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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-12-27 · Heft 52 (27.12.1881) · p. Seite 866

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 52 (27.12.1881)
Date
1881-12-27
Page
Seite 866 (sequence 14)
Language
German
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866 lich wurden entstandene Löcher mit Steinen ausgefüllt, und so kam es, daß die Gassen höher liegen, als die Fluren der Häuser. den der hiesigen Juden. Die Rabbiner z. Bleben ausschließlich von Almosen; arme Kranke werden von der Judengemeinde gepflegt und ihnen Arzt und Arzneien ins Haus gesandt. In ihrem Aussehen unterscheiden sich die Häuser nur da es heute noch kein jüdisches Spital in Tunis giebt. Mit wenig, und scheinen durchwegs sehr armselig und verfallen,! dem Schulwesen war es bis auf die letzte Zeit sehr schlecht ja verödet zu sein. Das hatte in früheren Jahren und viel-1 bestellt. Erst in den letzten Jahren wurde durch die Munileicht auch jetzt noch seine guten Gründe. Die tunesischen! ficenz des jüdischen Barons Castelnuovo, eines edlen, Hoch- Beamten und Würdenträger, vom ersten Minister bis zum | herzigen Mannes, der früher Leibarzt des Königs Victor gewöhnlichen Soldaten, bedrückten und beraubten die Juden Emanuel gewesen, sowie des österreichischen Barons Hirsch bei jeder Gelegenheit. Sie brauchten nur zu erfahren, daß eine vortreffliche Schule errichtet, die gegenwärtig durch die Dieser oder Jener große Reichthümer besitze, so saßen sie ihm Pariser ^Iluion israelite“ unterstützt wird, und in welcher schon auf den Fersen und confiscirten aus den nichtigsten an achthundert Schulkinder unentgeltlich unterrichtet werden. Gründen sein Vermögen oder erpreßten ihm gerade so viele Dort beginnnt man seitdem sich auch europäisch zu kleiden. Tausende Piaster, als sie in seinem Besitze glaubten. Darum! In einer zweiten Schule, welche die Londoner Gesellschaft trachteten die Juden auch, ihren unzweifelhaft großen Reichthum nach Thunlichkeit zu verbergen, und das mag auch mit die Ursache sein, warum sie ihre Straßen in so grauenerregendem Zustande beließen. Heute hat es damit freilich ein Ende, und die wohlhabenden Israeliten bauen ihre Wohnungen aus j der Marma und im europäischen Quartier. Ungeachtet all' deffen sind die Hebräer hier sehr religiös und hängen mit großer Zähigkeit an ihren Festen und an der Ausübung ihres Cultus. Eigenthümlich sind ihre Wallfahrten nach Jerusalem, die ihnen ebenso heilig zu sein scheinen, wie den Moslims die Wallfahrt nach Mekka. Jedes Jahr verlädt eine Anzahl frommer Juden ihre Wohnungen, um zu Fuß durch die Wüsten von Tripolis und Aegypten nach Palästina zu wandern. Die Mühseligkeiten und Gefahren dieser unendlich langen Reise können sie nicht davon zurückhalten, nach der Wiege ihrer Race zu pilgern, um dort ihr Leben zu beschließen. Biele ziehen aus, aber wenig Auserwählte erreichen das ferne Ziel, denn die Wüstenreise ist zu beschwerlich. Die reichen Juden fahren per Dampfer nach Jerusalem, und kehren auch gewöhnlich mit einem solchen wieder nach Tuuis zurück. Im Ghetto von Tunis selbst giebt es sehr viele Synagogen, aber die meisten sind ärmlich ausgestattet, unansehnlich und von den gewöhnlichen Wohnhäusern kaum zu unterscheiden. Die Eingänge sind klein, halb verborgen, der Betraum selbst tief unter dem Erdboden gelegen, so daß man über zwanzig bis dreißig Stufen hinabschrciten muß. In der gleichen Höhe mit der Gaffe befindet sich gewöhnlich eine nach dem Innern der Synagoge vergitterte Gallerte, die für die Frauen bestimmt ist. Die Letzteren dürfen die Synagoge selbst nicht betreten. Bon der Decke hängen zahlreiche kleine Lämpchen; an den Wänden sind mit Strohmatten bedeckte Bänke aufgestellt und in der Mitte befindet sich der erhöhte Verschlag für den Rabbiner, deren jede Synagoge einen besitzt. Die Wohlthätigkeit ist eine der ausgesprochensten Tugenzur Bekehrung der Juden gestiftet hat, und welche durch den englischen Missionär Frankel vortrefflich verwaltet wird, fand ich an vierhundert jüdische Schulkinder, davon an hundert Mädchen, die sämmtlich viel Sprachtalent und Lernbegierde an den Tag legten. Sie lernten u. a. das neue Testament und die christliche Religion, ohne daß die Eltern dagegen Einsprache erheben würden. Thun sie das aus religiöser Gleichgültigkeit, oder wohl in dem Bewußtsein, daß die christlichen Lehren bei ihren Kindern nicht verfangen und doch nur dem weltlichen Unterricht Aufmerksamkeit geschenkt werde? Ich würde das letztere vermuthen? Vermischtes. Ein Gewissensfall. Londoner Blätter schreiben: „Ein Israelit, der als Geschworener zu einer gerichtlichen Untersuchung des Coroner berufen war, entschuldigte sich damit, daß ihm als Abkömmling pon Ahron (Cohn) verboten sei, sich einer Leiche zu näheren, außer der eines nahen Verwandten. Einige andere Israeliten, die bei der Lesung dieses Briefes zugegen waren, erklärten, daß dies eine unzulässige Pretention sei; daß das angezogene Gesetz, ausschließlich jüdisch, nicht aus die Landesgesetzc geltend gemacht werden könnte, und daß außerdem der Widerspenstige, nach seinen Namen (Montague) zu schließen, kein Abkömmling Ahrons sein könne." Wir bemerken , daß dieser zweite Einwand weniger zutreffend ist als der rrstere, denn die priesterliche Abstammung ist nicht immer durch den Familiennamen angezeigt. Uebrigens die Frage der sogenannten levitischen Reinheit oder Unreinheit hängt wesentlich mit dem Bestand des Allerheiligsten 5?-.p zusammen und ist jetzt in der That nur noch eine historische Erinnerung. Uebrigens hat die Angelegenheit für den Widerspenstigen keine ärgerlichen Folgen gehabt.

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