Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1881)
- Date
- 1881-12-20
- Page
- Seite 839 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227339-3227391--39502-3308822- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
839 Begräbnisses war stets die der Juden, nämlich die Beerdigung. indem man den Körper, in ein Leichentuch gewickelt, in einen Sarkophag niederlegte. Das Kruzifix war noch nicht im Gebrauch, weil die christlichen Gnostiker das Leiden Jesu nicht zugaben und die Heiden daraus einen Gegenstand des Spottes gemacht hatten. — Bemerkenswerth ist, was Renan über die Ehe sagt: „Die Heiratb nahm einen hohen, religiösen Charakter an. Man hatte nicht nöthig, die Polygamie ab zuschaffen: die jüdischen Sitten, wenn auch nicht das jüdische Gesetz, hatten sie in Wirklichkeit unterdrückt. Der Harem war in vollem Sinn des Wortes bei den alten Juden nur ein ausnahmsweiser Mißbrauch, ein Borrecht des Königthums. Die Propheten zeigten sich ihm immer feindlich; das Per fahren Salomos und seiner Nachahmer war ein Gegenstand des Tadels und des Skandals. In den ersten Jahr- : Hunderten der christlichen Aera müffen die Fälle von! Polygamie bei den Juden höchst selten gewesen sein, denn , weder die Christen noch die Heiden werfen sie ihnen vor." Aus dem Boden der jüdischen Ehe, in Verbindung mit dem! römischen Recht, meint Renan, ist die hohe Idee der Familie! erwachsen, die noch in unseren Tagen die Grundlage der! europäischen Civilisation ist, so sehr, daß sie ein wesentlicher j Theil des Naturrechtes geworden. Hinsichtlich der Ehei scheidung stellte sich das Christenthum Anfangs auf die Seite des TheilcS der jüdischen Lehrer, welcher dieselbe möglichst erschwerte. Später untersagte es sie gänzlich. „Endlich, sagte Renan, setzte sich die Kirche in vollen Widerspruch mit dem Judenthumc dadurch, daß sic das Cölibat, die Jungfräulichkeit als einen der Ehe vorzuziehcndcn Stand ' ansah. Hierin näherte sich das Christenthum, übrigens waren ihm hierin die Therapeuten vorangegangen, ohne es zu wissen, den Ideen, welche bei den alten arischen Völkern die Jungfrau als ein heiliges Wesen darstellen. Die Synagoge hat immer die Ehe für obligatorisch gehalten." -- In den ersten Jahrhunderten gab es keine christliche Kunst. Man bewahrte in strengster Weise die deSfallsigen Vorstellungen des Judenthums, denen sich auch der Islam vollständig anschloß. Durch Maler, die in die christliche Gemeinde eingctreten, wurden zuerst die Grabdenkmäler ausgeschmückt, dann Porträts von Jesus und den Aposteln, Darstellungen der Heiligen verbreitet, und so ging allmählig die christliche Kunst aus der griechischen und römischen hervor. Tic Schönheit wurde damals verachtet, weil sic ein Werk des Satans sei. So gingen bald Christenthum und Judenthum völlig auseinander, und zwar zunächst durch das Dogma. Sie liefen dann eine Zeit lang noch parallel. Das J»identhum verfolgte konsequent seine Bahn, während der Pfad des Christenthums in das weite Gebiet der heidnischen Welt dinübcrschritt und hier, immer weiter von seinem Ursprung sich abwendend, gerade hierdurch seine Herrschaft begründete, erwarb und befestigte. vom Veliyiongmilerrichte. VIII. Paris, im Dezember. Kerickit cke» Orostrubbiner von Dari», nbergcben äem israckitischen Cvnsistvrillm von Dari», ia seiner 8>itzaag vom 12. Oktober 1881. Meine Herren! Beim Beginn dieses Jahres bat der Minister des öffentlichen Unterrichts auf Antrag des Oberraths entschieden, daß der Religionsunterricht künstig vom Prüsungsprogramm des Elementardiploins gestrichen werden soll, und in der That enthalten die Examina seitdem keine Fragen mehr über das Hebräische, die biblische Geschichte und den Katechismus. Diese Neuerungen verdienen die Beachtung des Consistoriums, das so gerechter Weise für den Religionsunterricht der jüdischen Jugend sorgt. Obgleich der Religionsunterricht schon vom Prüsungsprogrannn entfernt worden, ist das Gesetz von das ihn unter die obligatorischen Fächer des Primärunterrichts setzt, noch nicht von den Kammern aufgehoben worden und die Primär-Communalschulen, sowohl iür Knaben wie für Mädchen, müssen ihm noch einen gewissen Platz einräumcn. Es könnte jedoch kommen, daß Lehrer oder Lehrerinnen in den Communalschulcn ernannt würden, die den Beweis nicht geliefert haben, daß sie befähigt sind, in einem Lehrgegenstand zu unterrichten, der von dem Gesetze noch verlangt wird. Das Consistorium seinerseits hat öfters in den Schulen, die von ihm gegründet und unterhalten werden, Ernennungen vorzunehmen. Da es wesentlich darauf hält, daß der Religionsunterricht wie bisher ertheilt wird, ja da dieser Unterricht sogar eine der Ursachen der Consistvrialschulen ist, die so große Lasten sür die jüdische Gemeinde von Paris mit sich bringen, so ist es sehr wichtig, daß das Lehrpersonal, welches diese Schulen leitet, alle nötbigc Garantie darbieter, um unfern Kindern einen Religionsunterricht; zu sichern, der geeignet ist, sie zu aufgeklärten Israeliten zu machen, welche soweit wie möglich die hebräische Sprache erlernen und die Vorschriften und Dogmen ihres CultnS so- , wie die Geschichte ihrer religiösen Vergangenneit kennen. Noch mehr, meine Herren, unsere Lehrer und Lehrerinnen werden oft von den Familien beauftragt, ihren Kindern Religionsstunden zu geben, um sie zur Cvnnrmation vor zubereiten. Das Rabbinat, besonders in Paris, verfügt nicht über ein so zahlreiches Personal, um den Bedürfnissen eines solchen Amtes zu genügen, das, obgleich privater Natur, eine so hohe Wichtigkeit besitzt und sich der vollen Mühewaltung dcS Consistoriums empfiehlt. Es ist unentbehrlich, daß gute Lehrer, aus Laien gebildet, welche sowohl allgemeine Kenntnisse besitzen als auch in der Religion wohl unterrichtet sind, der Unzulänglichkeit des Rabbinats aushelfen. 51