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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-12-13 · Heft 50 (13.12.1881) · p. Seite 822

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 50 (13.12.1881)
Date
1881-12-13
Page
Seite 822 (sequence 2)
Language
German
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822 ihrer Befreiung, denken bis jetzt nur an den Landbau und verkaufen uns ihre Produkte und wir sind die einzigen Handeltreibenden und Kaufleute auf dem Lande. Wenn wir den Lokalinterefsen wirklich schädlich wären, so würde der Hatz der Bevölkerung in den neun Gouvernements des Westens schon gegen uns ausgebrochen sein, aber gerade das Gegentheil geschieht, die Intelligenz des Landes, repräsentirt durch den Adel und die Bourgeoisie der großen Städte, deren Mund die Warschauer Presse ist, und alle polnischen Schriftsteller wünschen seit lange, daß wir an ihren Ideen und Bestrebungen Theil nehmen; die Landbevölkerung empfindet für uns keinerlei Abneigung, wir leben in den besten Beziehungen mit den Eingeborenen; während der beklagenswerthen Seenen des letzten Frühjahrs hat die katholische Geistlichkeit ihr Möglichstes gethan, um diesen Unruhen zu vorzukommen und es ist ihr auch gelungen; überall da, wo der polnische Einfluß dem russischen Einfluß noch nicht nach gegeben hat, sind wir ruhig und geachtet geblieben. Sind dies nicht evidente Beweise unserer Unschuld'? Wenn wir nur niedrige Ausbeuter wären, wenn wir dem Lande nicht nothwendig wären, das wir seit fünf Jahrhunderten bewohnen, wenn es uns nicht gelungen wäre, in guten Beziehungen mit den Eingeborenen zu leben, hätten sie uns dann Interesse und Sympathie bewiesen'? Die Schläge, die uns getroffen haben, sind nicht von dem Lande ausgegangen, das wir bewohnen, sie sind anderswo hergckommen und Sie werden bald klar sehen, daß nicht unsere Vergehen dieses Unwetter herausbeschworen haben. Bis zum Tode des Kaisers Nikolaus war uns das Betreten der wirklich russischen Gouvernements verboten. Bei der Thronbesteigung Alexander 1t. haben die Juden, die zur ersten Gilde zahlen und die Handwerker die Erlaubniß erder Getränke beschäftigen, und trotzdem sind die Bauern dieser Provinzen nüchtern, wenn wir sie mit den wahren Russen vergleichen. Die Statistik dieser Provinzen wird Ihnen die Thatsachen bestätigen, welche wir anführcn, und sie wird ein glänzendes Zcugniß von dem wohlthäligen Einstuß liefern, welchen unser merkantiler Geist auf die Länder ausübt, in. denen wir leben. Noch ein Beweis zu unseren Gunsten Scheu Sie doch was in den Wirthshäusern vor sich geht, welche Eingeborene halten. Sie sind der tägliche Schauplatz von blutigen Seenen, von rohen Verbrechen, die in unsinnigen Wuthanfällen verübt werden, hervorgerufen durch das übermäßige Trinken starker Liquenre. Nichts dergleichen kommt in den Provinzen des ehemaligen Polen vor, wo die lokalen Verhältnisse uns das Monopol des Kleinhandels überliefert haben. Da wir selber mäßig, friedliebend und vorsichtig sind und wir sehr gut wissen, wie die betrunkenen Bauern in Excesse ausarten, lassen wir sie nie eine gewisse Grenze überschreiten, da dieses Zurückhalten uns sogar von unserem Erhaltungstrieb eingegeben lvird, denn es kommt oft vor, daß in einem Orte, wo Hunderte von Bauern wohnen, es an Israeliten nur den Wirthshausbesitzer und seine Familie giebt; auch bemühen wir uns eher den Ausschank der starken Liqueure zu beschränken als anzuregen, da wir die blutigen Excesse fürchten, deren erste Opfer wir sein würden. Unsere Vorsicht kommt den Eingeborenen zugute, sowohl materiell, wie moralisch. Die Bauern werden wohlhabender durch diese relative Mäßigkeit und die blutigen Streitigkeiten und die Mordthaten kommen seltener vor als in Rußland. Bei der Thronbesteigung des Kaisers Alexander II. erhielten wir das Recht, unsere Kinder in die öffentlichen Schulen zu schicken, aber das ist Alles, denn die amtlichen (Sanieren sind uns bis jetzt verschlossen. Wir können nicht Hallen, die Grenzen des ehemaligen Polens zu überschreiten, als Beamte in die Administration eintreten, das Avancement In dem eigentlichen Rußland traten wir mit den eingeborenen in der Armee ist uns unerreichbar, auch haben wir nicht das Kausleuten in Konkurrenz und ihr Haß ist es, der den Interessen . Recht, Land zu kaufen, und rvenn nun auch unsere Handelsder gegenwärtigen Regierung diente, welcher die Ursache von rechte beschränkt werden, so wird der größte Theil unserer Beder Verfolgung war, der tvir jetzt ausgesetzt sind. ^völkerung gezwungen sein, dem Hunger zu erliegen oder ein Wollen Sie noch Beweise für unsere Behauptungen'?! Land zu verlassen, das sie sich gewöhnt hatte, als ihre Hei- Hier haben Sie eclatante. Die sechs westlichen Gouvernements, math zu betrachten." die von Wilno, von Kowuo, von Grodnv, von Witebsk und j Das Memorandum drückt den Wunsch aus, daß Unparvon Mohilof, die wir hauptsächlich bewohnen, sind viel Mensche die wirklichen Zustände und Verhältnisse untersuchten, tveniger fruchtbar, als die Eentralprovinzen und die südlichen ' damit die Wahrheit uuverschleiert in allen civilisirten Ländern des Reiches, und doch erfreuen sich dort die Bauern eines erkannt werde, viel größeren Wohlstandes, als in den russischen Gouvernements, welche von der Natur mehr begünstigt sind. Der Charakter der Einwohner thut sicher sehr viel bei dieser Verschiedenheit zu Gunsten der Bewohner des Westens, aber die Entwickelung, die der innere Handel durch uns genommen,j wiegt auch sehr stark in der Wagschale des Wohlstandes. Im ist keine geographisch begrenzte. Wir haben Notiz zu nehmen Westen sind wir die Einzigen, welche uns mit dem Ausschank und Fragen zu erörtern auch aus Ländern, in welchen sich Vom Religionsunterrichte. VI. Bonn, MO. November. Die Ausgabe, die wir in diesen Blättern zu erfüllen haben.

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