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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-12-20 · Heft 51 (20.12.1881) · p. Seite 838

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 51 (20.12.1881)
Date
1881-12-20
Page
Seite 838 (sequence 2)
Language
German
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838 Einstweilen stellt die Gemeinde der Gläubigen, die Kirche, eine Art Stadt der gegenwärtig lebenden Heiligen, stets durck Jesus regiert, dar. Er hat seine Vollmachten den Aposteln übergeben, welche die Bischöfe und die ganze geistliche Hierarchie einsetzten. Durch das Abendmahl erneuert die Kirche ihre Verbindung mit Jesus, der dadurch in der Mitte der Seinigen gegenwärtig ist. Die Gläubigen sind der übernatürlichen Gaben des göttlichen Geistes theilhaftig, der ehemals die Propheten beseelte. Das Leben der Gläubigen muß ein Leben des Gebetes, der Ascetik, der Entsagung, der Trennung von der Welt sein, weil die gegenivärtige Welt von dem Fürsten des Bösen (Satan) beherrscht wird und der Götzendienst nichts Anderes als der Kultus der Dämonen ist." Dies also ist das Wesen des Christenthums am Ende des zweiten Jahrhunderts und in der Gegenwart. Renan fährt fort: „Eine folche Religion erfcheint Anfangs! als hervorgegangen aus dem Judenthuine. Der jüdische j Messianismus ist deren Wiege. Der erste Titel von Jesus, der von seinem Namen untrennbar gewordene Titel ist Christos, griechische Uebersetzung des hebräischen Wortes Meschiach. Das große geheiligte Buch des neuen Kultus ist die jüdische Bibel, seine Feste, wenigstens dem Namen nach, sind die jüdischen Feste; sein Prophetismus ist die Fortsetzung des jüdischen ProphetismuS. Aber die Trennung zwischen Mutter und Tochter hat sich vollständig vollzogen. Gegen 180 verabscheuen sich die Juden und die Christen im Allgemeinen gegenseitig. Die neue Religion sucht mehr und mehr ihren Ursprung und was sie dem hebräischen Volke schuldet, zu vergessen. Das Christenthum wird von der Mehrheit seiner Anhänger als eine ganz neue Religion angesehen, ohne ein Band mit dem, was ihr vorausgegangen." Im Verlaufe dieses Artikels stellt sich diese Trennung, die Abweichung von dem, was aus dem Judenthume herübergenommen worden, immer schärfer heraus, noch schärfer als in dem Bande Marc-Aurel selbst. Die ursprünglichen Momente sind aus dem Judenthume genommen, aber zu etwas ganz Anderem entwickelt. Es ist dies viel weniger im Oriente der Fall als im Occidcnte. Aber die judaisirenden Gemeinden des Client* gehen unter und das Christenthuin der Griechen, Lateiner und Germanen bleibt. Hier ist es nun, wo wir an Ernst Renan die Frage richten müssen: Slami er, indem er die angeführten Stellen niederschrieb, noch bei seinem früheren Urtheil über Judentbum und Juden beharre», und müßte er dasselbe nicht ausdrücklich widerrufen? Wales nicht bei dieser Entwickelung des Christenihums für die Juden eine natürliche, selbstverständliche Nothwendigkeit, in ihrer Religion zu verharren und sie mit aller Kraft, mit den ungeheuersten Cpfcin zu vertheidige»? War es dies nicht und ist cs dies nicht noch heute? War es nicht für sie eine v olle Lebensaufgabe, eine für sich und für die Allgemein-! heit nothwendige Mission, ihre Religion und den in ihr enthaltenen Lehrinhalt und Glaubensschatz für die kommenden Zeilen zu bewahren und aufrecht zu erhalten? Kann Renan . noch jetzt, wie er es mit so scharfen Worten gethan, be- < Haupte», daß das Judenthum mit dem Erstehen des ChristeuthumS überflüssig geworden, eine Mumie, und die Juden; seitdem nur als Skelette und Gespenster umherwandeln? Er, der in seinem jüngsten Werke die Nothwendigkeit des „aufgeklärten Judenthums" für die Religion der Zukunft be j hauptet hat? In der That kann Renan es uns, die er so schwer verletzt hat, nicht verargen, wenn wir uns mit einer! stillschweigenden Zurücknahme nicht begnügen, sondern ein offenes Wort verlangen. „So", sagt Renan, „war in dieser christlichen Kirche am Ende des zweiten Jahrhunderts schon Alles gesagt. Nicht eine Meinung, nicht eine Jdeenrichtung, nicht eine Fabel, welche nicht ihren Bertheidiger gehabt hätte." Dies in dogmatischer Beziehung, wo in der Trinität Christus das Werk der Schöpfung und der Vorsehung übernahm und Maria zu einer wahren Gottheit wurde. So in formaler Beziehung. Renan führt aus, wie sich der christliche Gottesdienst entwickelte. Hier hätte er wohl anmerken sollen, daß wesentliche Theile desselben, die Vorlesung aus der Schrift und das Absingen von Psalmen dem jüdischen Gebetcultus entnommeu waren. Auch der Islam machte die Vorlesung aus dem Koran zum Hauptmoment des Gottesdienstes. Schon Jahrhunderte vor dem Entstehen des Christenihums hatte sich der Gebetcultus bei den Juden organifirt und bei allen Gemeinden, so weit sie verbreitet waren, eingeführt, während der Opfercultus nur noch als pietätvolle Tradition bestand und mit der Zerstörung des Tempels aufgegeben wurde. Der Gebetcultus ist demnach ein Erzeugniß des Judenthums. Tie christliche Kirche führte jedoch den Gedanken des Opfers theils symbolisch, theils realistisch wieder bei sich ein, der erst durch die Reformation für den protestantischen Theil beseitigt wurde. — Renan zeigt ferner, daß Anfangs der Samstag und der Sonntag, jener als Tag der Schöpfung, dieser zur Erinnerung an die Auferstehung gefeiert wurden. Tann aber galt der Sabbath als ein Zeichen des Judenthums; der Sonntag galt als ein Tag der Freude, wo nicht gefastet und das Knie nicht gebeugt werden durfte, wurde Ruhetag der Sklaven und dann erst allgemeiner Ruhetag. Tie Verehrung der Märtyrer nahm eine solche Ausdehnung an, dasi die Juden und die Heiden einen nachhaltigen Vorwurf daraus machten. Tie Taufe war bei den Juden ein Vorläufer der Befchneidung für die Prvfelyten. Man beseitigte die letztere und erhob die erstere zur Hauptsache. Sie bekam einen mystischen Inhal' und wurde allmählig zur Taufe der Kinder. Die übernatürliche Heilung, die Aus- - treidung der Dämonen^ wurde sehr cultioirt. Die Art des

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