Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1881)
- Date
- 1881-12-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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"Allgemeine Zeitung des Iudenlhums. Ein miMrtciischcS Organ für alles jüdische Interesse. ) Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! Preis Vierteljährig * Mark. Abonnej ment in Deutschland (Postzeitungsliste dir. i»L> und Oesterreich bei allen Postämtern. außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von- Rabbiner Or. Ludwig Philippson in Bonn. Expedition und Berlag: Baunrgärtner's Buchhandlung in Leipzig.! In redaeiionellen Angelegenheiten s wende man sich an vr.L. Philippson in | i Bonn direct, in allen übrigen an die , l Berlagshandluxg. Beilagen (Gebühr i 12 M.,! sind gleichialls an letztere eini ' zusenden. 45. Jahrgaug. Leipzig, den 13. December 1881. JnTo. 50. Inhalt. Leitende Artikel: Ein Memorandum aus Westrußland. — Vom Religionsunterricht. VI. u. VII. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn. Berlin. Sracgacd i. Pomm.. Cöslin, Äonitz. Beurhen, Aus Württemberg, Heide! berg. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. — Rußland: Petersburg. — Serbien: Belgrad. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Ludwig Barnay und Uriel Acosta im Grand-Dheatec zu Amsterdam. icilcnt’c Ortilrel. Bonn, den 7. December. (Ein Memorandum aus Westrnßland. Wir erhalten ein Memorandum aus Westrußland (den ehemaligen polnischen Provinzen), aus welchem wir die wichtigsten Stellen in wortgetreuer Uebersetzung wiedergcben. Unsere Glaubensgenossen in Rußland befinden und wissen sich in drohender Gefahr und cs ist kein Grund vorhanden, daß über diese traurige Lage geschwiegen werde. Tie Bcsürchtungen, welche das Circular des russischen Ministers des Innern, des Grasen Jgnatiew hervorrief, erfüllen sich leider immer mehr. Das Circular ließ Commissionen durch die Gouverneure cinsetzen, welche über die Frage, ob die Juden nützliche oder gefährliche Staatsbürger seien und ob die Rechte, die sie jetzt besitzen, aufrecht erhalten oder vermindert werden sollen, Gutachten abzugeben hätten, sprach sich aber sofort in so feindlichem Sinne aus, daß selbstverständlich jene Commissionen aus den entschiedensten Gegnern der Juden gewählt wurden und den ihnen vorgezeichneten Weg beschritten. Das Gutachten der Odessaer Commission, das wir mitgetheilt baden, und das Volhynische, von dem wir in dieser Rümmer Auszüge bringen (s. unter Petersburg), geben hinlängliches Zeugniß hiervon. Das Hauptcomit^ in Petersburg hat bereits angefangen, wie wir ebenfalls mitgetheilt, Ausnahmegesetze der schlimmsten Art zu beschließen, von welchen selbstverständlich jeder Jude sofort befreit wird, wenn er sich laufen läßt. Gerade hierin liegt der Beweis, daß cs mit der Schädlichkeit der Juden nicht weit her sein kann, denn diese getauften Juden fetzen ihre Lebensweise doch ungeändert fort. Es ist offenbar wieder einmal auf die Ausrottung der Juden abgezielt, wie schon einmal vor der Regierung Alexander II. Rach dieser Schilderung fährt das Memorandum fort: „Damit Sie die Schrecken unserer Lage und die Gefahren für die Zukunft auch wirklich verstehen lernen, müssen Sie die Stellung kennen lernen, die wir cinnehmen in denjenigen der neun Gouvernements, welche aus den Trümmern des ehemaligen Polens gebildet sind und die wir bewohnen. Als Lithaucn sich mit Polen im vierzehnten Jahrhundert vereinigt hatte, sind wir gegen das fünfzehnte dorthin gekommen; je nachdem der polnische Einfluß sich über diese großen, neu annectirten Provinzen ausdehnte, in desto größerer Menge zogen wir dorthin. In dem alten Polen herrschte der Adel ungethcilt, die Bauern waren Leibeigene, die Bürger sehr wenig zahlreich, besonders in dem Großherzogthum Lithauen, und da wir fast ganz die Stelle der Bourgeoisie ausfüllten, so machte es sich so durch die Verhältnisse, daß der ganze Handel des Landes in unseren Händen lag. Trotz aller politischen und sozialen Wandlungen, welche die Provinzen durchwachten, ist unsere Stellung dieselbe bis jetzt geblieben; die Adligen und die eingeborenen Bürger beschäftigen sich allerdings auch mit dem Handel in den großen Städten, aber die ehemaligen Leibeigenen, meistentheils Besitzer des Bodens feit