Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-12-27 · Heft 52 (27.12.1881) · p. Seite 856

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 52 (27.12.1881)
Date
1881-12-27
Page
Seite 856 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227339-3227392--39520-3308841
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

856 sogenannten arbeitenden Klassen drückt, rief einestheils das Streben hervor, die Lage dieser Klassen zu verbessern, die Unbille, die auf ihnen lasten, zu mildern, anderntheils aber Anschauungen und Systeme, welche die ganze Gestaltung der Gesellschaft umzustürzen und umzukehren zu ihrem Inhalt haben, den Communismus und Socialismus. Einen Anklang an diese vernahm man schon zur Zeit des Terrorismus in Frankreich. Nach der Julirevolution fand sie ihren Ausdruck in der Presse. Während man in verschiedenen Staaten die schlimmsten Uebelstände für die Arbeiter inV Fabrikbetriebe, wie das Trucksystem, die Arbeit der Kinder und Frauen, die Arbeit am Sonntage gesetzlich zu beseitigen oder zu beschränken suchte, traten die verschiedenartigsten sozialistischen Systeme in der Presse auf und populäre Schriftsteller suchten ihnen durch Schilderungen des Volkselends Eingang zu verschaffen. Was Wunder, daß man 1848 in Frankreich von Staatsseiten Versuche der Realisirung anstellte, die vollständig mißglückten und in der furchtbaren „Junischlacht" ihr Ende fanden. Aber damit war nur ein kurzer Stillstand erreicht. Andere Geister, namentlich auch in Deutschland, bemächtigten sich des Gegenstandes, organisirten eine Partei, die theils international, theils in jedem einzelnen Lande und mit Erfolg wirkte. Während aber der Staat nothgedrungen den Wühlereien dieser Partei kräftig entgegentreten mußte, brachte es der Geist unsrer Zeit, der Geist der Humanität, der Gerechtigkeit und der Forschung dahin, daß einerseits Vermittlungsversuche, sei es vom Studirtische her — Kathedersozialismus — sei es aus der Machtsülle des Staates — Staatssozialismus — gemacht werden, andrerseits überhaupt die Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen bei Unfällen, Krankheit, Invalidität und Alter, Erhöhung der Arbeitslöhne und Verminderung der Arbeitszeit, auf die Tagesordnung kam. Die entwickelnde Bewegung hat sich dieses hochwichtigen Gegenstandes bemächtigt und strebt nach angemessener und 'dauernder Lösung, ohne die Grundfesten des gesellschaftlichen Lebens zu erschüttern. Dies ist die Reihe der Erscheinungen in ihren allgemeinsten Umrissen, die ich auf dem politischen und sozialen Gebiete zu beobachten hatte. Sie bilden den Hintergrund, auf welchem die einzelnen Strebungen und Kämpfe hervortraten. Und dennoch nur erst die eine Hälfte dieses Hintergrundes. Denn die eigentlich geistige Entwicklung zieht die Blicke des Beschauers erst recht auf sich, sowie nicht minder die mannigfaltigen Gestaltungen, die sich von diesem Hintergründe abheben, und denen ich mich in den folgenden Artikeln zuwenden muß. Der freundliche Leser sieht, daß ich in den sentimalen Anregungen, die sich so leicht in die Betrachtung der Vergangenheit einmischen, in die Erinnerung an so manche harte Bedrängniß, au so manchen fröhlichen Sieg, an die vielen in die Nacht der Vergangenheit zurückgetretenen Gestalten und Scenen keinen Raum gegeben habe, und so wollen wir uns der weiteren Betrachtung mit vollem Ernste und treuer Würdigung zuwenden. Die Sitzungen des deutschen Reichstages am 15. Dez. Der deutsche Reichstag hat in den angeführten Sitzungen erwiesen, daß er für eine sog. „Judendebatte" keinen Raum hat. Denn in der auf der Tagesordnung stehenden Verhandlung über einen die Wahlbeeinstußungen betreffenden Antrag kamen Gelegenheiten genug vor, um eine solche Debatte, wenn man die Lust dazu gehabt, zu veranlassen. Wir werden aus derselben an dieser Stelle hervorheben, was uns nach dieser Richtung hin interessirt. In der Morgensitzung erinnerte der Abg. Rickert an den bekannten Erlaß des Oberkirchenraths vom 20. Februar 1870, welcher die Geistlichen davor verwarnte, „ die Kirche, ihr Bekenntniß und ihre Organe als Mittel für bestimmte politische Parteizwecke zu gebrauchen", und forderte den Abg. Stöcker auf, „seine eigene Thätigkeit im Lichte dieses Reskriptes darzustellen". In der Abendsitzung sprach vor Allem Abg. Richter. Er ersparte Herrn Stöcker nicht den Borwurf, gegen die bestehende Gesetzgebung fulminante Reden gehalten zu haben. Er machte darauf aufmerksam, daß zwar früher von der Regierung den Lehrern jede Art der Agitation untersagt worden; aber an der Spitze der conservativ - antisemitischen Bewegung in Berlin stehen Lehrer und der Herr Reichskanzler richtet an diese Lehrer Briefe und bedankt sich bei Dr. Förster, Pros. Brecher u. s. w., trotzdem Dr. Förster eine Rede geholten, welche selbst die Nordd. Allg. Zeitg. nicht wiedergeben wollte, weil sie selbst „ihr zu arg" gewesen. Auf diese Aufforderungen antwortet denn auch Stöcker. Wie immer gab dieser Mann einen Krieskrams einzelner Behauptungen, die er für Thatsachen ausgiebt, ohne daß sie auf eine solche Bezeichnung irgend welchen Anspruch haben. Er sagte auch: „Vielleicht könnten Sie mir einen Borwurf machen, daß ich die Judenfrage in die Volksversammlungen getragen habe; denn daß ich sie behandle, dürfen Sie mir nicht zum Vorwurf machen. Jede Frage ist diskussionsfähig, auch diese. Wie sollen wir die unglückselige Macht, welche grade in dieser Frage liegt, zur öffentlichen Kenntniß bringen, außer in Volksversammlungen, außer durch die Mittel des öffentlichen Lebens, durch die allein diesem furchtbaren Uebelstände entgegen getreten werden kann? (!!) Darum mögen Sie sagen, was Sie wollen, ich kann da keine Schuld erkennen, und wenn Herr Rickerl glaubt, die Mittel, die angewendet wurden, tadeln zu sollen, so sage ich: die Mittel sind recht, wenigstens, -was unsere Parteibestrebungen betrifft."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.