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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-12-27 · Heft 52 (27.12.1881) · p. Seite 854

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 52 (27.12.1881)
Date
1881-12-27
Page
Seite 854 (sequence 2)
Language
German
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854 nur noch eine kurze Spanne Zeit vor ihm, aber im Lichtglanze der empfangenen und weiter gebildeten Gotteserkenntniß, in der besonnenen Ordnung sittlich erfüllten Strebens, in der Freude an den vielen Gaben der göttlichen Liebe und im Bewußtsein thätig gewesen zu sein für die Ziele der Religion und Sittlichkeit, der Intelligenz und Humanität, blickt er getröstet und gehoben auf alle Stürme und Mühen der Vergangenheit zurück. Es ist nicht die Aufgabe des gealterten Menschen, Rechenschaft von seinem eigenen Wollen und Thun zu geben. Dazu ist sein Blick zu begrenzt und sein Verlangen, von seinen Mitmenschen im günstigsten Lichte angesehen zu werden, zu groß. Ist die Selbsterkenntniß schwierig, so ist die Selbsttäuschung um so leichter. Der freundliche Leser wird demnach in der Betrachtung, die sich mir an solchem Tage aufdrängt, keine biographische Skizze erwarten. Auch sage ich offen, daß in einem gewissen Zuge zum Allgemeinen hin, der mich von früher Jugend an beherrschte, und im steten Drange der Gegenwart und der Sorge für die nächste Zukunft, sich niemals mein Blick dauernd auf die Vergangenheit, auf das, was in die Schatten der Erinnerung gesunken, heftete. — Was die Anschauung des hohen Alterthums von der Neuzeit wesentlich unterscheidet, das ist der Begriff und das Bewußtsein der Entwicklung in allen menschlichen Dingen, der fortschreitenden Entwicklung in der Geschichte der Menschheit. Der Ausspruch: „Es giebt nichts Neues unter der Sonne", „Alles vergeht und kommt wieder", und „was vordem war, erscheint von Neuem", ist charakteristisch für das Alterthum. Wenn aber auch in dem Schlußverse des angeführten Psalms von der „Festigung der Werke unsrer Hände" eine Andeutung gegeben ist, daß in der Aufeinanderfolge der menschlichen Werke doch ein Weiteres enthalten sei, als ein immer erneueter Aufbau und Zusammensturz, so können doch erst wir vom heutigen Standpunkte aus darin einen Keim des Entwicklungsbegriffes finden. Ueberaus merkwürdig ist auf diesem Boden die messianische Verkündigung der israelitischen Propheten von der dereinstigen Vervollkommnung des ganzen Menschengeschlechtes in Gotteserkenntniß und Sittlichkeit. Aber sie haben diese Ueberzeugung nicht als die Folge eines Entwicklungsprozesses, sondern als ein Werk der göttlichen Gnade und Vorsehung, als eine logische Folge der göttlichen Offenbarung angeschaut. Das Bewußtsein dieser Entwicklung hat mich durch mein ganzes Leben begleitet, ihm gab ich bereits im Jahre 1833 in öffentlichen Vorlesungen Ausdruck, und dasselbe bestimmt noch heute alle meine Ansichten und Urtheile. Wie das Universum aus der Gesammtheit aller einzelnen Wesen und Dinge, aber doch nicht in diesen einzelnen Wesen besteht, sondern in dem Zusammenhänge derselben, in der Eingliederung Aller, in der Organisation Aller zu einem Ganzen, in den Gesetzen dieser Organisation, durch welche alle einzelnen Wesen und Dinge mit einander bestehen: so ist es auch in der Menschheit. Ihr Leben, ihre Geschichte setzt sich aus der Summe aller Individuen, aller Strebungen und Ereignisse zusammen, und dennoch besteht es nicht in diesen, sondern nur in der Zusammenfügung, in der gemeinsamen Wirkung, im Causalnexe aller einzelnen Erscheinungen zum großen Ganzen, und hieraus folgt die fortschreitende Entwicklung des Ganzen, wie sie auch im Leben des Individuums das charakteristische Merkmal des menschlichen Wesens ist. Statt der einzelnen Erlebnisse, statt der „schwankenden Gestalten", die in unübersehbarer Menge an Jedem vorübergehen, heute zu gedenken, drängt es mich vielmehr, den Blick auf die zurückgelegten Entwicklungsphasen zu lenken, in den ungefähr 60 Jahren, die ich mit Bewußtsein durchlebt habe. Und fürwahr, das Ende gerade dieses jetzt ablaufenden Jahres giebt hierzu genügende Veranlassung. Die Geschichte lehrt uns, daß die Menschheit bisweilen Zeiträume scheinbaren Stillstandes durchmacht, und dann wieder eine außerordentliche Raschheit in ihrer fortschreitenden Bewegung kundthut. Scheinbaren Stillstandes, denn die Arbeit des Geistes steht nie still, und was in der Stille und Tiefe sich langsam vorbereitet und herausgebildet hat, tritt dann plötzlich und um so überraschender wie durch eine heftige Explosion zu Tage. Ein anderes Gesetz dieser Entwicklung besteht darin, daß, während noch das Ringen nach einem bestimmten Ziele, der Kampf um ein bestimmtes Gut in voller Hitze stattsindet, sich schon ein Anderes, Weiteres in der Tiefe vorbereitet, das nach kaum errungenem Siege des ersteren als ein neuer Kampfpreis zum Vorschein kommt. So giebt es Zeiten, in welchen die menschliche Gesellschaft gar nicht zur Ruhe kommen zu können scheint, wo die Treibkraft so angespannt ist, daß auf der, noch so schwer errungenen Stufe doch kein Haltpunkt gefunden wird und sie wieder nur als Vorstufe zu einer höhern erscheint. Eine solche Zeit dünkt mir die von mir durchlebte. Bei meiner Geburt stand die Macht Napoleon I. noch in ihrem Zenithe. Er plante den verhängnißvollen Feldzug nach Rußland, wohin er die bewaffneten Schaaren aus dem gesammten, durch sein Schwert gedemüthigten Europa — England ausgenommen — nach sich zog. Mit seinem Sturze begann eine neue Periode der politischen und sozialen Entwicklung. Diese ging zunächst nach dem Constitutionalismus, der auf dem ganzen Continent bis dahin außer dem kurzen Versuche von 1790 noch nirgend Wurzel gefaßt hatte. Aber der Absolutismus war bei der Neugestaltung der territorialen Verhältnisse doch bereits in mehreren Ländern unmöglich geworden, und so wurden alsbald constitutionelle Verfassungen in Frankreich und Holland, Dänemark und Norwegen und einigen deutschen Staaten eingeführt, während in Schweden und Mecklenburg sich noch die alten Landstände erhalten hatten. Aber gerade die mächtigsten deutschen Staaten, Oesterreich und Preußen, stellten

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