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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-12-06 · Heft 49 (6.12.1881) · p. Seite 818

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 49 (6.12.1881)
Date
1881-12-06
Page
Seite 818 (sequence 14)
Language
German
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818 Noch im Jahre 1808 wurden in Tunis siebzehn Juden ermordet, ohne daß die Uebelthäter irgendwie bestraft wurden, denn häusig steckte ein Minister oder General dahinter, der sich mit dem Gelde des Ermordeten bereichern wollte. Nicht genug damit. Die Juden mußten noch außerdem — wahrscheinlich aus Dankbarkeit dafür, daß man sie in der Stadt und am Leben ließ — durch ihr Oberhaupt eine sehr bedeutende Monatssteuer, circa 50,000 Piaster, an den Staatssäckel abführen! Und trotz all' dieser Bedrückungen und Erniedrigungen erhielten sich die Juden inmitten der maurischen Bevölkerung und erfreuten sich zum Theile größerer Reichthümer als ihre Bedrücker, die sie den Letzteren einfach wieder durch ihre weit überlegenen Fähigkeiten auf schlaue Weise abgewanncn. Tie Tunesier bedurften der Juden, um die von den Raubzügen heimgebrachte Beute zu Geld zu machen und an den Mann zu bringen. Wie dies die Juden bei ihrer strikten Absperrung zu Wege brachten, ist ein Räthsel. Genug, sie besaßen immer Geld, die geraubten Waaren zu kaufen, auf Schmuckfachen Vorschüsse zu geben, Gold und Münzen zu Schmuckgegenständen zu verarbeiten u. s. w. Viele Juden, und speziell die Nachkommen der aus Spanien vertriebenen, verstanden es, durch Bestechung und andere Gegendienste sich unter den Schutz irgend eines europäischen ConsulateS stellen zu lassen und damit unterstanden sie nicht mehr der Jurisdiction und den Gewaltthaten des Bey und seiner Minister. Deßhalb zählt auch heute nahezu jedes Confulat in Tunis zu seinen llnterthanen oder Schutzbefohlenen mehrere Hunderte, ja Tausende von tunesischen Juden. Heute, wo durch die Vermittlung der Consuln und hauptsächlich des französischen Vertreters die Bedrückung der Juden ein Ende genommen hat und sie vor dem tunesischen Gesetze mit den Mauren und Beduinen, ebenso wie mit den Ehristen gleich stehen, haben sie auch keine Ursache mehr, ihren Rcichthum so zu verbergen wie früher. Sie bauen sich neue Häuser in europäischem Geschmack, zeigen sich in schönen neuen Kleidern und ziehen in Folge ihrer geistigen Ueberlegenheit mit überraschender Schnelligkeit Handel und Gewerbe an sich. Tie viel Verschmähten nehmen heute angesehene Stellungen in der Regierung ein. Ter Schatzmeister des Bey ist ein Jude. Es giebt viele Aerzte, BanquierS, Kaufleute, Geldmakler und Advokaten unter ihnen, die mir der Regierung Geschäfte machen und sich auch im Vergleich zu ihren arabischen Berufsgenosscn einer viel angeseheneren und einträglicheren Praxis erfreuen. Nur werden sie noch immer von den Arabern gemieden. Ter sociale Bann, mit dem sie seit Jahrhunderten behaftet waren, besteht noch heute, und zwar zu größerem Nachtheil der Araber, als zum Nachiheil ihrer „Feinde". In dem großen tunesischen Bazar, wo sie früher verpönt waren und nur im Suß el Zara — dem Juwelcnlagcr — ihr Metier auSüben durften, haben sie sich schon überall eingenistet. — Tank dem segensreichen Wirken der in Paris ansässigen ,Union israelite“ werden die armen Judenkindcr in guten Schulen erzogen und in einzelnen Industrie- und Handelszweigen ohne Entgeld unterrichtet. Sie lernen neben ihrem angestainmten Arabisch auch die italienische und französische Sprache. — In den stets belebten, engen Gäßchen von Tunis bilden sie heute das wichtigste Element. Tcm Araber ist diese Beweglichkeit und Gewandtheit im Denken und Handeln nicht gegeben. Er besucht seinen Bazar, betet viel, promenirt wenig und läßt im klebrigen Allah walten. Seine Lebensaufgabe ist nicht Gelderwerb, sondern Ruhe, Zufriedenheit. Unter den vielen Nationen und Ra^en, auS deren Vertretern sich die Bevölkerung der interessanten alten Piratenstadt zusammensetzt, sind die Juden die zweitzahlreichstc und unstreitig die schönste Ra«.e. Wohl rühmt man vielfach die Schönheit der Mauren, aber die Letzteren sind häusig viel zu wohlbeleibt und von zu ausgesprochen weiblichen Zügen, um für männlich schön zu gelten. An Nachmittagen, besonders an Samstagen, hat man auf der schönen Promenade von Tunis, der Marina, Gelegenheit, Vergleiche anzustellen. Kabülen, Mauren, Vandalen, Beduinen, Türken, Europäer aller Nationen drängen sich da im bunten Gewimmel. Den Juden wird man durch seine Tracht, wie durch sein Aussehen, sofort herauskennen. Groß, kräftig gebaut, mit schönen, man möchre sagen edlen Gesichtszügen und stattlichen Bärten, zeigen sie sich in der ihnen eigenthümlichen, malerischen Tracht nur noch vortheilhafter. Sie sind jetzt darin lange nicht mehr an gewisse Gesetze gebunden wie früher, aber sie scheinen die angestammte Tracht dennoch bewahren zu wollen. Nur die Kopfbedeckung haben sie gewechselt. Früher war ihnen der rothe Fez oder die Schechia der Araber verboten und sie trugen den vorgeschriebenen schwarzen Turban um einen weißen Fez — eine Art Nachtmütze — gewunden. Heute haben sie ebenfalls den rothen Fez adoptirt, sind aber bei dem schwarzen Turban geblieben, während die jüngere Generation gar keinen Turban mehr trägt. Der weiße Turban der Araber ist ihnen wohl gestattet, aber sie tragen ihn nicht. Zu dieser malerischen Kopfbedeckung kommt eine hellfarbene, reich mit Goldstickereien gezierte kurze Jacke, die vorn offen ist: hellfarbene, oder bei den alten orthodoxen Juden noch immer schwarze faltenreiche Beinkleider, die unter dem Knie feftgehalten werden, endlich blendend weiße Strümpfe, die ihre prallen Waden im vorrheilhaftefteu Lichte zeigen. Tie gelb- oder rothledernen Pan roffeln der Araber hat der jüdische Galan jetzt mit den aus Europa importirten Lacklederschuhen vertauscht, deren Ferfentbeil er jedoch immer tiiedertritt und die er auch nur wie Pantoffeln benützt, so daß die bloße Ferse gewöhnlich ein

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