Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-12-20 · Heft 51 (20.12.1881) · p. Seite 847

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 51 (20.12.1881)
Date
1881-12-20
Page
Seite 847 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227339-3227391--39510-3308830
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

847 urtheilt. Die Untersuchungshaft hatte bei ihnen eine Woche gedauert. Minden, 9. Dez. (Privatmitth.) An die Stelle Stöcker's ist mit großer Majorität der conservative Landrath von Oheimb gewählt, und zwar im ersten Wahlgang, während Stöcker erst aus einer Stichwahl hervorgegangen. Stöcker hatte übrigens zu Gunsten v. Oheimb's eine Rundreise durch den ganzen Wahlkreis gemacht. Der Letztere betreibt bekanntlich eine starke Schweinezucht und die dortigen Leute halten noch heute die Trichinose für eine bloße Erfindung. Es wurde deshalb als ein Agitationsmittel in Umlauf gebracht, das Trichinengesetz sei von den Juden bewirkt worden, welche selbst keine Last davon haben, da sie kein Schweinefleisch essen. Wer sieht nicht, daß nicht blos die eigentlichen Jesuiten dem Grundsatz huldigen: Jedes Mittel ist recht zur Erreichung des Zweckes. Aus Bayern, 8. Dez. Auch hier zu Lande werden die Gerichte bisweilen mit Antisemitengeschichten heimgesucht. Vom Landgericht Ansbach wurden drei israelitische Einwohner von Feuchtwangen wegen Mißhandlung des Kaufmanns Friedrich Klein von Schweln zu je 1t 0 M. Geldstrafe verurtheilt. Zwischen beiden Parteien war bezüglich der Semiten- und Antisemiten-Frage in einem Gasthause zu Feuchtwangen ein Streit entstanden, in defien Verlaus die inkriminirte Mißhandlung erfolgte. Der Herausgeber des in Würzburg erscheinenden Wochenblatts „Deutscher Antisemit", Johann Fella, hat mit Rücksicht auf den nahe bevorstehenden Vollzug der gegen ihn im Juli d. I. wegen Beleidigung ausgesprochenen mehrmonatlichen Gefängnißstrafe das Erscheinen seines Blattes bis nach der Rückkehr aus der Hast sistirt. Oesterreich-Ungarn. Wien, 6. Nov. (Privatmitth.) So sehr ich jeden Conflikt bedauere, in welchen unser Oesterreich geräth, so kann ich doch folgende Bemerkung nicht unterdrücken. Die Saat, welche Graf Andrassy als österreichisch - ungarischer Minister des Auswärtigen betreffs Rumäniens ausgesäet hat, beginnt bittere Früchte zu tragen. Er schloß bekanntlich mit Rumänien den Handelsvertrag ab, in welchem die österreichischen Staatsangehörigen jüdischer Religion geopfert wurden; er sprach sofort nach dem Schlüsse des Berliner Congresfes die Anerkennung Rumäniens aus, ohne die Erfüllung der vom Congresie festgestellten Bedingung der Gleichstellung abzuwarten, und nöthigte dadurch die anderen Congreßmächte zu einem gleichen Schritte. Oesterreich hat somit Rumänien großgezogen, und jetzt — ist cs gezwungen, seine diplomatischen Beziehungen mit Rumänien einzustellen! (Bekanntlich wegen der Donaufrage.) Die Herren Diplomaten wollen von einer gerechten Vergeltung auf ihrem Gebiete nichts wissen und halten vielmehr sich selbst für eine irdische Vorsehung. Aber sie müssen es erleben, daß eine solche Vergeltung dennoch Schritt vor Schritt eintritt. Pest, 3 Dezember. (Privatmitth.) In einer der jüngsten Sitzungen des Abgeordnetenhauses interpellirte Polonyi, ein Mitglied der Linken, mit großer Schärfe die Staatsanwaltschaft, woher es komme, daß sie nicht bemerke, daß man seit Jahren systematisch gegen einen Theil des ungarischen Volkes, gegen die Juden, in Zeitungen und Flugschriften eine Hetze betrieben, ohne daß die Autoren der betreffenden Brandschriften wegen Aufreizung zum Hasse gegen einzelne Bolksklaffen in den Anklagestand versetzt würden. Auf diese Frage antwortete nicht die Regierung, sondern Herr Victor Jstüczy, indem er verspricht, daß er demnächst erklären werde, warum er ein Judenfeind geworden, warum er es ist und in aller Ewigkeit bleiben werde. Die Abgeordneten werden also demnächst eine heitere Sitzung haben. Dänemark. Kopenhagen, 4. Dezember. (Privatmitth.) Es hat mich interessirt, aus Nr. 48 d. Zeit, zu ersehen, daß in Italien eine Gegenschrift gegen Ihre vor Kurzem erst in italienischer Uebersetzung veröffentlichten Schrift: „Haben wirklich die Juden Jesum gekreuzigt?" erschienen ist. Es ist dies jedenfalls ein Beweis, daß Ihre Schrift die öffentliche Aufmerksamkeit in nicht geringem Grade aus sich gezogen hat. Gestatten Sic mir daher, über etwas Aehnliches von hier zu referiren. Es sind bereits 14 Jahre, daß Ihre Schrift in dänischer Uebersetzung erschienen ist und die hiesigen öffentlichen Blätter sprachen sich zu jener Zeit in günstigster Weise darüber aus. Vor einem Jahre erst erschien von einem Amonymus eine kleine Gegenschrift, die aber gänzlich unbeachtet blieb. Erst vor einigen Wochen brachte ein hiesiges wenig gelesenes Blatt, ebenfalls anonym, ein Referat über diese Gegenschrift, das ich Ihnen anbei übersende. Ich glaube jedoch nicht, daß es eine Antwort von Ihnen verdient, wie ich es auch nicht für opportun halte, gegenwärtig eine Polemik über diesen Gegenstand hervorzurufen. Ohnehin durchschaut jeder Einsichtsvolle! leicht das jesuitische Gewebe, welches die Broschüre wie das; Referat zu Tage bringen. In beiden begegnet man auch nicht einem einzigen wesentlichen Argumente gegen Ihre Beweisführung. sondern sie suchen nur in schlauer Weise die ganze Sachlage zu verschleieren und umzudrehen. DicS zeigt schon der Schluß, welcher ihre Untersuchung als einen von den Juden ausgehenden Angriff zu bezeichnen sucht. Jedermann weiß, daß seit mehr als anderthalb Jahrtausenden den Juden dieser Prozeß zum Vorwurs und zur Schmach gemacht und zum Vorwand der hestigften Versolgungen benutzt wurde und wird; daß in den christlichen Schulen und Schulbüchern die Juden als „Brudermörder" und deshalb 51*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.