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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-12-13 · Heft 50 (13.12.1881) · p. Seite 823

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 50 (13.12.1881)
Date
1881-12-13
Page
Seite 823 (sequence 3)
Language
German
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823 die Verhältnisse anders gestaltet haben als in Deutschland, j Darum zieht folgende Broschüre, welche aus der Revuej pedagogique besonders erschienen ist, unsere Aufmerksamkeit auf sich: Enseignement normal de Phistoire des liebreux. Par Aristide Astruu. (Paris. Del&grave. 1681.) In Frankreich befindet sich das Schulwesen in einer schweren Krise. Während bisher die bedeutend größere Zahl von Schnlanstalten in den Händen der Geistlichkeit gewesen, also confessionell, will man sie jetzt durchaus allein von Laien geleitet wissen. Obschon die ungeheuere Mehrheit in Frankreich katholisch ist, soll dennoch die Schule durchweg consessionslos sein. In anderen Ländern, z. B. Deutschland, weiß man hinsichtlich der Simultanschule das System zu befolgen, daß der Religionsunterrichte ein intcgrirendcs Element der Schule bleibt, aber für jede Confession von den Religionslehrern crthcilt wird. Bei der großen Spaltung aber, welche in Frankreich zwischen Anhängern der bestehenden Religionen und den Gegnern derselben stattsindct, und bei der Obherrschast, welche die letzteren in der Regierung der Republik gegenwärtig besitzen, verwirft man dieses System, will den Religionsunterricht völlig aus der Schule verbannen und cs gänzlich den Eltern überlassen, ob sie privatim ihre Kinder von den Geistlichen ihrer Cousession religiösen Unterricht ertheilen lassen wollen oder nicht. Ganz besonders hat man es hierbei aus den Unterricht in der biblischen Geschichte gemünzt. Die französischen „Freidenker", welche jetzt den Staat beherrschen, stehen noch gänzlich auf dem Standpunkte Voltairc'S und der Encyclopädistcn, welche die Bibel mit einem sehr wohlfeilen Witze verfolgten und sic als eine Sammlung unmoralischer und abergläubischer Geschichten darstellten. Herr Astruc gesteht selbst ein, daß in Frankreich eine richtigere Auffassung, wie sie schon seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts in Deutschland und England durch vorzügliche exegetische und religiöse Arbeiten hcrgestcllt worden, nicht Platz gegriffen. Hierzu kommt eben, daß von Seiten der Anhänger der Religionen nichts zur Verbesserung des biblischen Unterrichts geschehen ist, sondern dieser, wie auch die vorhandenen Schulbücher über die biblische Geschichte zeigen, nur in wörtlichen Auszügen aus der Bibel, die einfach dem Glauben als historisch thatsächlich übergeben werden, besteht. Hieraus erfolgt ein krasser Gegensatz gegen die Ansichten der Zeit, die Lehren der Wissenschaft, die allgemeine Geistesrichtung, der das herangewachscne Geschlecht der Religion entfremdet, dem Zweifel und dem Unglauben in die Arme führt. Deshalb will man den biblischen Geschichtsunterricht vollständig beseitigen. Herr Großrabbiner Astruc schildert diesen Zustand und diese Verhältnisse in beredter Weise und will nun den Versuch machen, durch eine bessere Methode den Unterricht in der biblischen Geschichte zu retten, und ihn so zu gestalten, daß er aiufj seinen gegenwärtigen Gegnern plausibel werde. Sicherlich ist diese Bemühung sehr anzuerkennen; ob sie mit Erfolg gekrönt werde, ist eine andere Frage. In Frankreich, wo der Radicalismus eine so große Verbreitung und Macht gewonnen, sind die Gegner der Religion unversöhnlich und strengen alle Mittel an, um die Religion auszurotten. Wird ihnen dies auch nimmer gelingen, da die Religion ein integrirendcS Element und Bedürfniß der Menschenseele ist, so richten sie doch für ganze Geschlechter großen Schaden an und haben eine Entschuldigung nur in dem blinden und herrschsüchtigen Eifer einer stabilen Hierarchie, welche das Volk zu beherrschen und jede Geiftesbcwegung zu unterdrücken sucht. Der Mann, der unter Gambetta an die Spitze des Unterrichtsministeriums getreten, ist derselbe Paul Bert, welcher vor einiger Zeit in öffentlichen Vorträgen der Religion den heftigsten Krieg erklärt hat. Aber schon die Bemerkung des Herrn Astruc, daß es nur wenige Schulbücher für die biblische Geschichte und alle in derselben nüchternen Faz-on gebe, erweist, daß er nicht von Deutschland und England spricht. Schon wir Juden allein besitzen in Deutschland eine außerordentliche Menge solcher Jugendschriften und in sehr verschiedener Bearbeitung, und jedes Jahr sieht neue erscheinen, alte wieder aurlegen. Dabei sind wir längst über den Standpunkt hinaus, die biblische Geschichte nur als eine Sammlung von einfach that sächlichen Erzählungen zu behandeln; wir betrachten sie als eine reiche Quelle religiöser und sittlicher Belehrung, als eine Fülle gcmüthlichcr Anregung, und selbst bedeutende Männer der Wissenschaft erklärten die biblischen Geschichten vermöge ihrer Einfachheit, ihrer Tendenz zu religiöser und sittlicher Geistcsbelebung für ein vorzügliches und unentbehrliches Erziehmittel der zarten und aufwachsenden Jugend. Im Geiste der Bibel selbst, welche die Männer und Frauen, die sie un» vorführt, durchaus nichtals vollkommene Muster hin stellt, sondern neben ihren Tugcndc.n ihre Fehler, neben ihren Vorzügen ihre Schwächen zeichnet und uns damit Bilder aus dem wirklichen Menschenleben darbietet, wird überall auf die echte Moral hingcwiescn, die sich ja selbst aus üblen Handlungen entwickeln läßt, indem das Gegenthcil empfohlen wird. Man unterläßt vor Allem nicht, im Verlaufe des Unterrichts nach seinen verschiedenen Stufen die in der Tiefe liegenden Gedanken und Lehren aus der Hülle der Erzählungen, z. B. der Schöpfungsgeschichte, der Erzählung vom Paradiese u. s. w. hcrauszulöscn, und so den jugendlichen Geist vorzuberciten, auf diesen Gedanken- und Lehrinhalt das Hauptgewicht z>t legen und nicht auf die äußere Schale der Erzählung, auf den modus nan-andi. wodurch ein späterer Conflikt mit Wissenschaft und Kritik von vornherein aus dem Wege geräumt wird. Ties ist der Standpunkt, den wenigstens der bessere Lehrer in Deutschland einnimmt, und die Seminare richten ihr Bestreben dahin, solche Lehrer immer mehr au: 50*

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