delitzsch in Leipzig, der berühmte Kenner der jüdischen Literatur, der unter den christlichen Theologen und Gelehrten Deutschlands und Oesterreich-Ungarns heute wohl der einzige ist, der den Talmud im Urtexte zu lesen und zu übersetzen versteht, welchen Delitzsch als eine Ausgeburt entstellter Texte, falscher Ueberfetzungen, tendenziöser Deutungen öffentlich gebrandmarkt hat. Diesen Verdächtigungen, nach welchen der Jude der Hauptfactor des Wuchers bis aus den heutigen Tag sein und das Judenthum die Ueberhandnahme dieses Auswuchses des gesellschaftlichen Lebens hauptsächlich verschuldet haben soll, können wir frei und offen entgegentreten: wir können kühn und unerschrocken vor aller Welt behaupten, daß die Religion des Judenthums mit aller Entschiedenheit gegen den Wucher Front macht. Dies auf Grund der Quellen, wie sie in der Bibel, im Talmud, in den rabbinischen Schriften Jedermann vorliegen, unv mit genauer Angabe derselben, in diesen Blättern kurz nachzuweisen, halte ich jetzt, wo das neue Wuchergesetz der Berathung harrt, nicht blos für zeitgemäß, sondern für heilige Pflicht." Wien, 22. Dez. Der „demokratische Verein" hat dem Antisemitismus die Absage ertheilt. Zu der jüngsten Versammlung des demokratischen Vereines am Neubau, in welcher Kronawetter einen Vortrag hielt, hatten einige Antisemiten, mit einem ihrer Führer an der Spitze, sich eingefunden, welche, als die Sitzung nicht einen ihren Erwartungen entsprechenden Verlauf nahm, sich wieder entfernten. Fabrikant Schmidt erklärte in energischen Worten, daß er sich schämen würde, der demokratischen Partei weiter anzugehören, wenn dieselbe mit dem Antisemitismus sympathifiren sollte. Der Bereinsobmann, Gemeinderath Kreutzig, bemerkte, er fühle sich zur Ehrenrettung des Vereins verpflichtet die Erklärung abzugeben, daß sich die Demokratie nie mit Antisemitismus befaßt habe. Herr Schmidt erwiderte, wenn Jemand mit geladenen Dynamitpatronen in den Saal käme, so würde Alles aufspringen und man würde so schnell als möglich sehen, den gefährlichen Gesellen los zu werden. Die Hetzschriften aber, welche die- Antisemiten kolportiren und welche sie auch hier im Saale zu verbreiten suchten, seien nun solche Dynamitpatronen. Marschall jun. erinnerte, daß die Antisemiten ja überall auf Gastrollen gehen, um hier und da zu skandaliren oder sich Anhänger zu verschaffen. Wo und ob sie festen Boden gewinnen, daß sei eine andere Frage, jedenfalls nicht bei den Demokraten. Pest, 16. Dezbr. (Privatmitth.). Aus dem ungarischen Abgeordnetenhause giebt es jetzt täglich etwas Neues. Der Petitions-Ausschuß behandelte gestern die bereits erwähnte Tapolczaer Petition, tvelche die Nevocirung der Juden Emancipation verlangt, und beantragte, dieselbe ganz unberücksichtigt zu lassen! Die Petition der Erlauer Casinos, welche i •x