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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-12-27 · Heft 52 (27.12.1881) · p. Seite 855

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 52 (27.12.1881)
Date
1881-12-27
Page
Seite 855 (sequence 3)
Language
German
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855 dem Constitutionalismus den heftigsten Widerstand entgegen,! kleiner, in Italien von fremden Herrschern regierter Staaten und um sie her eine Reihe abhängiger kleiner Vasallenstaaten zerrisien war. Das erwachte politische Bewußtsein mußte in Deutschland und Italien; in Spanien wechselten beide zugleich das nationale Bewußtsein wecken, und dieses ver- Staatsformen in unablässigen revolutionären Erschütterungen langte immer stärker nach der Einheit und Selbständigkeit mit einander ab. Meine Kindheit stand so noch unter dem der Nation. Hierauf eine krampfhafte Bewegung, ein schweres sanften Joche des rein patriarchalischen Absolutismus. Das Kämpfen, welchem schließlich doch nicht die eigene Kraft allein, Berhältniß des Herrschers zu dem kleinen Völkchen (Anhaltsondern das Zusammentreffen politischer Ereignisse den Sieg Deffau) war wirklich ein väterliches. Die Personen des fürstlichen Hauses wurden wahrhaft verehrt; in jeder Noth; nahm man seine Zuflucht zu ihnen und sie gewährten Hülfe,! wo und wie sie vermochten. Das politische Bewußtsein war im Volke noch nicht erwacht und das Jntercffe der gebildeten Stände drehte sich nur um Literatur, Wissenschaft, Kunst, Theater. Mit dem Jahre 1830 trat eine vollständige Wendung ein und es kam hier abermals zu Tage, wie viel sich im Stillen unter der ruhigen Oberfläche vorbereitet hatte. Ueberall trat die Forderung nach constitutioneller Verfassung auf, und selbst da, wo dasselbe von oben her mit aller Kraftanstrengung unterdrückt und verfolgt wurde, konnte der Beobachtende gewahren, wie schnell dieses Verlangen der Zeit bis in die unteren Schichten des Volkes hineingedrnngen. In der That war der Schritt vom Absolutismus bis zum Constitutionalismus ein weiter; denn außer der Beschränkung des Souveräns in der Gesetzgebung und den Finanzen galt es das Zugeständniß gewisser Freiheiten, wie für die Presse, die Versammlungen und Vereine. Es war daher natürlich, daß die Constitution oft nur scheinbar war, indem die damit verbundenen Rechte so illusorisch wie möglich gemacht wurden. Dies war es nun, was die dreißiger und vierziger Jahre nach dieser Richtung hin aussüllte, was die Geister in Streit und Widerstreit bewegte, die Erlangung der constitutioncllen Verfassung und da, wo sie bereits bestand, der Ausbau und die Verwirklichung derselben in freiheitlichem Sinne. Mit dem Jahre 1848 siegte der Constitutionalismus auch in Preußen und Oesterreich und trat hier wie nunmehr auch in den andern Ländern mit dem allgemeinen Wahlrecht auf, natürlich daß auch in diesen Staaten die Reaktion noch lange die Wirksamkeit der Verfassung einzuschnüren strebte. Hiergegen sucht die Entwicklung einen Schritt weiter zu gehen und zum Parlamentarismus zu kommen, welcher der Mehrheit der Volksvertreter das Recht giebt, auch der executiven Gewalt die Richtung vorzuschreiben, wie er bereits in England, Belgien, Frankreich besteht. Aber während dieses Verlaufes der politischen Berfassungsfrage hatten bereits andere innerlichere Momente sich soweit herangebildet, daß sie im europäischen Leben an das Tageslicht traten. Es war dies vor Allem das Nationalitätsprinzip. Am schwersten war dieses gewichtige Element der Völkernatur verletzt in Italien und Deutschland, wo die geschichtliche Entwicklung die Einheit der Nation in eine Menge verschaffte. Dieser Kampf des nationalen Bewußtseins gegen die seiner Befriedigung entgegenstehenden Elemente füllte die 50er und 60er Jahre, bis er in Italien wie in Deutschland zum Siege kam, dort einen Einheitsstaat, hier ein organisirtes! Reich aus sestverbündeten Regierungen mit einheitlicher Spitze! und Volksvertretung schuf. Dasselbe Prinzip regte die kleinen Völkerschaften im Donaugebiete auf, der verfallenen türkischen Herrschaft ihre Freiheit und Selbständigkeit abzugewinnen. Aber auch hier war es die Bergunst politischer Ereignisse,! welche dem nationalen Ringen zu Hülfe kam. Zu einer Ent- «schiedenheit gelangte dieses nationale Streben bis heute nicht |m dem aus so verschiedenartigen Völkerelementen zusammengesetzten österreichischen Kaiserstaate. Es brachte es nur bis zum Dualismus von Oesterreich'Ungarn. Der Kampf der slavischen mit den deutschen Stämmen des Reiches um die Oberherrschaft oder um ein nur föderatives Berhältniß wogt noch heute hin und her. — Konnten die europäischen Völker j mit der Verwirklichung dieser beiden Prinzipien sich beruhigen | und in dauernder friedlicher Zeit den Consequenzen derselben z ihre Aufmerksamkeit, die Ausbildung aller Institutionen wid-!men? Es war dies die Hoffnung der vorangegangenen Zeit,! aber sie blieb unerfüllt. Denn die in der Volksseele einmal I stark geweckte Bewegung, das in dieselbe eingezogene Prinzip! der Gleichberechtigung und der persönlichen Freiheit, welche j durch die Aufhebung der Leibeigenschaft und durch die Be- I seitignng der Privilegien und Monopole zum allgemeinen ' Grundsatz erhoben worden, brachte noch eine dritte Action hervor: die soziale Frage. Mit allen den politischen Äusregungen war eine Entwicklung der Industrie, angeregt durch die Ausbildung des mechanischen Wissens und Könnens und durch eine ungemessene Entfaltung der Verbindungsmittel in und zwischen den Ländern, zusammengetrvffen. Durch die Anwendung der Maschinen erhielt das Fabrikwesen auf den mannichfaltigsten Gebieten die beherrschende Stellung, und in Folge dessen bildete sich ein immer anwachsender Arbeitersland, der, bis dahin durch Gesetze ungeschützt, in eine Stellung vollster Abhängigkeit gerieth. In den Kontrasten, welche sich aus dem Gegensätze der politischen und der sozialen Lage herausstellten, entstand eine neue Strömung, welche die Gesellschaft ergriff und in ihren stärksten Fundamenten zu erschüttern drohte und noch jetzt droht. Von der einen Seite der angestachelte Neid der Besitzlosen gegen die Besitzenden, von der anderen das wachsende Mitgefühl mit Allem, was die 51*

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