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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-12-27 · Heft 52 (27.12.1881) · p. Seite 859

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 52 (27.12.1881)
Date
1881-12-27
Page
Seite 859 (sequence 7)
Language
German
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859 Auf diese Weise -ringt er die Expektorationen jenes Greises | Widerlegung giebt er nicht, sondern nur eine Reihe von in Broschürenform ins Publikum. Um sie zu bekämpfen, persönlichen Bemerkungen gegen Liszt, die allerdings bissagen wir, aber dies liegt blos in seiner Absicht. Eine weilen recht pikant sind. — SSeitiiTi cj >11 acß zkc^Kcw. Deutschland. Berlin, 15. Dez. ^Privatmitth.) Ter Antisemitismus kommt hier immer mehr zum Verstummen, und zwar aus dem einfachem Grunde, weil die Führer desselben sich allmählig verlieren. Der eine ist von Berlin weggezogen und mit mehreren Jnjurienprozessen belastet, und der Hauptführer, Hofprediger Stöcker, hat jetzt mehr zu thun, als auf die Juden zu schmähen. Auf dem Wege durch die antisemitische Agitation und die chri stlich-soziale Salbaderei ist er dahingelangt, wohin er wollte, als Vertreter der streng orthodoxen kirchlichen Partei angesehen zu werden. Wohl gemerkt, nicht durch eine wisienschaftliche Arbeit, nicht durch Kundgebung irgend eines höheren Gedankens, sondern allein durch sein demagogisches Treiben hat er sich hierzu aufgeschwungen. Diese orthodoxe Partei will die politische Macht erringen, um ihre Gegner, die Männer der wisienschaftlichen und freien Forschung, von Katheder und Kanzel zu vertreiben. Hierzu verhilft keine Wissenschaft und kein Geist, sondern das unumwundene materielle Drängen und Wühlen; dazu verhilft nur die gleichgesinnte Reaction; dazu verhilft endlich nur die Bundesgenoffenschaft mit dem Ultramontanismus. Jndeß kann ein solches Auftreten in unserer Zeit und in der protestantischen Welt nicht ohne den lebhaftesten Widerstand, nicht ohne den entschiedensten Gegensatz und Kamps vor sich gehen. Wie in früheren Zeiten sehen wir auch jetzt, wenn in dem einen deutschen Staate die verfolgungssüchtige orthodoxe Partei die Oberhand gewinnt, in anderen deutschen Staaten den Widerspruch sich frei erheben, um so freier, als die politische Gewalt ihnen nicht hinderlich ist. So sind es die theologischen Facultätcn zu Jena und Tübingen und ganz besonders der Superintendent Braasch zu Jena, welche den Kampf gegen Stöcker ausgenommen haben, denen dann in Preußen der Protestantenverein und der Lic. und Redakteur Websky sekundiren. Dieser immer stärker sich entzündende Streit, die Mitgliedschaft des Reichstags und die vielen anderen Aemter, welche auf den Schuldern Stöcker's lasten, gönnen ihm nicht mehr die Zeit, antisemitische Versammlungen abzuhalten. Jndeß ist dieser letztere Umstand es nicht, welcher uns ein hauptsächliche» Interesse an dem, was wir eben kurz geschildert, an dem Kampf innerhalb der protestantischen Kirche, erregt, vielmehr dieser selbst. Für die gesammte Kulturwelt ist es von tiefgreifender Wirkung, ob im Protestantismus die starre, ausschließliche und verfolgungssüchtige Orthodoxie oder der freie protestantische Geist die Obherrschaft hat, und Juden und Judenthum werden von jener Orthodoxie mit so feindseligen Augen angesehen und so gern theoretisch und praktisch mißhandelt, daß wir der Entwickelung der Dinge, dem Verlaufe jener Kämpfe mit dem größten Interesse anwohnen müffen. Dazu kommt aber eben, daß die reaktionäre kirchliche Partei sich, wie wir schon bemerkt haben, mit der politischen Reaktion verbindet, so daß wir nicht allein im Geiste, sondern auch in den realsten Verhältniffen davon berührt werden. So hat der Superintendent Braasch soeben „Ein zweites offenes Schreiben an Herrn Hosprediger Stöcker in Berlin" unter dem 6. Dezember erlaffen, das außer anderen schwerwiegenden Vorwürfen auch ausspricht, daß der Weg Stöckers nur in Rom enden könne. Auch von strenggläubiger Seite ist derselbe Borwurf erhoben worden. Der tapfere Kämpe Prof. vr. M. Baumgarten in Rostock hat soeben eine starke Broschüre ausgegeben: „Auf dem Wege nach Kanoffa. Eine christliche Ansprache an das deutsche Gewiffen." (Berlin, Stuhr, 1881.) Ihr eigentlicher Inhalt, das Verhältnis des Protestantismus zum Papstthum, kann uns an dieser Stelle nicht beschäftigen. Sie will „in eilfter Stunde" das Gewiffen der deutschen Nation wecken, und schon auf der ersten Seite erklärt der Verf. den Antisemitismus als eine schwere Verletzung dieses Gewiffens. Er sagt: „Plötzlich ist aus dem Grabe finsterer Jahrhunderte ein Ungeist heraufgestiegen und hat in der deuffchen Hauptstadt leibhafte Gestalt angenommen; zwar sind! die JudenmaffakreS der Kreuzzüge nicht mehr nach dem Ge- I schmack unseres Jahrhunderts, aber ihr brutales Muttermaal , kann die gegenwärtige Judenhetze nicht verleugnen. Denn sie schämt sich nicht, „unserer Nation eine Art Roheit sehr zu empfehlen" und, zur Rede gestellt, hinterher diese Art Roheit sogar als eine christliche Tugend zu vertheidigen, bei welcher Bertheidigung sich selbst die Zeitung mit dem Zeichen des Kreuzes betheiligt hat. Die civilifirte Welt spricht laut und stark ihr Erstaunen aus, daß ein solches Stück Mittelalter! unsere deutsche Gegenwart schändet." Der „Abscheu" hier-; gegen, welchen der Verf. „der freien Seele der Oeffentlich- I feit" zuschreibt, möge ein allgemeiner und vollständiger j werden. „Dem Geschmack unseres Jahrhunderts" ist es nicht j gelungen, die barbarischen Scenen in Rußland und Pommern zu verhindern. Auch das „plötzlich" ist nicht

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