Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1881)
- Date
- 1881-12-20
- Page
- Seite 850 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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850 bunt bemalten Ziegeln bekleidet, die in reicheren Häusern Wohl > auch in den Wohnzimmern die Wände bis zum Plafond bedecken. In dem Hause meines jüdischen Cicerones wohnten acht Familien, alle mehr oder weniger mit einander verwandt- Die Thüren der einzelnen Wohnungen standen weit offen, denn die wenigen kleinen Fensteröffnungen geben nicht genügend Licht. Die Frauen grüßten freundlich lächelnd, indem sie ihr „Assalamu" murmelten, und dabei ihre eigene Hand an ihre Lippen führten, eine Art orientalisches Kußhändchen, das Einem mitunter lieber sein kann, als der Kuß selbst. Bald war das Gemach mit den übrigen Damen des Hauses gefüllt, die vor mir standen oder sich auf den Boden niederkaucrtcn. Einer solchen Phalanx von weiblichen Schönheiten gegenüber — denn schön und jung waren sie wohl alle — kam ich in nicht geringe Verlegenheit, umsomehr, als mich der Hausherr nun meinem Schicksale überließ und ich begann deshalb von den reizenden Stickereien zu sprechen, mit denen einige der seidenen Hemden verziert waren. Das war offenbar das ihnen willkommenste Thema, denn das Eis war gebrochen und in ihrem eingcnthümlichcn Jüdisch-Arabisch erzählten sie nun von ihren Toilettenschätzen, ihrem Schmuck, dem Kopfputz rc. Einige liefen davon, um ihre Parade-Pantalons und Hochzcitshemden zu bringen; die Hausfrau selbst kramte aus einer Truhe ihre Galakleider aus, und ich mußte wirklich über den Toilettenaufwand staunen, den diese augenscheinlich ärmeren Jüdinnen entwickelten. Die sammtenen Beinkleider waren mit den schönsten Goldstickereien geschmückt und werden, wir mir Madame Gialuly versicherte, mit drei- bis sechshundert Piaster (bis dreihundert Mark) bezahlt. Ebensoviel kosten die seidenen Ueberhemden und die „Kufia" (Kopfschmuck) rc. Als ich um Erlaubniß bat, die Wohnung besehen zu dürfen, wollte jede der jungen Hausfrauen mir die ihrige zuerst zeigen. Sie sind einander sehr ähnlich und unterscheiden sich nur durch den geringeren oder größeren Reichthum der Möbel. Das Paradestück der tunesischen Judenwohnung ist ein sehr breites stattliches Himmelbett, das die eine Hälfte des Empfangs¬ und Wohnzimmers einnimmt. Außerdem ist eine große bemalte Truhe oder ein Schubladekaften vorhanden, in welchem die Kleidungsstücke der Familie aufbewahrt werden; die Stelle der Tische und Stühle vertritt ein breiter, längs den Wänden entlang laufender Divan. Von der Decke hängen Lampen mit farbigen Papierketten und Papierblumen umwunden, und die Wände zieren eingerahmte Bilderbogen, wie man sie in Europa für wenige Pfennige kauft. Gewöhnlich stellen sie Frauenschönheiten in allerhand classischen Stellungen dar. Diese Lithographien sind auch in den Wohnungen der Millionäre neben Waffen-Trophäen der einzige Wandschmuck, und ich kann mich kaum erinnern, hier jemals ein Oelgemälde gesehen zu haben. Die Divans find mit buntem Kattun überzogen und besitzen statt der Rücklehnen Halfa-Mattcn, die an den Wänden befestigt sind. Neben diesem Empfangszimmer besitzt jede Familie noch einige Schlaskämmerchen, in welchen sich außer den primitiven Lagern und Waschbecken nichts weiter vorfindet. Das Paradcbett im Wohnzimmer wird von der Familie nicht benützt, sondern dient als Divan für den weiblichen Besuch. Die Küchen, in denen die einfachen, aus Brot und dem obligaten Kußkuffu bestehenden Mahlzeiten zubereitet werden, befinden sich zu ebener Erde. Manche reiche Familien, in deren Haus ich eingeführt wurde, besitzen eigene Empfangssalons, doch sind diese stets mit europäischen Möbeln so geschmacklos vollgepfropft, daß man diese Art „europäischer Civilisation" nur bedauern muß. Was mir in allen Häusern besonders auffiel, war der auf jeder Mauer und in jedem Stockwerk sich vorfindende Abklatsch einer geöffneten blutigen Hand. So weiß die Wände auch getüncht sein mochten, überall war dieses abstoßende Zeichen zu sehen. Jede Jüdin nimmt auch auf ihren Ausgängen eine aus Korallen oder Elfenbein geschnitzte Hand mit sich, denn sie hält dieselbe für ein Schutzmittel gegen das „böse Auge", das „mal occhio“. Wie die Mnslims, so sind auch die Hebräer höchst abergläubisch, und es wären darüber die köstlichsten Anekdoten zu erzählen. Jedes Lob seiner Kinder, Bilder, Pferde u. s. w. wird der tunesische Jude entweder durch das Ausspreizen seiner Finger oder dadurch unschädlich zu machen trachten, daß er die Zahl fünf ausspricht. In ganz harmloser Absicht lobte ich mitunter das Aussehen der thaisächlich schönen Judenkinder und war über die furchtbare Nervosität und Aufregung überrascht, welche dabei die Eltern befiel. Sie standen gespreizt, steif und zitternd da, als wenn ich einen elektrischen Strom durch sie geleitet hätte. Verläßt eines der Ihrigen für einige Zeit die Stadt, oder hat er gar eine Meerfahrt zu machen, dann schütten die alten Frauen dem Betreffenden Waffer nach. Trifft ein willkommener Gast auf Besuch bei ihnen ein, so zerschlagen sie auf der Thürschwelle ein Gefäß. So giebt es noch eine Menge anderer Details, welche auf ihren Aberglauben schließen lassen. In mehreren Häusern traf ich zwei und noch mehr Frauen in einer Wohnung. Ich hielt sie ursprünglich für Geschwister oder Verwandte, aber nachher stellte es sich heraus, daß sie alle die legitimen Frauen eines und desselben Manmes seien. Die Vielweiberei ist bei den tunesischen Juden ebenso viel, oder bester gesagt, ebenso wenig Sitte, wie bei den Moslims, denn die Wenigsten besitzen die Mittel zu einer so kostspieligen Extravaganz. Kosten doch ein Paar Beinkleider, wie wir gesehen haben, allein schon mehrere hundert Francs, und diese werden von den grandes Dames ebenso häugg gewechselt, wie bei den europäischen Modedamen die Toiletten. Eine vollständige Mormoncn-Ehe ist also in Tunis