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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-12-27 · Heft 52 (27.12.1881) · p. Seite 857

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 52 (27.12.1881)
Date
1881-12-27
Page
Seite 857 (sequence 5)
Language
German
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857 Die letztere Aeußerung klingt freilich nach dem Satze: „Der Zweck heiligt das Drittel". Jndeß sieht man, daß Herr Stöcker im Reichstage sich doch einer andern Sprache befleißigt als in seinen Versammlungen. Er führte dann eine Anzahl Juden an, welche, obschon sie Ausländer, mitgewählt hätten, und zog sich vom Abg. Richter die Rüge zu, daß er Dinge anführe, die von dem Berichte der Wahlprüfnngs-Commission als unwahr bezeichnet worden. Dies machte auch Abg. Ludwig Löwe geltend, der an „die bekannte Wahrheitsliebe Stöckers" erinnerte, warauf Stöcker mit dem Vorwurfe der „Unverfrorenheit" Löwe's antwortete. Abg. Richter bemerkte: „Auf die unzusammenhängenden Brocken, die Herr Stöcker aus seinen verschiedenen Wahlreden hier vorgebracht hat, etwas persönlich zu erwidern, fühle ich mich nicht veranlaßt, weil ich glaube, daß gerade dieses seine Rede am besten illustrirt". — Die Schlußrede „Namens der Antragsteller" hatte Prof. vr. Virchow. Er traf Stöcker mit den härtesten Schlägen, zieh ihn „geschmackloser Selbstüberschätzung". Stöcker leide an der „geistigen Disposition, sich iu eine höhere Stellung zu versetzen als ihm gebührt". Er sagte ferner: „Meine Herren, ich kann außerdem noch hervorheben, daß das, was sich damals in Berlin zusammengesammelt hatte unter der Aegide des Herrn Stöcker, die Gesellschaft, welche als konservatives Zentralkomitee figurirte, sehr wesentlich dazu beigetragen hat, dasjenige Gefühl in der Bevölkerung wachzurusen, das ich leider auch mit einem parlamentarischen Ausdruck nicht bezeichnen kann, das aber in der Berliner Wahl nachher in glänzendster Weise seinen Ausdruck gefunden hat. Wenn Herr Stöcker das heute noch nicht empfindet, dann muß ich in der That sagen, ist es mit seinem sittlichen Bewußtsein sehr schlecht bestellt." Weiterhin bemerkt Virchow: „Herr Stöcker möge mir verzeihen, wenn ich noch eins kurz daran knüpfe, nachdem er mich soweit provoziert hat. Er spielt mit dem Feuer. Es mag ja sein, daß er das nicht weiß und jetzt noch nicht merkt, aber das kann ich ihm doch bei dieser Gelegenheit nicht schenken, daß ich ihn daran erinnere, daß er cs gewesen ist, der die antisemitische Bewegung in Gang gebracht, daß er es gewesen ist, der ihr den eigentlichen Eharakter gegeben hat. Und dann, meine Herren, als die antisemitische Bewegung dazu überging, an das Eigenthum zu tasten, an die Personen zu greifen, da sagte Herr Stöcker: Ach, so war es ja nicht gemeint, das war cs nicht, was ich beabsichtigte!" Bekanntlich wurde der von der liberalen Partei ausgegangene Antrag mit großer Majorität angenommen. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 12. Dezember. Mit Vergnügen zeigen wir die Vollendung eines trefflichen Werkes an, über welches wir schon früher berichteten (S. 521.722). „Der Orient. Geschildert von AmandFreiherrn Schweiger-Lerchenfeld. Mit215Original Illustrationen, 4 colorirten Karten und 28 Plänen. (Wien. Hartleben. 1882.)", indem uns jetzt Lieff. 23—30 vorliegen. Wir betreten mit denselben Aegypten, durchwandern Nubien und den Sudan, fahren bis zu den Quellen des Nils, lernen Abessinien kennen, Tripolitanien und Tunis. Hierzu kommen Ergänzugshefte, die uns vieles Einzelne und einen Abriß aus der Geschichte des osmanischen Reiches bringen, gute Register vervollständigen die Brauchbarkeit des Werkes. Das Lob, welches wir in vollem Maße sowohl der typographischen Ausstattung, den vorzüglichen besonders klar ausgeführten Illustrationen, als auch der Darstellung des überreichen Stoffes, der lebhaften und anschaulichen Schilderung, dem immer interessirenden Style in unserer früheren Besprechung zu spenden hatten, findet auch seine Anwendung auf diesen letzten Theil, der das afrikanische Gebiet besaßt, soweit der Verfaffer es in seinen „Orient" hineinzog. Es sind weder die schönsten Theile der Erde, noch die liebenswürdigsten Menschen, noch politisch und sozial gut eingerichtete Staaten, die der Verfasser uns hier vorzuführen hat; und er taucht auch seine Feder nicht in schimmernde, verschönernde Farben, vielmehr zeichnet er scharf und mit vollem Schatten, wohin die Reise ihn führt. Ja wir verhehlen nicht, und das ist der einzige Vorwurf, den wir ihm machen können, daß er die Menschen und Zustände des Orients vom höchsten europäischen Standpunkt beurtheilt, und sich zu wenig auf die Stufe stellt, welche die Menschheit daselbst erreicht hat. Er vergißt, welche nachtheilige Wirkung die geschichtlichen Ereignisie auf alle diese Völker haben mußten, und welchen hindernden Einfluß auf die Entwickelung das heiße Klima hat; er übersieht, daß auch in europäischen Ländern, wie Rußland. Spanien, Sizilien noch vieles hinter dem zurückgeblieben ist, was als Fortschritt anerkannt wird. Allerdings ist der Verfasser darin unparteiisch, daß er die christlichen Bulgaren, Albanesen, Griechen, Armenier und Abessynier mit nicht weniger Schärfe konterfeit als die Türken, Araber und andere mohamcdanische Völker. Aber sein Gesammturtheil über den Islam ist in vielen Punkten oberflächlich und ungerecht. Wir wißen, daß gegenwärtig die christlichen Schriftsteller in dieser Beziehung nach zwei Seiten auseinandergehen: die einen können den Islam nicht tief genug Hinabdrücken, während die anderen, und dazu gehören diejenigen, welche dem Islam eingehendere! Studien widmen, ihm für das Morgenland Werth und Bedeutung in vollem Maße zuschreiben. Unser Verfaffer gelhört zu den Enteren. Wir wollen als Beispiel nur einen

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