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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-12-20 · Heft 51 (20.12.1881) · p. Seite 844

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 51 (20.12.1881)
Date
1881-12-20
Page
Seite 844 (sequence 8)
Language
German
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gegen die Agitationen und das Benehmen Stöcker's momen* tan nichts helfen, ist gewiß; aber sie zeugen doch davon, daß ein großer Theil. wohl die Mehrheit des protestantischen Volkes von dieser Art geistlichen Wühlens und Treibens nichts wissen will und es verurtheilt, und da kann dem Agitator- Stöcker eine lange Dauer nicht gewährt sein. — Wie auch die hiesigen Blätter bemerken, ist das antisemitische Geschrei nach dem Schluß der Wahlen zum Reichstage so ziemlich verstummt. Jndeß darf man nicht glauben, daß diejenigen, welche sich aus diesem Treiben ein Geschäft und eine Nahrungsquelle gemacht haben, nicht auf jede mögliche Weise dasselbe wieder anzufachen versuchen, werden. Wenn man am Orte selbst, in Berlin, nichts mehr schaffen kann und der hiesige Anhang von Tag zu Tag sich mehr verliert, so sucht man von außen her einiges Stroh für das erlöschende Feuer herbeizuholen. Die „Schlesische Ztg." berichtet von hier: „In einer Versammlung des antisemitischen „deutschen Reformvereins" wurde mitgetheilt, daß als Gegengewicht gegen die Alliance Jsraelite eine internationale Antisemiten- Partei gegründet werden uud demnächst ein internationaler Antisemiten-Congreß in Berlin stattfinden soll." Nun, Bangeinachen gilt nicht. Man erinnert sich dabei an die mit so vielem Lärm angekündigte und völlig verfehlte Deutsche Antisemiten-Versammlung in Dresden, zu der sich kaum ein halbes Dutzend Leute aus drei oder vier deutschen Städten einfanden. Um wie viel weniger wird es aus anderen Ländern gelingen, und wir können nur einverstanden sein, daß diese von der eigenen Heerde verlassenen Herren sich ein neues Fiasco bereiten. Und was könnten sie gegen die Allianz thun? Wollen sie derren Schulen im Oriente aufheben? Wollen sie die von der Alliauet* geleitete Auswanderung von Flüchtlingen nach Amerika verhindern? Bermögen sie der AUüiutaauch nur das geringste politisch, sozial oder religiös Nachtheilige nachzuweisen? Giebt es keinen protestantischen Gustav-Adolph Verein? Giebt es keinen ka tholischen Vincenz- oder Borromäus-Berein u. s. w.? Erhebt sich gegen diese irgend eine internationale Liga? Mit hohlen Redensarten, mit gistigen Lügen richtet man aus die Länge nichts ans, wenn man selbst aus kurze eine Anzahl schwachsinniger Menschen verblendet. — Bei dem Bundesrathe ist von Seiten des Reichskanzlers ein Gesetzentwurf über Herstellung einer Berufs statistik im Ialne l8d2 cingebracht worden. Man wird sich erinnern, das; das Ansuchen um Herstellung einer solchen Berussstatistik zuerst von den Antisemiten ausgegangen, und die Forderung derselben in ihren Petitionen und Versammlungen immer zur Sprache gebracht ward. Man ist deshalb vielfach der Meinung, daß dieser Berussstatistik besondere Gedanken zu Grunde liegen. Abgesehen von dem antisemitischen Zwecke, zu erweisen, daß die Juden gewissen Berussarten unverhältnißmäßig oblägen, meint man, daß dieser Statistik politische Hintergedanken zu Grunde lägen, um „eine feste Organisation der einzelnen Berufskloffe» und daraufhin eine Reform des Wahlsystems nach festorganifirten Klassen zu begründen." Jedenfalls wird die Sache im Reichstage noch bedeutenden Schwierigkeiten begegnen. Was uns betrifft, so sehen wir eine genau durchgeführte Berussstatistik durchaus uicht ungern. Die Erkenntniß der Wahrheit bringt immer mehr Bortheile als Nachtheile mit sich. Die Antisemiten haben statistisch so viel über uns gefabelt und gelogen, daß bisher jeder richtige statistische Ausweis zu unserm Besten ausgefallen ist. Eine solche Bernfsstatistik ist aber auch im Stande, den Eltern bei der Wahl des Berufes für ihre Kinder die nützlichsten Winke zu geben, damit sie diese nicht schon übermäßig gefüllten Berufen zuwenden. — Die hiesige jüdische Hauptgemeinde, welche bisher zwei Synagogen als Eigenthum, und zwar die Alte Synagoge in der Heydereutergasse und die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße, besaß, hat jetzt eine dritte Synagoge, welche sie seit zehn Jahren in der Kaiserstraße 29 in Pacht hatte, käuflich erworben. Wie wir vernehmen, dürste der Abbruch dieser Synagoge erfolgen und sehr bald der Bau einer größeren Synagoge vor sich gehen. — Das sog. conservative Wahlcomite in Berlin hatte einen Protest von 27 Artikeln gegen die Wahl des Abg. Ludwig Löwe bei dem Reichstage eingereicht. Zu den Beschwerdepunkten gehörte auch, daß der Magistrat jüdische Restaurationen zu Wahllokalen, Juden zu Wahlvorstehern gewählt und ausländische Juden in die Wählerlisten ausgenommen habe. Tie Wahlprüsungscommifsion des Reichstages, die selbstverständlich aus Mitgliedern aller Fraktionen, also auch der conservative« besteht, hat einstimmig sämmtliche Beschwerdepunkte als unbegründet verworfen und ebenso einstimmig die Wahl Löwe's als vollständig rechtsgültig anerkannt. Das conservative Wahlcomil^ hat sich aber mit dieser Beschwerdeführung ein charakteristisches Denkmal gesetzt. — Aus Hcrmsdorf wird dem „Anz. f. d. Havelld." geschrieben: Der in Tegel ansässige Agitator Dr. Henrici hielt einige Tage vor der Reichstagswahl in dem zwischen hier und Tegel belegcnen Restaurant „Waidmannslust" eine Versammlung ab, in der es, wie wir seinerzeit berichteten, recht stürmisch herging. Die den Raffenhaß schürenden Reden des Dr. H. haben der königl. Staatsanwaltschaft Veranlassung gegeben, Anklage gegen Dr. H. zu erheben, und hat der hiesige Mühlenmeister Schumacher bereits ein Zengenverhör zu bestehen gehabt. Berlin, v. Dezember. (Privatmitth.) Gewiß werden Sie bereits von anderen Seiten aus den verschiedensten Gegenden unseres Vaterlandes erfahren haben, welche gute

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